02.04.2014 PDF

Sensationelle Erkenntnisse der Ersten-Weltkriegs-Forschung:

 

Deutsche Großmachtpolitik geht voll in Ordnung!

„Deutschland tut sich schwer“ – wenn ein Artikel1 schon so anfĂ€ngt, dann lĂ€sst sich erahnen, was folgen wird. 1. Geht es hier um das Kollektivsubjekt „Deutschland“, und mensch kann eine Wette darauf machen, dass nĂ€here AuskĂŒnfte, welche staatliche Institutionen oder wie viele und welche der 80 Millionen Passinhaber_innen hier nun genau gemeint sind, unterbleiben werden. Gemeint ist das „nationale Wir“, und dass es nicht so adressiert wird, hat seinen guten, schlechten Grund darin, dass die Autor/innen zwar irgendwie schon dazugehören, aber nun mal ganz sachlich und von außerhalb ihrem nationalen Kollektiv ein paar Sachen sagen wollen. Dabei auf die eigene Zugehörigkeit und Parteinahme fĂŒr die eigene Nation hinzuweisen, wĂ€re der pseudosachlichen AttitĂŒde abtrĂ€glich.  2. Deutschland also, tut und zwar sich schwer, was heißen soll, dass das nationale „wir“ Schwierigkeiten damit hat, so zu handeln, fĂŒhlen oder denken, wie das Dominik Geppert, Sönke Neitzel, Cora Stephan und Thomas Weber erforderlich finden. Mit Fug und Recht darf mensch erwarten, dass dem sich schwertuenden Vaterland und seinen sich mĂŒhenden Bewohner_innen die Last, die da auf ihren Schultern oder Herzen liegt, erleichtert wird, und wir es also nicht nur mit nationaler Erleuchtung, sondern auch mit nationaler Erleichterung zu tun bekommen.

Wenn dann ein solcher Artikel nicht von den ĂŒblichen VerdĂ€chtigen aus Politik und Journaille verfasst wird, sondern von mehr oder minder renommierten Historiker_innen, dann darf mensch sich sicher sein, dass es gleichermaßen historisch wie aktuell zugehen wird. Wohl werden einem die ĂŒblichen methodologischen Langweilereien ĂŒber die BeschrĂ€nktheit der menschlichen Erkenntnis im Allgemeinen und in Bezug auf die Vergangenheit im Besonderen vorenthalten. Auch auf den Dauerbrenner „historischen Denkens“, nĂ€mlich die demĂŒtige Selbstbezichtigung, auch nur eine_r von vielen zeitgebundenen Quelleninterpretierer_innen mit einem von vielen möglichen AnsĂ€tzen zu sein, wird mensch wohl verzichten mĂŒssen. DafĂŒr darf das geneigte Publikum darauf hoffen, ein paar handfeste politische „Lehren“ fĂŒr heute aus den Ereignissen vergangener Zeiten serviert zu bekommen. Dass diese Sorte Geschichtsbetrachtung immer nur die „Argumente“ herausarbeitet, die zu den angestrebten „Lehren“ auch passen, und alle – zutreffenden oder zusammengesponnenen – Fakten, ZusammenhĂ€nge und Interpretationen zur legitimierenden Illustration dieser „Lehren“ herabsinken, ist dabei sachgerecht. Mit Wissenschaft hat das Ganze dann jeweils immer nur insoweit zu tun, als dass die wissenschaftliche Reputation die politischen Forderungen gegen Kritik immunisieren soll. Selten freilich haben Geschichtswissenschaftler_innen in jĂŒngerer Zeit selbst dabei den simpelsten Standards von Wissenschaft Hohn gesprochen, wie im folgenden Beispiel.

