08.06.2001 PDF

Kritik am Anarchismus

Vorbemerkung: Hier soll es um theoretische Fehler gehen. Deswegen finden sich hier - der Sache angemessen - recht wenig freundliche Bemerkungen. Auch wird hier bewu├čt ignoriert, da├č auch schon AnarchistInnen und insbesondere anarchistischen TheoretikerInnen einiges aufgefallen ist, von dem, was ich hier kritisiere. Es geht hier um ├╝bliche Fehler von Leuten, die sich "AnarchistInnen" oder "Autonome" nennen. Andere Linke sind oft nicht besser - aber an ihnen gibt es meistens andere Sachen zu kritisieren.
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Daf├╝r, da├č es AnarchistInnen um Herrschaftslosigkeit geht, ist ihre Theorie, was Herrschaft ist, oft erstaunlich schlicht. Herrschaft wird zumeist als reiner Zwangszusammenhang mi├čverstanden, d.h. die mittels eines Gewaltapparats aufrechterhaltene Diktatur einer Minderheit ├╝ber die Mehrheit. Die Beherrschten kommen bei dieser Betrachtung ziemlich gut weg: Wie sie die Herrschaft reproduzieren durch ihr Verhalten, wie sie sich in den Verh├Ąltnissen einrichten, welchen - wirklichen oder vermeintlichen, relativen oder absoluten - Vorteil sie davon haben k├Ânnten, taucht in der ├╝blichen Betrachtung erst gar nicht auf. Das unverr├╝ckbar gute Urteil ├╝ber "das Volk", die "Massen", "die Arbeiterklasse", "die kleinen Leute", die "Normalb├╝rger" wird besonders dann komisch, wenn der Faschismus erkl├Ąrt werden soll - der scheint ganz ohne Bev├Âlkerung zustande gekommen zu sein, die ja auch "nur" mitgemacht hat. Die Untertanen tauchen ausschlie├člich als Opfer staatlicher Gewalt auf. Der kumpelhafte Schulterschlu├č mit den kleinen Leuten hat eine lange schlechte Tradition in der Linken. Die unbedingte Parteinahme f├╝r die Opfer, die zu besseren Menschen stilisiert werden (und wehe sie entpuppen sich nicht als die edlen Unterdr├╝ckten!), wird anders fortgesetzt, sp├Ątestens seit die rassistische Pogromwelle 1991/93 Mob klargemacht hat, da├č es sich bei den meisten deutschen Untertanen wohl kaum um verhinderte Revolution├Ąre handelt. (Die Fehlinterpretation von Hoyerswerda und Rostock als 'Sozialrevolte von rechts' hat sich nicht so recht durchgesetzt.) Kritik an den Standpunkten, die Opfer von Gewalt und Unterdr├╝ckung so haben, ist damit nat├╝rlich nicht zu machen - sie gilt als "arrogant", "elit├Ąr" und wird mit dem Hinweis auf den privilegierten Standpunkt der/s Kritikers/in totgemacht [(m├Ąnnlicher) wei├čer Metropolenintellektuelle/r]. Das Einverst├Ąndnis der Beherrschten mit der Herrschaft erkl├Ąren die AnarchistInnen sich meistens ├╝ber die Manipulation durch die Medien. Das bedeutet: Da├č am Bewu├čtsein der Leute vorbei, von anderen zielgerichtet in diesem Bewu├čtsein herumgewerkelt wird. Wie das gehen soll, ist kaum vorstellbar. Die eigene geistige Leistung der Untertanen, die ihre Stellung zur Herrschaft produziert, wird durchgestrichen - eben doch Opfer. Und wo es Opfer gibt, da m├╝ssen auch irgendwo T├ĄterInnen sein.... (Sehr viel intelligenter ist der Standpunkt "Die Menschen schmieden sich ihre Ketten selbst", den viele schlauere anarchistische TheoretikerInnen vertreten haben auch nicht. Als ob sich die Leute das aussuchen k├Ânnten! Die moralische Anfeindung der Untertanen f├╝r ihr Untertanensein ist wirklich keine gute Alternative.)
