01.05.2014 PDF

Der Hass auf Homosexuelle

Thesen zur Kritik der bĂŒrgerlichen SexualitĂ€ten

A. Natur, Gesellschaft, Individuum

1. Homo-, Bi- und HeterosexualitĂ€t sind nicht biologisch bestimmt. Alle Forschungsversuche, die einen Beweis fĂŒr eine biologische Ursache von HomosexualitĂ€t liefern wollten, haben sich bemĂŒht, statistische ZusammenhĂ€nge zwischen sexueller Neigung und Körpermerkmalen zu finden. VergrĂ¶ĂŸerte OhrlĂ€ppchen, Hodenbeschaffenheit, Gehirnbesonderheiten, DNS-Sequenzen etc. mĂŒssten jedoch, selbst wenn innerhalb der untersuchten Gruppe eine Überschneidung bestĂŒnde, nicht unbedingt deren Ursache sein – schließlich ist das vermehrte Auftreten von MĂ€nnern mit weißen BĂ€rten und roten MĂ€nteln rund um den 24.12. auch kein Beweis dafĂŒr, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt.Ein Beweis muss den inhaltlichen Zusammenhang aufzeigen, welcher als statistische Korrelation unmöglich zu erbringen ist. Die Wissenschaft ist bis heute unfĂ€hig geblieben, auch nur erste Anhaltspunkte zu liefern, dass sich das sexuelle Begehren aus der Biologie ergibt. Es wird ihr auch nicht gelingen, denn das menschliche Sexualverhalten ist nicht biologisch determiniert; mit nebulösen Hinweisen das Verhalten sei zu 20, 30, 50 oder 70 % genetisch determiniert, der Rest sei irgendwie Sozialisation, illustrieren entsprechende Wissenschaftler_innen nur den unwissenschaftlichen Charakter ihrer AusfĂŒhrungen.

2. Die Natur liefert wohl die materiellen Voraussetzungen von menschlicher SexualitĂ€t (Körper mit Nerven, Gehirn, FlĂŒssigkeiten usw.), die jeweilige Gesellschaft aber die Bedingungen, unter denen sie stattfindet (in Form der politischen Herrschaft mit ihren Gesetzen und Verordnungen, aber auch als durchgesetzte Vorstellungen, Erwartungen und SehnsĂŒchte im menschlichen Miteinander, ebenso in Form von Wissen ĂŒber SexualitĂ€t und in den Spielzeugen, Hilfs- und Anregungsmitteln). Die Inhalte und Formen des Sexuellen jedoch – also das, was alle daran interessant finden – entstehen aus dem Denken und FĂŒhlen der Einzelnen, die diese Voraussetzungen und Bedingungen mit eigenen Vorstellungen aufladen, verinnerlichen, ĂŒbersetzen und interpretieren. Die Menschen gehen geistig-tĂ€tig mit der Welt um, und sind nicht einfach Wirkung einer Ursache.

3. Das “Natur”-Argument halten viele fĂŒr so einleuchtend, weil ihnen ihr eigenes sexuelles Begehren als etwas erscheint, was sie nicht Ă€ndern können. Falls sich ihre sexuelle Orientierung im Laufe ihres Lebens dann doch einmal verĂ€ndert, meinen sie in der neuen Form zumeist ihre ureigenste, zuvor unterdrĂŒckte, wahre sexuelle IdentitĂ€t zu entdecken. Gerade weil der moderne Mensch in Liebe und SexualitĂ€t sein wahres Wesen ausdrĂŒcken will und seine IdentitĂ€t darin findet, zu sein, wer er ist (und nicht fremdbestimmt), soll seine SexualitĂ€t und sein Verlieben eben auch ganz seins sein. Den langen Weg, den jedes bĂŒrgerliche Subjekt von seiner Geburt bis zur Entwicklung explizit sexueller Phantasien und Praktiken zurĂŒcklegt; die FĂŒlle von Erfahrungen und Entscheidungen; all die sinnigen und unsinnigen Gedanken und GefĂŒhle der Menschen zu ihrem Begehren, den Objekten ihres Begehrens und deren Verhalten – all das erscheint so dem Menschen wie ein langer Weg zu sich selbst und ist rĂŒckblickend sinnvoll in die eigene Geschichte eingeordnet. Der Prozess erlischt im Resultat.

4. Politischen Anklang bei der Schwulenbewegung hat die sexuelle Vererbungslehre dadurch gefunden, dass sich damit gegen Therapie- und Bestrafungskonzepte kĂ€mpfen ließ – und alle fundamentalistischen Christenmenschen sich dann die Frage gefallen lassen mĂŒssen, warum der Herrgott die Schwulen und Lesben so geschaffen hat, wenn er sie denn hasst. Die Vorstellung der SĂŒnde setzt eben den freien Willen voraus, gegen Gottes Gebote verstoßen zu können. Wenn HomosexualitĂ€t vererbt ist, dann kann sie keine SĂŒnde sein. Das Argument ist aber defensiv, oft hilflos, immer dumm und gefĂ€hrlich und hat im schlimmsten Fall brutale Konsequenzen. Defensiv, weil die Homosexuellen als determinierte Tröpfe vorgestellt werden, die vielleicht ja anders wollen wĂŒrden, wenn sie nur könnten – anstatt zu sagen, dass es Lust bereitet und auch keinen Schaden anrichtet.1 Hilflos, weil lĂ€ngst Ideologien entwickelt wurden, um den Widerspruch zwischen göttlicher Schöpfung und angeblich natĂŒrlicher HomosexualitĂ€t zu ĂŒberbrĂŒcken („besondere PrĂŒfung“, „wir lieben Homosexuelle, aber hassen ihren sĂŒndigen Lebensstil“ etc.). Ein rechter Moralist wird sich von „schwulen“ SchwĂ€nen nicht von seinem Hass auf Homos abbringen lassen. Dumm und gefĂ€hrlich, weil es einem Biologismus das Wort redet, der alles von der Arbeitslosigkeit bis zum Zungenkuss aus der Abfolge von AminosĂ€uren erklĂ€rt, und damit von Menschen gemachte VerhĂ€ltnisse zu unverĂ€nderlicher Natur (v)erklĂ€rt. Es hat im schlimmsten Fall brutale Konsequenzen, weil wenn HomosexualitĂ€t als Übel betrachtet wird, das durch die Natur hervorgerufen wird, dies auch zur Konsequenz haben kann, alle Homosexuellen und sonstigen „Abweichler“ mindestens auszugrenzen und zu Ă€chten – wenn nicht zu vernichten.2