„Deutschland tut sich schwer mit dem öffentlichen Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs, der sich 2014 zum hundertsten Mal jĂ€hrt.“ Nanu? Ausgerechnet da soll es ein Problem geben? Schwappt nicht gerade ein Gedenkmarathon ĂŒber die Öffentlichkeit herein, wird nicht von ARD bis in die letzte Volkshochschule der Erste Weltkrieg unter allen denkbaren Aspekten beleuchtet, besprochen und beglotzt? Und lesen nicht gerade alle, die solche BĂŒcher lesen, Mr. Clarkes „Schlafwandler“, um sich sagen zu lassen dass die ZustĂ€ndigen im 1. Weltkrieg so recht nicht wussten, was sie taten und auf keinen Fall irgendeiner, außer vielleicht den Serb_innen, irgendeine Schuld an irgend etwas hat2? Wenn vier Historiker/innen ausgerechnet da ein Schwertun sehen wollen, dann sind sie offensichtlich unzufrieden damit, wie der 1. Weltkrieg inhaltlich verhandelt wird. Sie sind nĂ€mlich, soviel sei vorab verraten, auf bestimmte politische Konsequenzen scharf, die sie der neueren Forschung zum 1. Weltkrieg ablauschen wollen. Und die vermissen sie in der Öffentlichkeit.

„Das liegt nicht nur daran, dass hierzulande die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs alles andere in den Schatten stellt.“

Und weil die Nazi-Zeit solche Schatten wirft, und mensch sich mit solch‘ ollen Kamellen auch nicht mehr aufhalten mag, wird darum im folgenden Text auch ganz konsequent weder von der Nazi-Zeit, noch vom Zweiten Weltkrieg im grĂ¶ĂŸeren Maße die Rede sein – auch da nicht, wo es (chrono-)logisch einfach nötig wĂ€re. Mehr als einen pflichtschuldigen Hinweis auf eine „Katastrophe“ wĂ€re auch nicht hilfreich, wo mensch ja gerade behilflich sein will, etwas unverkrampfter vor- und zurĂŒckzuschauen. Dass die Nazi-Zeit aber indirekt mit abgehandelt und geschichtspolitisch abgewickelt werden soll, wird sich noch zeigen.

„Es hat auch mit der seit den Sechzigerjahren unter deutschen Politikern, in Schulen und Redaktionsstuben verbreiteten Weltsicht zu tun, Deutschland habe nicht nur den zweiten, sondern auch den ersten der beiden Weltkriege angezettelt.“

Immerhin gibt es jetzt ein paar Hinweise, wer dafĂŒr verantwortlich sein soll, dass sich alle angeblich so schwer tun. Eine seit den 1960er Jahren verbreitete Weltsicht in Politik, Erziehungssystem und Medien macht den Leuten das Leben so schwer; kurzerhand gesagt, die angelinksten Leute mit ihrer ewigen Nörgelei an Deutschland und seiner Geschichte. Aber nicht nur im Innern gibt es Miesmacher_innen, sondern auch draußen:

„Bei manchen unserer europĂ€ischen Nachbarn verdichtet sich das heute zu dem Diktum, mit seiner Euro-Politik drohe Deutschland den Kontinent ein drittes Mal zu ruinieren“.

Was sich da zu einem „Diktum“ verdichtet, und wie das betreute und geförderte Massenelend in SĂŒdwest- und SĂŒdosteuropa eigentlich mit der Frage, ob Deutschland nun ein- oder zweimal einen Weltkrieg „angezettelt“ hat, zusammenhĂ€ngt, darauf wird allerdings nicht weiter eingegangen. Vermutlich weil die Autor/innen das „Diktum“ fĂŒr so völlig absurd halten, dass es ihnen nicht weiter nötig erscheint. Vielmehr soll es nahelegen, dass jene seit den 1960er Jahren verbreitete Weltsicht Munition fĂŒr die Böswilligkeit des Auslands ist und dabei behilflich ist, das deutsche Ansehen in den Dreck zu ziehen. Und das finden die Autor/innen wirklich nicht gut.