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Wer Herrschaft als reinen Zwang begreift, findet dann auch bald die, die zwingen: Die Herrschenden. Das m├╝ssen recht ausgekochte Kerlchen sein, die auf ihren Donnerstagstreffen manche Schandtat vorbereiten. Im Ernst: Die personalisierte Herrschaftskritik klebt den Herrschenden (wer immer das jeweils sein soll) die Schuld f├╝r den ganzen Schei├č als Folge ihres bewu├čten Tuns und Wollens ans Jackett. Sehr weit ist es dann zu einer Art Verschw├Ârungstheorie, die jede Entwicklung der b├╝rgerlichen Gesellschaft als Ausdruck einer Strategie von irgendwem definiert, nicht mehr. Da├č die Herrschenden "Schweine"/"Verbrecher" sind, rechtfertigt individuelle Gewalt, T├Âtungsphantasien ├á la "We have found new homes for the rich" etc. Strukturen sind so scheu├člich abstrakt. Die "B├Âsen" haben darum nat├╝rlich auch eine verachtenswerte Kultur (im Gegensatz zur tollen Kultur der unverdorbenen Massen, der "authentischen" Kultur der Leute im Trikont, des freundlicheren Umgang von Frauen miteinander - und was der Mythen mehr sind) - und werden ├╝berhaupt des unverdienten Wohllebens verd├Ąchtigt: Sozialneid statt Klassenkampf. (Die Leute, die unter dem Etikett "Marxisten" herumspringen, sind zumeist keinen Deut besser.) Der traditionelle Anarchismus hat(te) immer noch das Bild einer reichen ├ťberflu├čgesellschaft, in der die Menschen sich emanzipieren, im Kopf. Vor allem Autonome, aber auch ├ľko- und Eso-AnarchistInnen haben statt dessen die l├Ąndliche Idylle vor sich hinkrebsender Dorfgemeinschaften mit Subsistenzwirtschaft vor Augen. Im Hier und Jetzt ist darum revolution├Ąre Askese, hart aber herzlich, arm, aber anst├Ąndig usw. angesagt - das allerdings ganz lustvoll, bunt und wild !
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Und auch das beruht auf einer falschen Kapitalismuskritik, wie sie schon der traditionelle Anarchismus ebenso wie der "Arbeiterbewegungs-'Marxismus'" formuliert haben: Kritisiert wird gar nicht, da├č die Menschen von Strukturen bestimmt werden, da├č das Wertgesetz und die Zwangsgesetze der Konkurrenz die Gesellschaft bestimmen, sondern da├č "wenige" ├╝ber "viele" herrschen und es sich dabei gut gehen lassen. Da├č jede/r nur von den Fr├╝chten seiner eigenen Arbeit leben soll, und da├č Kapitalisten und Bonzen "Schmarotzer" und Parasiten seien, haben die AnarchistInnen (und die MarxistInnen leider auch) schon fr├╝h verk├╝ndet. Das ist eine langweilige Utopie der einfachen Warenproduktion - es stammt aus der seligen Zeit als der Gro├čteil der Leute die Produktionsmittel noch besa├č, mit denen mensch sich durchs Leben fressen mu├čte - und bl├Âd-moralische Kritik. Kein Wunder, da├č jede Menge Kapitalismuskritik, die nicht die Produktionsweise und Form des gesellschaftlichen Reichtums angreift, sondern die Zinsen abschaffen will (Gesell) und sich ├╝berhaupt f├╝r Kleinbetriebe und Landwirtschaft begeistern kann, ziemlich popul├Ąr ist. In einer Gesellschaft, in der der Antisemitismus aufgrund bestimmter historischer Umst├Ąnde durch ihr tagt├Ągliches Funktionieren immer wieder hervorgebracht wird, ist das darum auch struktureller Antisemitismus - selbst wenn keine/r was gegen Juden gesagt hat/haben will. Dieser ganze falsche und moralinsaure Zimt wird ironischerweise auch von denen geteilt, die selbst anders leben wollen, Klauen gehen, sich (sehr zu Recht) vor der Arbeit dr├╝cken und den ganzen bl├Âden Arbeitskult nicht mitmachen, weil sie die Emanzipation des Menschen als Ziel haben. Der Moralismus ist - im Gegensatz zum Marxismus/Leninismus - wesentlich gebrochener, ja widerspr├╝chlicher: Denn da├č Ehe, Malochen, den Gesetzen gehorchen und Blumengie├čen kein tolles Leben ist, und die b├╝rgerlichen Normen Herrschaftsmoral sind, haben zumindest die meisten Autonomen und AnarchistInnen gecheckt. An die Stelle der herrschenden kommt eine alternative Moral, die kaum weniger repressiv durchgesetzt wird.