5. Die Menschen machen ihre SexualitĂ€t selbst – aber sie machen sie nicht aus freien StĂŒcken: Sie können nicht einfach durch Beschluss auslöschen, was ihnen mit und ohne ihren Beschluss widerfahren ist und was sie aus ihren Erlebnissen bewusst und nicht-bewusst gemacht haben. Weil die Psychoanalyse einmal versprochen hatte, genau solche Mechanismen aufzuzeigen und handhabbar zu machen, suchten viele Homosexuelle in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren „Heilung“ bei ihrem Therapeuten. Die Psychoanalyse hatte sich – nur in teilweisem Einklang mit ihrem BegrĂŒnder – bezĂŒglich der HomosexualitĂ€t fĂŒr Jahrzehnte zu einer reinen Hetero-Norm- Durchsetzungstherapie entwickelt. Dabei wurden die albernsten, widersprĂŒchlichen psychologischen Theorien ĂŒber familiĂ€re Bedingtheit von HomosexualitĂ€t hervorgebracht (mal waren die MĂŒtter zu kalt, mal zu liebevoll, mal zu dominant, mal zu abwesend – mal waren die VĂ€ter zu kalt, mal zu liebevoll, mal zu dominant, mal zu abwesend). Heute ist die vorherrschende Meinung in der Psychologie, HomosexualitĂ€t sei „multifaktoriell“ verursacht und sie gibt damit wenigstens zu Protokoll, dass sie auch keine Ahnung hat, woher die Homos (und die Heteros) denn nun kommen.

6. Was nicht weiter schlimm ist – die Frage nach der Ursache oder den Ursachen von HomosexualitĂ€t ist nĂ€mlich blöd. Sie ist fast immer Auftakt zur Pathologisierung oder Verfolgung und macht letztlich Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender zur erklĂ€renswerten Anomalie – anstatt grundsĂ€tzlich zu fragen, woher denn das Konzept kommt, ausgerechnet an primĂ€ren und sekundĂ€ren Geschlechtsmerkmalen eines Menschen festzumachen, ob er oder sie als Sexual- und Liebespartner_in in Betracht kommt. Denn auch wenn die Beschaffenheit des Körperbaus, die Körperbehaarung und das Vorhandensein eines Penis oder einer Vagina3 sexuell mehr oder weniger reizvoll sein können: a) Gibt das biologische Geschlecht zu sehr vielen dieser Fragen gerade mal eine Wahrscheinlichkeit an, da MĂ€nner und Frauen und Trans*- und Inter*sexuelle glĂŒcklicherweise nicht so einheitlich sind, wie die gĂ€ngigen normativen Vorstellungen behaupten und ist b) die sexuelle Besetzung von körperlichen Attributen nicht unabhĂ€ngig von den Gedanken und Vorstellungen, die mensch sich darĂŒber macht. Im Übrigen gehen die gĂ€ngigen Konzepte immer wieder davon aus, dass Liebe und sexuelle Anziehung eigentlich zusammenfallen sollen und mĂŒssen. Das ist aber gar nicht so.

7. Homo- und HeterosexualitĂ€t sind zwei einander entgegengesetzte Konsequenzen aus dem herrschenden GeschlechterverhĂ€ltnis, nĂ€mlich nur eins der beiden anerkannten Geschlechter zu begehren. Daran ist nichts logisch, aber auch nichts weiter verwerflich. Zwar bedeutet es erstmal, einen grĂ¶ĂŸeren Teil der Weltbevölkerung von vornherein nicht sexuell und amourös interessant zu finden. WĂ€re das die einzige Folge der ganzen sexuellen IdentitĂ€tshuberei, so wĂŒrde man ebenso wie bei Menschen, die keinen Spinat mögen, die Schultern zucken und sich maximal wundern, warum GeschmĂ€cker so verschieden sein können. Aber die VerhĂ€ltnisse sind nicht so: Sexuelle IdentitĂ€t ist keineswegs nur ein verfestigtes Geschmacksurteil, sondern eine handfeste Sortierung mit einer blutigen Geschichte und brutalen aktuellen Konsequenzen.

 

B. Konstruktion, Verfolgung und Legalisierung der HomosexualitÀt

8. Homosexuelle Handlungen gibt es seit es sexuelle Handlungen gibt, wann immer mensch das datieren will. Homo-, Bi- und HeterosexualitĂ€t als fest umrissene, alle anderen Formen des Begehrens ausschließende Konzepte, die weit ĂŒber die Frage hinausgehen, mit wem mensch Strohmatte oder Bett teilen mag, sondern das innerste und eigentliche Wesen des jeweiligen Menschen ausmachen sollen, sind hingegen ein Produkt der entwickelten und durchgesetzten bĂŒrgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Vorher war eine gleichgeschlechtliche Handlung geheiligt, akzeptiert, ignoriert, verdammt und/oder verfolgt, aber es war eben dies: Eine Handlung. Das Sichfestsetzen der sexuellen TĂ€tigkeit, diese Konsolidation des eignen Handelns zu einer kategorialen und sachlichen Gewalt ĂŒber Menschen, die ihrer Kontrolle entwĂ€chst, eventuell ihre Erwartungen durchkreuzt und Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente der geschichtlichen Entwicklung von der „SĂŒnde“ zur „Perversion“, von jemanden, der die „SĂŒnde Sodoms“ begeht, zu einem Menschen, der „homosexuell“ ist. Die Identifikation bestimmter Sexualpraktiken, Eigenschaften und Verhaltensweise mit Homo- und HeterosexualitĂ€t folgt auf dem Fuße.4