„Das ist nicht nur historisch falsch, es ist auch politisch gefĂ€hrlich. Neuere historische Forschungen zu Ursachen und Verlauf des Krieges widersprechen der Vorstellung, wonach das Deutsche Reich durch sein Weltmachtstreben Großbritannien provoziert habe und in seiner Machtgier mit vereinten KrĂ€ften gestoppt werden musste. Diese Sicht aber liegt jenem Europakonzept zugrunde, demzufolge Deutschland supranational "eingebunden" werden mĂŒsse, damit es nicht erneut Unheil stifte.“

Hoppla, das geht aber flott. „Jenes Europakonzept“, was mag es wohl sein? Historisch mĂŒsste es der Versailler Vertrag sein, der ja bekanntlich nach dem 1. Weltkrieg die MachtverhĂ€ltnisse festzurrte und im Rahmen des Völkerbundes die imperialistische Konkurrenz ordnete. Nur: Das kann gar nicht gemeint sein, weil von einer „supranationalen Einbindung“ des Deutschen Reichs damals weit und breit nichts zu sehen war, und selbst die zaghaften Avancen Frankreichs , doch mal zusammen gegen die USA was zu starten (Briand-Initiative von 1930 zur GrĂŒndung eines europĂ€ischen Staatenbundes mit gemeinsamem Markt), an der beinharten Revisionspolitik der Weimarer Republik abgeprallt sind. Die „Einbindung“, wenn mensch sie denn so ansprechen will, kam erst nach dem zweiten Weltkrieg. Da startete bekanntlich der westdeutsche Teilstaat mit seinen westlichen Nachbarn ein europĂ€isches Einigungsprojekt . Dass es wenige Jahre nach der totalen Niederlage Deutschlands 1945 bei einigen westlichen Nachbarn grĂ¶ĂŸere Sorgen gab, Deutschland könne erneut Unheil stiften, hatte freilich seine GrĂŒnde. NĂ€mlich, dass die USA Westdeutschland zum Alliierten gegen die Sowjetunion aufrĂŒstete und seinen ehemaligen westlichen Kriegsgegnern als VerbĂŒndeten aufnötigte. Was das alles mit dem ersten Weltkrieg zu tun haben soll, mĂŒssen sich die Leser_innen irgendwie selber zusammenreimen oder mit dem Befund „Deutschland wurde schwer unrecht getan“ zufrieden sein. Wo es um die ganz großen Linien geht, ist chronologischer Kleinscheiß wirklich egal; ob die EuropĂ€ische Gemeinschaft fĂŒr Kohle und Stahl nun 1925 oder 1952 gegrĂŒndet wurde – was sind 30 Jahre unter Freund_innen? GegenĂŒber dem schönen Vorwurf, die Alliierten und ihre deutschen „Helfershelfer_innen“ hĂ€tten nach dem zweiten Weltkrieg ganz falsche Lehren aus dem ersten gezogen, verblasst derartige historische Beckmesserei.

„Die Vorstellung von der friedensstiftenden Wirkung der europĂ€ischen Einigung, insofern sie das Nationale ĂŒberwindet, wie sie besonders in Deutschland verbreitet ist, beruht jedoch unserer Meinung nach auf falschen PrĂ€missen. Wir glauben, dass es in der besten liberalen Tradition unserer westlichen Partner steht, den falschen Gegensatz Europa vs. Nationalstaatlichkeit zu ĂŒberwinden.“