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Den Staat abschaffen, wollen AnarchistInnen in der Regel - aber erkl├Ąren k├Ânnen sie ihn nicht. Hat der traditionelle Anarchismus ihn entweder als fiese Idee von herrschs├╝chtigen Finsterlingen oder als notwendiges Durchgangsstadium zur freien Entwicklung der Menschheit, das jetzt nicht mehr ben├Âtigt wird, begriffen, teilen die meisten AnarchistInnen heute die vulg├Ąrmarxistische Ansicht, der Staat sei das reine Werkzeug der Kapitals. Die langweilige Debatte, ob der Kapitalismus den Staat oder der Staat den Kapitalismus hervorbringt, ob erst die Herrschaft und dann der Reichtum oder umgekehrt da war (m├Âglichst noch "belegt" mit Robinsonaden aus der Altsteinzeit oder St├Ąmmen in Neu-Guinea), kann immer nur falsch ausgehen und ist es dann auch. Warum der Ausgang dieser Debatte irgendeinen Aufschlu├č dar├╝ber geben kann, ob der Staat abgeschafft werden sollte oder nicht, ist nicht so richtig nachvollziehbar. Wer die "Gesellschaft" (die ja echt klasse sein mu├č), vom Staat "befreien" will, der hat das Verh├Ąltnis Staat-Gesellschaft nicht begriffen. Da├č AnarchistInnen zudem oftmals politische K├Ąmpfe als eine Art brutal ausgetragenen Ideenwettbewerb zur L├Âsung allgemein menschlicher Probleme halten - also nicht begreifen, da├č der Kapitalismus zwar denen, die in ihm leben, jede Menge Probleme macht, damit aber gerade keine hat - teilen sie mit einer Vielzahl von Abteilungen b├╝rgerlicher und "sozialistischer" Politik. Die b├╝rgerliche Gesellschaft braucht den Staat als einen ihr gegen├╝berstehenden, scheinbar unabh├Ąngigen Gewaltapparat, weil die allgemeine Konkurrenz ohne einen Staat, der sie begrenzt, in der Tat zu Mord und Totschlag und zur letztendlichen Aufhebung der Konkurrenz f├╝hren w├╝rde. Diese Konkurrenz richtet der Staat aber eben nicht nur ein, sie bringt ihn als gesellschaftliches Bed├╝rfnis auch hervor. Das Gesch├Ąft l├Ąuft nur, weil die Gewalt sich nicht unmittelbar von ihm abh├Ąngig macht - und dennoch ist der Staat gerade dazu da, da├č der Kapitalismus funktioniert. Die Ableitung des Staates aus der politischen ├ľkonomie, besagt aber gerade nicht, da├č der Staat ein Instrument ist, das mensch doch auch f├╝r die guten und sch├Ânen Dinge (Sozialismus und so) benutzen kann. Im Gegenteil.
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Nicht nur "die Gesellschaft", sondern auch "der Mensch" erfreuen sich ziemlicher Beliebtheit bei AnarchistInnen. Genau wie jeder Staatstheoretiker den Staat "dem Menschen" abgelauscht haben will , wissen auch AnarchistInnen oftmals wie "der Mensch" eigentlich ist. Im theologischen Streit, ob "der Mensch" gut oder b├Âse ist, ergreifen sie f├╝r ersteres Partei: Herrschaft ist der S├╝ndenfall, die Revolution ist die Erl├Âsung , Kapital und Staat versauen im Moment die Menschennatur, die mit allerlei Menschenrechten ausgestattet ist, welche aber bl├Âdsinnigerweise durch den Staat -der sie gew├Ąhrt! - permanent verletzt werden. Bei soviel Unterdr├╝ckung der Menschennatur ist auch klar, da├č die Unterdr├╝ckung der Natur ├╝berhaupt, in der eigentlich freiwillige Kooperation und Solidarit├Ąt vorherrschen, ein recht b├Âses Unterfangen ist ( Kropotkins "Gegenseitige Hilfe...", Veganismus, Tierrechte). Da├č es die Menschennatur gar nicht gibt, sondern die jeweiligen Menschen nur das Ensemble ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Verh├Ąltnisse sind, da├č das Leben und Denken der Altsteinzeit wirklich keine Erkl├Ąrung f├╝r heute ist und die Menschengattung eine leere Abstraktion ist, die nichts erkl├Ąrt- da├č alles wissen AnarchistInnen in der Regel nicht. (Kein Wunder, da├č sich viele AnarchistInnen positiv auf den anthropologischen Unfug, den Marx in seinen Fr├╝hschriften abgelassen hat, beziehen.) Darum auch die Begeisterung f├╝r "V├Âlker ohne Regierung", die beweisen sollen, da├č es auch ohne Staat geht. Die Idealisierung vorstaatlicher (und vorkapitalistischer) Zust├Ąnde ist ein romantischer Antikapitalismus. Als Idealbild taucht ein Mittelalter ohne Pest, Hungersn├Âte, Adelsherrschaft und Hexenverfolgung auf, mit ganz viel heimeliger Gemeinschaft ohne Herrschaft in ├╝berschaubaren dezentralen Einheiten. Bis dahin werden Stammesgesellschaften kr├Ąftig idealisiert, "nat├╝rliche" und "authentische" Lebensweisen gegen den Coca-Cola-Imperialismus verteidigt, ├╝ber den b├Âsen Individualismus hierzulande geschimpft und technischer Fortschritt und moderne Naturbeherrschung per se als Teufelszeug gebrandmarkt - auch von denen, die ganz sch├Ân viel von Selbstbestimmung und freier Entfaltung halten.