9. Es wĂŒrde zu weit fĂŒhren, hier eine Geschichte des gleichgeschlechtlichen Begehrens durch die verschiedenen vorkapitalistischen Produktionsweisen und vor- und frĂŒhbĂŒrgerlichen Herrschaftsformen zu versuchen. Das Zusammenspiel von Herrschaftsinteressen und -konkurrenzen, durchgesetzter Sittlichkeit (inklusive Religion), Stabilisierung der jeweiligen GeschlechterverhĂ€ltnisse, und KĂ€mpfen zwischen und innerhalb der jeweiligen Klassen um den Reichtum der Gesellschaften und ihrer VerlĂ€ngerung in die verschiedensten Bereichen, entzieht sich in der Allgemeinheit der systematischen Bestimmung. Was aber ein Blick in die Geschichte von sexuellen Handlungen immerhin leistet, ist dies: Er widerlegt das fromme GerĂŒcht, in frĂŒheren naturverbundeneren Zeiten hĂ€tten die Menschen sich immer nur so sexuell betĂ€tigt, wie es sich das moderne konservative und faschistische Pack wĂŒnscht, und die heutige „Sittenverderbnis“ sei ein Produkt moderner Entfremdung von den „Naturgesetzen“. Die Apologeten einer Vergangenheit, die es nie gab, wird mensch damit zwar nicht treffen, andere Leute aber mögen ins Denken kommen.

10. Freilich besteht kein Grund diese Zeiten schwĂ€rmerisch zu idealisieren: Dass in der europĂ€ischen Antike fĂŒr freie erwachsene MĂ€nner alle denkbaren Körperöffnungen aller anderen Menschen zur sexuellen Befriedigung zur VerfĂŒgung standen, ist keine vom IdentitĂ€tszwang befreite SexualitĂ€t, also jenes freie Spiel der LĂŒste, das vernĂŒnftig wĂ€re, sondern ein patriarchales GewaltverhĂ€ltnis gewesen. Nicht anders verhĂ€lt es sich mit irgendwelchen Initiationsriten bei „den“ Germanen oder sonstwo, und selbst wo bei den Native Americans dritte und vierte soziale Geschlechter die Möglichkeit boten, sich nicht vom biologischen Geschlecht festlegen zu lassen, welche Rolle mensch in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu spielen hatte, war dies ja nicht das Heraustreten aus den Zuordnungen. Sexuelle Befreiung kann ihre Ziele nicht in der Vergangenheit finden.

11. Dass das BĂŒrgertum seinen politischen Aufstieg nicht nur politisch, (a-)religiös und ökonomisch legitimierte, sondern auch sittlich; und dass alle Formen der SexualitĂ€t, die nicht auf die monogame, lebenslĂ€ngliche, romantische Zweierbeziehung mit Kinderwunsch hinausliefen, gleichermaßen die Dekadenz des Adels wie die AnimalitĂ€t der unteren Klassen zeigten und somit den Herrschaftsanspruch der Bourgeoisie illustrierten, ist nur das eine. Mit der Durchsetzung der Konkurrenz aller um den gesellschaftlichen Reichtum als ökonomischem Prinzip wurde gleichzeitig ein „Normalmaß“ fĂŒr Konkurrenzsubjekte durchgesetzt: „weiß“, mĂ€nnlich, gesund, heterosexuell, StaatsbĂŒrger mit gewisser Bildung und eigenen RĂŒcklagen. Der Kampf aller möglichen Gruppen um gleichberechtigte Teilnahme an dieser Konkurrenz und Anerkennung als vollwertige StaatsbĂŒrger_innen mag dies in den westlich-kapitalistischen Gesellschaften etwas aufgeweicht haben, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sich ein wenig verschoben haben. Die traditionelle Fassung des Ideals eines erfolgreichen bĂŒrgerlichen Konkurrenzsubjekts, das sich weder von GefĂŒhlen noch von seiner Lust beherrschen lasse, ist, verbunden mit der falschen Vorstellung, die richtige Haltung sei eine Erfolgsgarantie, ist weiterhin gĂŒltig und höchstens leicht modifiziert worden.5

12. Die Furcht, von den Angehörigen der produzierenden Klassen könnte es zu wenig geben, weil sie sich der Erzeugung zukĂŒnftiger Untertanen und ArbeitskrĂ€fte verweigerten, hat viele Herrschaften bewegt; gerade wenn sich die LebensumstĂ€nde der unteren Klassen verschlechterten. Darum sind auch schon vorbĂŒrgerliche Herrschaften – und zwar ganz unabhĂ€ngig von den sexuellen Vorlieben der jeweiligen FĂŒhrungsfiguren – auf die Idee gekommen, das sexuelle und reproduktive Verhalten zu steuern. Dass dabei nicht nur Kindertötung, sondern auch Abtreibung und VerhĂŒtungswissen, und sogar „unproduktives“ Sexualverhalten in den Fokus der Herrschaft geriet und verfemt und verboten wurde, war folgerichtig. Dass die bĂŒrgerliche Herrschaft hier noch ganz anders und deutlich totalitĂ€rer zuschlug, weil sie die Bevölkerung als zu bewirtschaftende Ressource der Kapitalvermehrung entdeckte und als notwendigen Pfeiler der Herrschaftssicherung noch ganz anders in Beschlag nahm, kann kaum verwundern, ebenso wenig wie die vielfĂ€ltigen ideologischen Radikalisierung, die gar nicht immer funktional waren.