Hier muss mensch den Autor/innen vorbehaltlos zustimmen: Die Vorstellung, die europĂ€ische Einigung sei fĂŒr den Friedenserhalt da und ĂŒberwinde „das Nationale“, beruht auf falschen PrĂ€missen. Denn ganz klar ist die Kooperation der westeuropĂ€ischen Staaten gegen den Ostblock nicht gemacht worden, damit es „Frieden“ gibt, sondern um den kalten Krieg (auch in seinen heißeren Phasen) effektiver zu fĂŒhren und zu gewinnen; und als dieser Gemeinschaftsgrund wegfiel, da wollten die europĂ€ischen Staaten damit gemeinsam erreichen, wozu sie alleine zu schwach waren, nĂ€mlich eine Weltmachtposition neben den USA. Womit auch klar wĂ€re, dass die europĂ€ische Einigung niemals und zu keinem Zeitpunkt „das Nationale ĂŒberwinden“ wollte und es auch ĂŒberhaupt keinen Gegensatz zwischen Europa und Nationalstaatlichkeit gibt. Die europĂ€ischen Staaten haben ihre Konkurrenz vielmehr miteinander supranational organisiert und institutionalisiert, um jeder fĂŒr sich Vorteile aus der Sache zu ziehen, die sie alleine eben nicht erzielen könnten, und bewerten und bekritteln die EU aus dieser Perspektive. Dass dabei Deutschland mittlerweile sagt, wo’s langgeht, und Großbritannien mitteilt, was nicht geht, und alle anderen sich dazu kalkulierend verhalten mĂŒssen, weil Europa fĂŒr sie „alternativlos“ ist, sorgt fĂŒr ZĂŒndstoff und Pickelhauben und Hitler-SchnurrbĂ€rten auf Protestplakaten gegen die deutsche Politik. FĂŒr Frieden sorgt die ganze Chose insoweit, als dass die Mitglieder der EU ihre Konflikte miteinander friedlich austragen, und nur nach außen gemeinsam oder alleine Kriege fĂŒhren.

Aber halt, so haben die Autor/innen es gar nicht gemeint. Ihnen ist ein angelinkster Europa-Idealismus ein Dorn im Auge, der das MĂ€rchen, Europa sei fĂŒr den Frieden da und irgendwie das Ende des Nationalismus, tatsĂ€chlich ernst nimmt. Dessen AnhĂ€nger_innen und dem Rest der Staatenwelt teilen sie nun mit, dass die angebliche friedenserhaltende und nationalismusĂŒberwindende Konsequenz aus dem Ende des Zweiten Weltkriegs sich nicht mit den Forschungsergebnissen ĂŒber den Ersten Weltkrieg decken, und sie sich darum den deutschen Nationalstaat nicht lĂ€nger madig machen lassen wollen.
Wer anderes will, folgt nicht nur veralteten Thesen und hat falsche PrĂ€missen, sondern versĂŒndigt sich auch noch an den besten, liberalen Tradition „unserer westlichen Partner“. Das kann keine_r wollen, und wer es doch will, ist vermutlich Kommunist_in. Alle anderen möchten bitte einsehen, dass ein deutschnationales Ja zur deutscher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft inklusive eines starken deutschen Staat statt dieses Europa-Wischi-Waschi angesagt ist, weil die anderen das schließlich auch machen und dĂŒrfen.

„LĂ€ngst hat sich in der Geschichtswissenschaft ein Paradigmenwechsel vollzogen, den neuerdings Christopher Clark ("Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog") und Herfried MĂŒnkler ("Der Große Krieg. Die Welt 1914–1918") zusammengefasst haben. Zahlreiche Detailstudien lassen schon seit einigen Jahren die GroßmĂ€chtebeziehungen vor 1914 in anderem Licht erscheinen.

Stefan Schmidt ĂŒber Frankreich, Andreas Rose ĂŒber England, Sean McMeekin ĂŒber Russland, GĂŒnther Kronenbitter ĂŒber Österreich-Ungarn und Konrad Canis ĂŒber das Deutsche Reich – sie alle haben ĂŒberkommene Sichtweisen auf die Julikrise und den Beginn des Ersten Weltkriegs revidiert und ein vielschichtigeres Bild an deren Stelle gesetzt.“