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Der Begriff des Anarchismus und seine Stellung zur politischen Theorie mu├č aus dem Verh├Ąltnis von Staat, Staatsb├╝rger und Privatsubjekt entwickelt werden. Der Staat erm├Âglicht die Konkurrenz aller gegen allen, die er den Leuten aufherrscht, indem er sie begrenzt. F├╝r ihren Erfolg in der Konkurrenz, auf den sie verpflichtet werden, brauchen die Mitglieder der b├╝rgerlichen Gesellschaft den Staat, der ihren Erfolg beeintr├Ąchtigt (Steuern) und sie in der Wahl ihrer Mittel beschr├Ąnkt (Verbote), der ihr Mittel und zugleich ihre Schranke ist. Das Gelingen dieser Konkurrenz im Inneren ist Voraussetzung f├╝r den Erfolg nach au├čen in der Staatenkonkurrenz, und zwar sowohl der einzelnen Unternehmen, als auch des Staates ├╝berhaupt. Dessen Erfolg wiederum ist auch eine wesentliche Vorausssetzung f├╝r den Erfolg der Unternehmen in seinem Land. ├ťber dieses konfliktorische Verh├Ąltnis machen sich die politischen Theorien ihre Gedanken - mit dem Ziel des Bestehens in der Staatenkonkurrenz. Der Liberalismus vertritt die Sorge um eine zu gro├če Belastung der Privatsubjekte durch die staatlichen Garantieleistungen der Konkurrenz; der Konservatismus die umgekehrte Bef├╝rchtung, ein zuviel an Freiheit und zuwenig an staatlichen Garantien (u.a. "bew├Ąhrter", traditioneller Voraussetzungen, die nicht Gegenstand der Konkurrenz werden sollen: Ehe, Familie, Religion) zerst├Âre die Gesellschaft. Die Sozialdemokratie ist der angemeldete organisierte Anspruch, die Voraussetzungen der kapitalistischen Konkurrenz - zu denen eine funktionierende Arbeiterklasse geh├Ârt - gegen die Interessen des Kapitals zu sch├╝tzen und die Opfer des Normalbetriebs als m├Âgliche Voraussetzungen zu erhalten. Der Faschismus dagegen stellt sich auf den Standpunkt der Bew├Ąhrung der Nation in der Staatenkonkurrenz, und fordert die Unterordnung aller Privatinteressen unter den Staat, das Aufgehen des Privatsubjekts in den Staatsb├╝rger. Der Anarchismus ist genau das Gegenteil: Im Namen des Privatsubjekts bek├Ąmpft er die Gewalt , die dem angetan wird und verlangt die Abschaffung des Staates und des Staatsb├╝rgers. Deswegen ist der Anarchismus urspr├╝nglich auch nichts anderes als radikalisierter Liberalismus (Godwin, Stirner, Mackay, mit Abstrichen Proudhon). Erst als der Anarchismus in die Arbeiterbewegung einsickerte, wurde daraus etwas Kommunistisches: Statt der Parteinahme in der konfliktorischen Beziehung und sei sie noch so radikal, das Bem├╝hen der Aufhebung des ganzen Verh├Ąltnisses.