13. In frĂŒheren Tagen betrachtete der bĂŒrgerliche Staat SexualitĂ€t als potentielle Gefahr fĂŒr die Gesellschaft. Er forderte Unterordnung, Verzicht, Bescheidenheit und Unterwerfung. Da passte eine SexualitĂ€t, die „nur“ auf Lust aus war, und keine ArbeitskrĂ€fte, Untertanen und Soldaten zu versprechen schien, nicht recht ins moralische System. Entsprechend ging der Staat dagegen vor und ließ nur eine alternativlose Weise zu, die SexualitĂ€t sozial anerkannt und staatsdienlich auszuĂŒben: Die Ehe. Dass er in ihr, und ihrer VerlĂ€ngerung, der Familie, seine Keimzelle sieht, sich dauernd Sorgen macht, dass das bedingungslose FĂŒr-Einander-Einstehen aufgrund von Liebe und Verwandtschaft aufgefressen wird von jener Konkurrenz, die es nötig macht – das hat sich auch in jĂŒngsten Tagen nicht geĂ€ndert.

14. Heute aber hat der moderne bĂŒrgerliche Staat SexualitĂ€t als eine weitere Tröstungsquelle akzeptieren gelernt. Er will BĂŒrgerinnen und BĂŒrger, ja notfalls sogar BĂŒrger_innen, die ihr Leben als Chance zur Selbstverwirklichung sehen, auch sexuell. GeĂ€ndert hat sich darĂŒber auch sein Blick auf jene BĂŒrger_innen, die er vorgestern noch im Verdacht hatte, die öffentliche Ordnung zu gefĂ€hrden, Cliquen zu bilden, Jugendliche zu verfĂŒhren und generell Manneskraft, weibliche FĂŒgsamkeit und soldatische Tugenden zu schwĂ€chen und die er gestern herablassend ausgrenzte, weil sich ja nur um ihr VergnĂŒgen kĂŒmmerten und sich genau den sittlichen Pflichten entzögen, auf die es ihm ankommt. Er traut ihnen nunmehr zu, was er frĂŒher noch bezweifelte —und so hat der „bindungsscheue Schwule“ der gleichgeschlechtlichen Bedarfsgemeinschaft mit wechselseitiger Unterhaltsverpflichtung nach Hartz IV Platz gemacht. Das hat dann auch zur Verschiebung der Argumentation gefĂŒhrt: Die Staatsagenten haben es dann aufgegeben, Schwulen generell Verantwortungslosigkeit vorzuwerfen, wo diese doch dauernd darum kĂ€mpfen, fĂŒreinander Verantwortung ĂŒbernehmen zu dĂŒrfen. Jetzt geht das Ressentiment eher so: Schwule seien zur VerantwortungsĂŒbernahme fĂŒr kleinere Menschen sittlich-moralisch per se nicht in der Lage, sondern benutzten Kinder nur zur Selbstverwirklichung – bekanntlich ganz anders als die heterosexuellen Eltern, die ja nur ans Große und Ganze denken, wenn sie Nachwuchs produzieren.

15. Vorangegangen war dem, dass Mitte / Ende der 1960er Jahre die westlichen Staaten die Regulierung der SexualitĂ€t ihrer BĂŒrger nicht aufgaben, aber nach neuen Prinzipien gestalten. Danach nahm die polizeiliche Überwachung und Verfolgung der – zumeist mĂ€nnlichen – HomosexualitĂ€t stark ab und hörte dann irgendwann, spĂ€testens in den 1990er Jahren, auf.6 Dadurch wurde erst eine öffentlich sichtbare schwule und auch lesbische Subkultur ermöglicht, die noch ganz davon lebte, ein Gegenentwurf zu den sexualmoralischen Vorstellungen der bĂŒrgerlichen Gesellschaft zu sein und ein Maß an Befreiung ermöglichte, von dem Veteran_innen noch heute sehnsuchtsvoll berichten. Sie war aber zugleich eine Illustration der Tatsache, wie sehr auch die AufstĂ€nde und Übertretungen noch den Konventionen gehorchen, gegen die sie sich subjektiv richten: Denn das in den 1970ern entworfene Modell z.B. des Schwulen nahm immer wieder Bezug auf die Klischees der bĂŒrgerlichen Gesellschaft.7

16. Genau diese Subkulturen wurden in West- und Nordeuropa, Kanada, Australien und Neuseeland – nicht aber in den USA – nach dem Auftauchen von AIDS in den 1980er Jahren ein wichtiger Juniorpartner des Staates beim Kampf um die Volksgesundheit und zugleich auch zum Vermittler bĂŒrgerlicher Normen in den Rest der schwulen Szene hinein. Heute sind viele verbliebenen Schwulenorganisationen weit entfernt von jeglicher Kritik an der Gesellschaft, um deren vollstĂ€ndige Anerkennung ihrer Liebes- und Lebensweisen sie so hartnĂ€ckig kĂ€mpfen. Die lesbische Subkultur hat sich dagegen im Rahmen der feministischen Bewegung entwickelt und ist so angepasst und unangepasst wie diese; sie ist deutlich weniger Adressat sexualpĂ€dagogischer BemĂŒhungen des Staates und seines Gesundheitssystems.