Ob diese Studien wirklich hergeben, was die Autor/innen in sie hineinlesen wollen, ist dabei schon fast egal. Es geht ja jetzt nicht wirklich darum, sich die Staatenkonkurrenz der damaligen Zeit anzuschauen – also z.B. zu fragen, wie das VerhĂ€ltnis von Dominanz des adligen Grundeigentums im Staatsapparat zu einer schon nationalstaatlich-kapitalistischen Politik war oder warum die Staaten damals exklusive Ausbeutungszonen (Kolonien) haben wollten oder wie sich die Existenz einer millionenstarken sozialistischen Arbeiter_innenbewegung auf die Außenpolitik ausgewirkt hat oder dergleichen. Deswegen spielt die angeblich festgestellte „Vielschichtigkeit“ in der weiteren Argumentation auch keine Geige mehr, sondern es geht recht einschichtig und einseitig weiter, freilich erst nachdem mensch ungeliebte und unerwĂŒnschte Geschichtsinterpretationen mit einem Verweis auf die „Vielschichtigkeit“ als einseitig zurĂŒckgewiesen hat.

„Fritz Fischers These vom zielstrebigen deutschen Griff nach der Weltmacht hat sich als ĂŒberspitzt und einseitig erwiesen. Von einem "deutschen Sonderweg" kann heute ebenso wenig mehr die Rede sein wie vom "preußischen Militarismus" als Ursache allen Übels. Die lange Zeit gĂ€ngige Deutung der Außenpolitik des Deutschen Reiches als Inbegriff diplomatischer GrobschlĂ€chtigkeit, deplazierter Krafthuberei, aggressiven Expansionsstrebens und permanenten Versagens ist lĂ€ngst relativiert. Historiker blicken nicht mehr nur nach Berlin, um die Ursachen des großen Krieges zu erklĂ€ren, sondern verstĂ€rkt auch wieder nach Paris und Wien, nach St. Petersburg und London.“

Wenn etwas â€žĂŒberspitzt“ und „einseitig“ ist, dann ist eigentlich etwas dran an der Sache, aber sie wurde verengt und weitere Gesichtspunkte mĂŒssen einbezogen werden, um ein richtiges Gesamtbild zu bekommen. So ist das aber hier nicht gemeint. „Überspitzt“ und „einseitig“ steht hier eigentlich fĂŒr ‚völlig falsch‘. Wenn etwas „relativiert“ wird, dann wird es ins VerhĂ€ltnis zu etwas anderem gesetzt – was nur klappen kann, wenn mensch ĂŒber die Sache auch was weiß. Das wĂ€re hier aber gar nicht sachdienlich. Darum weisen Neitzel & Co dem toten Fischers Fritz auch nicht irgendeinen Fehler nach, gehen auch nicht auf eins seiner Argumente ein, entkrĂ€ften auch nicht eine von den vielen Quellen, die er herangezogen hat, ja machen sich nicht mal die MĂŒhe, seine Argumentation halbwegs sauber zu referieren. Sondern sie versuchen, zwei unterschiedliche Standpunkte („zielstrebiger Griff“ / „permanentes Versagen“), die nicht nur nichts miteinander zu tun haben, sondern eigentlich nicht mal gut zusammenpassen – was Leute nicht daran gehindert hat, beide zu vertreten - , in einem Abwasch zu erledigen. Das tun sie, indem sie – einfach mal woanders hinsehen. „Die anderen haben ja auch“ soll der Grund sein, warum es keinen zielstrebigen deutschen Griff nach der Weltmacht gegeben haben soll. Und die Logik muss mensch erstmal fressen. Denn ob das Deutsche Reich planvoll einen Krieg vorbereitet hat, von dessen Unvermeidlichkeit nicht wenige ĂŒberzeugt waren, ob es nach dem Attentat von Sarajewo Österreich-Ungarn gedrĂ€ngelt hat, einen Krieg mit Serbien anzufangen, ob es damit die Hoffnung verbunden hat, dass Russland und Frankreich sich aus ihren Kalkulationen heraus entweder raushalten, und an Prestige und Einfluss verlieren oder einmischen und dann durch einen kurzen, schnellen Krieg niedergerungen und Europa, Asien und Afrika neu geordnet werden - das hat ja mit der Frage, ob Österreich-Ungarn, Italien, Frankreich, Russland, Großbritannien und die USA nicht auch alle so ihre nationalen Berechnungen und KriegsplĂ€ne hatte, nicht sehr viel zu tun.