17. Der Staatssozialismus hat zu der Emanzipation der Homosexuellen nichts rechtes, und auch nicht viel Linkes beigetragen. Zwar hatte die alte sozialistische Arbeiter_innenbewegung und ihre sozialdemokratischen und kommunistischen Erben brav die Abschaffung der entsprechenden §§ gefordert, wo aber die Polemik gegen die „Dekadenz der herrschenden Klassen“ oder gegen politische Gegner _innen es sinnvoll erscheinen ließ, da waren von Anfang an auch schwulenfeindliche Töne zu hören. An der Macht setzten die Bolschewiki zunĂ€chst die sexualpolitischen Forderungen um; aber schon ein Jahrzehnt spĂ€ter war unter Stalin Essig mit der kommunistischen Libertinage und Homosexuelle wanderten ins Arbeitslager. Dabei blieb es in der UdSSR, ebenso wie in China und Albanien. Wenn auch die DDR - die sich schrittweise von den verschĂ€rften Nazi-Paragrafen 175 und 175 a wegentwickelte, wĂ€hrend diese in der BRD bis 1969 weitergalten – mehrere Ostblockstaaten und Jugoslawien dem Westen voraus waren in der Legalisierung konsensualer homosexueller Handlungen, so blieb das Ideal der bĂŒrgerlichen, pardon sozialistischen Kleinfamilie und die bĂŒrgerliche, pardon sozialistische Sexualmoral blieb weitgehend unangetastet. Schwule und Lesben, gar nicht zu reden von Trans- und Intersexuellen hatten kein einfaches Leben.

18. Unbestritten ist das Leben von Schwulen und Lesben in westlichen Staaten heute sehr viel einfacher als noch vor ein paar Jahren. Nach wie vor aber sind Hetero- und HomosexualitĂ€t Sortierungen, aus denen eine Menge Leid und Gewalt folgen. Wenn das Pochen auf diese IdentitĂ€ten die Massen ergreift, werden sie selbst eine materielle Gewalt – auch gegen die, die sie nicht teilen.

 

C. Die neue Toleranz und ihre Feinde

19. Jenseits der Bilderbuchmalereien in HochglanzbroschĂŒren von Unternehmen, die ihr Diversity- Management anpreisen, gibt es noch eine wirkliche Welt voller Ignoranz, Projektion, und auch noch immer direktem und deutlichem Hass und Ekel. Die heterosexuelle Vorannahme verunsichert auch heute noch Homosexuelle in modernen westlichen Gesellschaften und zwar nicht erst, wenn Schwule und Lesben zusammengeschlagen werden. Dass homosexuelle Jugendliche sich hĂ€ufiger selbst töten und verletzen, ist unbestritten. Die permanente, gar nicht immer bös gemeinte oder absichtliche ZurĂŒckweisung und Ausgrenzung „Anders“liebender und -vögelnder bringt so ihre Macken und MerkwĂŒrdigkeiten hervor, genau wie, wenn auch anders das heterosexuelle Geschlechts- und Liebeslebens und homosexuelle Versuche, es zu imitieren, ihre brutalen Konsequenzen habe. Es gibt keine befreite SexualitĂ€t in repressiven VerhĂ€ltnissen.

20. Wie jede Gruppe eignet sich auch die Gruppe der Homosexuellen zur Projektion. Mit scheinbar positiven Urteilen, wie sie wĂ€ren kreativer (Schwule) oder durchsetzungsstĂ€rker (Lesben) als ihre Geschlechtsgenoss_innen, können viele Betroffene vielleicht besser leben als mit anderen Attributen, mit denen sie belegt werden – ein Ideal, dem mensch zu entsprechen hat, ist damit aber aufgemacht. Wie leicht die Verwandlung scheinbar positiver oder neutraler Zuschreibungen in negative funktioniert, ist eine Gruppe erstmal als „anders“ definiert, kann mensch an den verschiedensten Gruppen durchdeklinieren; auch Komplimente können in ein Anderssein einsperren, das mensch sich nicht ausgesucht hat und auch nicht aussuchen wollte.

21. MĂ€nner und Frauen mĂŒssen auch in westlichen Staaten hĂ€ufig um ihre Gesundheit fĂŒrchten, wenn sie als „schwul“ bzw. „lesbisch“ bezeichnet werden. Ekel wird beiden entgegengebracht – im Umgang mit lesbischen Frauen kommt noch stĂ€rker eine Ignoranz etwa in Form der Einordnung als vorĂŒbergehende Phase hinzu. Das hat seine dumme Logik: Wo SexualitĂ€t in erster Linie als Eiertanz um den Schwanz begriffen wird, und nur erfolgreicher Steckkontakt als wirklicher Sex gilt, da zĂ€hlt alles andere nichts und wird nicht als bedrohlich empfunden. Anders als durch phallische SelbstĂŒberschĂ€tzung lĂ€sst sich die Furcht vor der ‚VerfĂŒhrungskraft‘ schwuler SexualitĂ€t nicht recht erklĂ€ren. Auch die relative Gelassenheit vieler HeteromĂ€nner gegenĂŒber lesbischer SexualitĂ€t mag daher rĂŒhren – die freilich nur solange wĂ€hrt, wie die mĂ€nnliche VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber weibliche Körper nicht prinzipiell in Frage gestellt wird. Dann schlĂ€gt sie hĂ€ufig in brutale Gewalt („correctional rape“) um.

22. Der Heterror beginnt frĂŒh. „Schwul” ist z.B. bei Kindern und Jugendlichen erst einmal alles, was irgendwie doof ist und nicht funktioniert – und gilt als mit das Schlimmste, was einem Jungen ĂŒberhaupt nachgesagt werden kann. Aber Schwul-Sein ist mehr als nur „doof”: Das Schlimmste an der mĂ€nnlichen HomosexualitĂ€t scheint immer noch zu sein, dass sich dort MĂ€nner ficken lassen8. Denn das wird gewöhnlich Frauen zugeschrieben, und ist insoweit eine Verletzung der Geschlechterrollen. Und „gefickt zu werden”, mittlerweile durchgesetzter Ausdruck fĂŒr mit jemanden etwas zu tun, was der nicht wollen kann, das ist eben das Aufgeben der Herrschaftsposition, das zum-Objekt-werden. Daran auch noch Spaß zu haben und nicht der coole, kontrollierte und kontrollierende Mann zu sein, das widerspricht dem saublöden MĂ€nnlichkeitsideal nicht nur der meisten mĂ€nnlich sozialisierten Menschen. Diesem Ideal zu entsprechen erfordert einiges an Durchhaltevermögen und Opferbereitschaft – und diejenigen, die damit brechen, können als Bedrohung empfunden wurden – eben weil sie die Möglichkeit des Andersseins verkörpern, wo mann sich mit solcher MĂŒhe zugerichtet hat. Auch deshalb haben Schwule von der blöden Anmache bis zum Zusammengeschlagen werden einiges durchzumachen.

23. „Lesbisch“ als Schimpfwort wird zwar unseres Wissens nicht als Synonym fĂŒr „scheiße“ gebraucht, doch z.B. in der Schule als „Lesbe“ verschrien zu sein, ist beleidigend gemeint und isoliert die Person in der Regel. HĂ€ndchenhalten unter MĂ€dchen wird zwar in westlichen LĂ€ndern anders betrachtet als unter Jungs. Aber werden aus „spielenden MĂ€dchen“ irgendwann „Lesben“, trifft sie ebenfalls körperliche Gewalt und auf jeden Fall eine Menge Verachtung. Diese Ablehnung hĂ€ngt – entsprechend des Geschlechterbilds – auch damit zusammen, dass einerseits sich in den Augen der Macker lesbische Frauen der mĂ€nnlichen VerfĂŒgungsgewalt als Sexualobjekte entziehen, andererseits damit, dass lesbische Frauen ihre Funktion und Rolle als Frau und Mutter ganz prinzipiell nicht erfĂŒllen, die in den Augen eines Großteils der Gesellschaft ihre eigentliche Aufgabe wĂ€re.

24. Und tĂ€uschen wir uns nicht: Dass das traditionelle GeschlechterverhĂ€ltnis, zu dessen Stabilisierung der Hass auf Homosexuelle dient, fĂŒr Frauen – um es vorsichtig zu formulieren – in der Regel ein schlechtes GeschĂ€ft ist, heißt weder, dass alle Frauen scharfsichtige Kritikerinnen dieser VerhĂ€ltnisse wĂ€ren, noch dass sie deswegen nicht homosexuellenfeindlich sein könnten. Genau wie viele MĂ€nner sich als „MĂ€nner“ zurichten und zugerichtet werden, finden sich viele Frauen nicht einfach nur damit ab, was diese Gesellschaft so von „Frauen“ erwartet, sondern internalisieren und verteidigen das nicht minder bescheuerte bĂŒrgerliche Weiblichkeitsideal. Die Sprechposition als „Mutter und Frau“, die die Werte der Familie verteidigt und Kinder und Jugendliche beschĂŒtzen will, hat immer wieder Frauen in die Sprecherposition antihomosexueller Bewegungen gebracht. Egal ob in der russischen Duma oder auf den Straßen Frankreichs sind auch Frauen krĂ€ftig mit dabei, gegen Homosexuelle und ihre Rechte zu kĂ€mpfen. Wobei interessanterweise auch hier hĂ€ufig der Schwerpunkt auf der BekĂ€mpfung von Schwulen und ihrer Gleichberechtigung, insbesondere bei der Adoption, liegt.

25. Die rechtliche Anerkennung bis hin zu einem gewissen Wohlwollen des Staates hat HomosexualitĂ€t fĂŒr viele nichts an Bedrohlichkeit genommen. Gerade weil HomosexualitĂ€t heute eine Option ist, die nicht mehr vollstĂ€ndige Verfemung und Ächtung mit sich bringt, haben religiöse KnallerInnen aller Schattierungen im BĂŒndnis mit Konservativen und FaschistInnen9 die Gefahr einer „seuchenartigen Ausbreitung“ von HomosexualitĂ€t und eines Verfalls der klaren Geschlechtergrenzen gesehenerkannt. Die faszinierte Angstlust, die hinter solchen Sorgen lauert und die implizite Aussage ĂŒber die Trostlosigkeit des ehelichen heterosexuellen Geschlechtslebens soll uns nicht interessieren. Dennoch geht fehl, wer hier nur psychische Mechanismen und nicht auch Ideologie am Werke sieht. Die Damen und Herren sind nicht „homophob“, sie leiden nicht unter einer Angstzwangs“störung“, auch wenn ihnen ihr eigener Hass unwillkĂŒrlich und ihr Abscheu – na klar – „natĂŒrlich“ vorkommt. Ihr Verhalten ist gelernt und verdankt sich ihren politischen und sittlichen Überzeugungen.

26. Kein Zufall ist es, dass die Attacken auf homosexuelle Emanzipation zumeist im Namen der „Familienwerte“ gefĂŒhrt werden. Hier sind Homosexuelle nicht nur Sinnbilder der Erosion der Keimzelle des Staates, sondern darin und damit auch eine Bedrohung fĂŒr einen Solidarverband, der, weil auf „Blut“ und „Abstammung“ beruhend, unhinterfragbar sein soll, dessen Mitglieder bedingungslos „ja“ zueinander sagen, sich nicht als kalkulierende Konkurrenzsubjekte zueinander verhalten, sondern vielmehr krĂ€ftig Opfer fĂŒreinander bringen, wenn sie gemeinsam durch Dick und DĂŒnn gehen. Die zumeist repressive und hĂ€ufig kleinlich-gehĂ€ssige, oftmals auch neidisch-konkurrenzerfĂŒllte RealitĂ€t, die die staatliche Indienstnahme des privaten Lebens fĂŒr Staat und Kapital zeitigt, tut der AttraktivitĂ€t dieses Ideals wenig Abbruch. Dass nun ausgerechnet HomosexualitĂ€t als Angriff auf diese Blutsbandenbildung angesehen wird, hat mit den realen Homosexuellen nicht allzuviel zu tun. Sie stehen – egal wie gut sie sich mit ihren Eltern und Geschwistern verstehen oder selbst eine Familie grĂŒnden wollen – symbolhaft fĂŒr Leute, die keine Opfer bringen und sich keine traditionellen Verpflichtungen aufhalsen lassen, nur ihren Spaß haben (wollen), fĂŒr Individualisierung und MarktkonformitĂ€t, fĂŒr Entscheidungen und Kalkulationen ĂŒber Formen des Zusammenlebens. Es wĂ€re untersuchenswert, ob der Furor gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle, Transgender-Personen dort stĂ€rker ist, wo die Familie das wesentliche soziale Sicherungssystem darstellt.

27. Weltweit ist zum Optimismus in Sachen Emanzipation kaum Anlass vorhanden. In vielen, nicht nur islamischen Staaten wird homosexuelle Emanzipation als Zersetzung und Zerstörung der Nation gesehen – und entsprechend Homosexuelle als Gefahr behandelt, verfolgt und bestraft. Diese Regimes haben materiell ihren BĂŒrger_innen wenig bis nichts zu bieten, oft nicht mal die schĂ€bige Möglichkeit, sich fĂŒr fremden Reichtum den Buckel krummzuschuften. Entsprechend scharf sind diese Nationen auf die nationalistische Selbstunterwerfung ihrer StaatsbĂŒrger/_innen und bekĂ€mpfen den westlichen „Individualismus”; das heißt das freche MĂ€rchen, im Kapitalismus gehe es dauernd nur um das Streben nach individuellem GlĂŒck, wird als Bedrohung der Aufopferung fĂŒr Staat und Glauben gegeißelt. Die Schwulen – weniger die Lesben10 – werden heute als ReprĂ€sentanten dieses Modells verfolgt: Zerstörer der traditionellen Werte, Familien- , Ehe- und Nachwuchsverweigerer, SchwĂ€cher der mĂ€nnlichen Kampfkraft fĂŒr Nation und/oder Umma11.

28. In vielen Ex-Kolonien wird HomosexualitĂ€t als Produkt des Kolonialismus dargestellt. Homosexuelles Verhalten lĂ€sst sich in diesen Gesellschaften zwar fast immer auch schon vor der europĂ€ischen Kolonialisierung nachweisen12, z.T. besungen und gepriesen, z.T. auch einfach als selbstverstĂ€ndliche Durchgangsphase vor allem mĂ€nnlicher SexualitĂ€t verschwiegen. Die dortigen Schwulen und Lesben haben aber das Pech, als Symbol fĂŒr koloniales Erbe, westliche Dekadenz und vor allem fehlende reproduktive PflichterfĂŒllung herhalten zu mĂŒssen. Paralellen zu der ekligen Scheiße, die die europĂ€ischen Nationen bereits im 19. Jahrhundert an, mit, durch und gegen ihre(r) Bevölkerung durchgezogen haben, sind kein Zufall. Und im Gegensatz zur Kapitalakkumulation, die nicht gelingt und in der Masse auch gar nicht gelingen kann, brauchen sie bei der moralischen VolksertĂŒchtigung nicht zu befĂŒrchten, in der Konkurrenz zu unterliegen – höchstens, dass die imperialistischen LĂ€nder hin und wieder ihren Unwillen ĂŒber mangelnde BotmĂ€ĂŸigkeit in Form von Beschwerden ĂŒber Menschenrechtsverletzungen kleiden. Und dabei haben auch LĂ€nder, die vor 30 Jahren selber noch Schwule in den Knast gesteckt haben, die Homofrage als imperialistischen Einmischungstitel entdeckt.

29. Aber wozu in die Ferne schweifen, wo die Scheiße liegt so nah. Auch innenpolitisch werden Fragen der „Integration“ von Migrant_innen nun des Öfteren mit der Homofrage verbunden. Ein_e Rassist_in, der sonst an nicht weniger interessiert sein könnte als an Homophobie und hier und da auch mal selbst einen Spruch gegen Schwule und Lesben macht, fĂŒhlt sich nun bemĂŒĂŸigt, Homophobie auf einmal an allen möglichen Ecken und Enden auszumachen – aber ausschließlich in der migrantischen Community. Andere wiederum machen sich große Sorgen, dass die ja so repressiven, dafĂŒr aber fruchtbareren Migrant_innen am Ende die tolerante, aber durch HomosexualitĂ€t und Gendermainstreaming geschwĂ€chte westliche Gesellschaft ĂŒbernehmen, und plĂ€dieren – selbstverstĂ€ndlich im Namen der Freiheit – fĂŒr ein ordentliches konservatives Moralprogramm.13 Dass die Pfaffen und die Popen in SĂŒd- und Osteuropa versuchen auf dem RĂŒcken von Homo-, Trans- und Intersexuellen ihren Einfluss festzuschreiben – am liebsten gekleidet in pseudokapitalismuskritisches GewĂ€sch – kommt noch hinzu. Glaube also keine_r, es gebe eine unaufhaltbare, unumkehrbare und stabile Entwicklung in Richtung auch nur von Toleranz oder Akzeptanz , geschweige denn Vernunft.

Gruppen gegen Kapital und Nation, Mai 2014. In leicht gekĂŒrzter Form zuerst erschienen im Magazin "StreifzĂŒge" 60/2014.

 

1 Es soll hier nicht gesagt sein, dass Sex nur okay ist, wenn dabei niemand verletzt wird. Jedoch sind wir der Auffassung, dass Sex nur dann okay ist, wenn niemand unwillentlich verletzt wird.

2 Die Nazis waren sich ĂŒbrigens nicht sicher, ob HomosexualitĂ€t nun erblich oder anerzogen ist und haben darum eine Vielzahl widerlicher „Experimente“ gemacht.

3 Den meisten ist dabei sehr wichtig, dass diese „primĂ€ren Geschlechtsmerkmale“ seit Geburt an der jeweiligen Person vorhanden sind.

4 Gut nachzulesen bei: Greenberg, David F.: Construction of Homosexuality Chicago 1988.

5 Heutige Erfolgstipps, als Frau auch mal StĂ€rke zu zeigen und als Mann auch Soft Skills zu entwickeln, sind keine Auflösung der klassischen Geschlechterbilder, sondern eine Anpassung, in der der Bezug auf die ursprĂŒngliche Rollenverteilung weiter enthalten ist.

6 Im Regelfall – die uns bekannten Ausnahmen war der austrofaschistische Staat, den wir ebensowenig wie seine Rechtsnachfolger fĂŒr diese verfolgende Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen loben wollen, und die DDR die bei gleichzeitiger Abmilderung des Paragrafen den Jugendschutz auf lesbische Handlungen ausweitete – interessierten sich die modernen Homosexuellenverfolger fast nur fĂŒr Schwule. Ob das mit der generellen GeringschĂ€tzung weiblicher SexualitĂ€t oder mit den stĂ€rkeren BedrohungsgefĂŒhlen in Sachen schwuler Sex wegen Penetration von und durch MĂ€nner zu erklĂ€ren ist oder noch ganz anders, können wir hier nicht endgĂŒltig beantworten. Das aber betrifft nur den Staat und die Gesetze. Welches Ausmaß an Gewalt lesbische Frauen trifft, wo sie es nicht mit GesetzeshĂŒtern, sondern mit EhemĂ€nnern, VĂ€tern, BrĂŒdern oder auch wildfremden Verteidiger des Heterrors zu tun bekommen, spiegeln die offiziellen Statistiken nicht wider.

7 Z.T. war das neue selbstbewusste Posen als sexuell befreites, sich nicht an gĂŒltige Codes bĂŒrgerlicher MĂ€nnlichkeit haltendes Individuum eben nur die positive Umwertung alter Klischees von Schwulen als sexuell haltlos, effeminiert usw.. Das kommt sicherlich sympathischer rĂŒber als die verklemmten autoritĂ€ren Spießerfressen, ist aber da schlecht, wo eben ein neues Idealbild entwickelt wird, dem mensch zu genĂŒgen hat – wer zweimal mit dem/derselben pennt, gehört keineswegs schon zum „Establishment“, und PromiskuitĂ€t ist auch nur dann geil, wenn sie der betreffenden Person Spaß macht und nicht ein verzweifelter SelbstbestĂ€tigungstrip oder eine fiese Konkurrenz ist. Z.T. aber wurden und werden einfach nur die Geschlechterklischees innerhalb eines Geschlechts durchgespielt, mit durchaus bösartigen Ausgrenzungen von z.B. „Tunten“.

8 „Schwul ist nur, wer sich bĂŒckt, der andere ist einfach krass drauf” (Toilettenspruch).

9 Bis zum Beweis des Gegenteils gehen wir davon aus, dass hier zwar MĂ€nner und Frauen, aber keine Trans- und Intersexuellen in diesen Bewegungen mitwirken, darum mal kein Gender-Gap, sondern’s große I.

10 Ob das damit zu tun hat, dass in den entsprechenden LĂ€ndern Frauen sowieso nicht als vollwertige Menschen gesehen werden und lesbische SexualitĂ€t deswegen nicht ernst genommen wird oder ob die Gewalt gegen lesbische Frauen im hĂ€uslichen Bereich bleibt und von Vater, Bruder, Ehemann usw. ausgeĂŒbt wird und nicht an die Öffentlichkeit gerĂ€t (um die Ehre der Familie nicht zu „beschmutzen“ usw.), vermögen wir nicht zu sagen.

11 „Umma“ bezeichnet die religiöse Gemeinschaft aller Muslime.

12 Als der marokkanische Gelehrte Muhammad al-Saffar in den 1840er Jahren Paris besuchte, stellte er verwundert fest: ”TĂ€ndeleien, Romanzen und Umwerbungen ïŹnden bei ihnen [den Franzosen] nur mit Frauen statt, denn sie tendieren nicht zu Knaben oder jungen MĂ€nnern. Vielmehr gilt ihnen als extrem schĂ€ndlich.“ Khaled El-Rouayheb, Before Homosexuality in the Arab-Islamic World, 1500-1800. Chicago, 2005. S.2 , zit. n. Georg Klauda:”Mit Islamophobie contra Homophobie?“ in: http://arranca.org/ausgabe/37/mit-islamophobie-contra-homophobie, 20.12.2013)

13 Sehr schön versucht der Ex-Linke JĂŒrgen ElsĂ€sser mit seinen neuen Kumpanen diese konservative Agenda zu camouflieren: „Wir sind gegen jede Diskriminierung von SexualitĂ€t und neuen Lebensformen und begrĂŒĂŸen die erreichte Vielfalt in unserer Gesellschaft. Und dennoch mĂŒssen wir – Staat, Gesellschaft, jeder einzelne – die Frage klĂ€ren, ob der besondere Schutz der Familie, den unser Grundgesetz verlangt, nicht verteidigt und durch gezielte Maßnahmen viel mehr unterstĂŒtzt werden muss. Nur aus der Verbindung von Mann und Frau kann nĂ€mlich neues Leben hervorgehen, nur diese Verbindung gewĂ€hrleistet also die biologische Fortexistenz der europĂ€ischen Völker. Nur wenn die ‚sexuelle Umerziehung‘ gestoppt wird, werden Jungen und MĂ€dchen stabile Charaktere und stabile Liebesbeziehungen bilden können.“ https://www.compact-magazin.com/compact-konferenz/, 20.12.2013. SelbstverstĂ€ndlich: Ganz unschuldig muss die Frage geklĂ€rt werden, die dann komischerweise sofort beantwortet wird, nĂ€mlich so: Die Zurichtung der lieben Kleinen auf die traditionelle IdentitĂ€rei dient nur ihrem spĂ€teren Liebesleben.