Dass die anderen auch gerne hĂ€tten und dann auch auf den deutschen Antrag, die MachtverhĂ€ltnisse zwischeneinander kriegsmĂ€ĂŸig zu klĂ€ren, eingestiegen sind, reicht dem deutschnationalen Kleeblatt glatt fĂŒr eine wesentlich freundlichere Sicht auf das vergangene Deutschland. Das Kaiserreich hatte ja zwischendurch eine schlechte Presse in der Bundesrepublik, wo mensch mit Genörgel ĂŒber die UnprofessionalitĂ€t der Außenpolitik von Wilhelm II. und seinen Kanzlern und den persönlichen Macken dieser Leute dem Volk klar machen wollte, dass es da in der zweiten deutschen Republik doch deutlich professioneller, ergebnisorientierter und erfolgreicher zugeht. Solches Schlechtmachen verflossener Obrigkeiten hat die Bundesrepublik im 65. Jahr ihrer Existenz und 25 Jahre nach dem Fall der Mauer nun wirklich nicht mehr nötig, und darum sehen die Autor/innen das Gekrittel an Willem Zwo & Co. auch nicht mehr als Kompliment fĂŒr die diplomatischen Leistungen der Genschers, Fischers und Steinmeiers, sondern verbitten sich das als sehr einseitiges, deutschfeindliches und schuldbeladenes Gerede. So Ă€ndern sich die Zeiten.

Beseelt von ihrem festen Willen, sich ihre gute Meinung ĂŒber Deutschland und seine Politik auf keinen Fall trĂŒben zu lassen, kommen sie auch nicht auf eine ziemlich naheliegende Interpretation der damaligen deutschen Außenpolitik, die zudem noch den Vorteil hĂ€tte, stichhaltig und quellengestĂŒtzt zu sein: Dass nĂ€mlich die „diplomatischer GrobschlĂ€chtigkeit“ Ausdruck der Überzeugung war, auf die Interessen anderer MĂ€chte keine RĂŒcksicht nehmen zu mĂŒssen, aber von allen anderen Respekt fĂŒr die eigenen Interessen einfordern zu können. Dass die „deplazierte Krafthuberei“ in Wirklichkeit zum verfolgten Zweck ziemlich gut passende Machtdemonstrationen waren, die von den anderen MĂ€chten auch entsprechend ernst genommen und mittels Gewaltdrohung und diplomatischer Nachverhandlung in bloß symbolische Punktsiege zu verwandeln versucht wurden. Dass darum aggressives Expansionsstreben angesichts des kontinuierlichen Ausbaus der Machtmittel und der beharrlichen Ausweitung und brutalen Behauptung des eigenen Kolonialbesitzes eine ziemliche unangemessen-freundliche Charakterisierung dieser Politik ist, die eben nicht nur „strebte“, sondern machte. Und dass schließlich das angebliche „permanente Versagen“ gar keine sachliche Feststellung ĂŒber Aufwand, Umsetzung und Ertrag der deutschen Außenpolitik vor 1914 fĂŒr die von ihr verfolgten Zwecke ist, sondern das – nachtrĂ€glich ĂŒbrigens leicht zu habende - Urteil, dass die fĂŒhrenden Figuren des Kaiserreichs die MachtverhĂ€ltnisse falsch eingeschĂ€tzt und darum zum Schluss den Krieg verloren haben; verwandelt in das abfĂ€llige Werturteil „Versager!“. Aber weil es „einen zielstrebigen deutschen Griff nach der Weltmacht“ nicht gegeben haben darf – obwohl Reden wie Taten der deutschen StaatsfĂŒhrung da eigentlich wenig Zweifel aufkommen lassen – bleiben solche Interpretationen schön außen vor. Es gibt ja auch soviel anderes worĂŒber sich reden ließe. ­

„Die Schuldfrage, in deutscher Selbstbezogenheit lange Zeit der zentrale Begriff, ob als Skandalon oder als Selbstbezichtigung, spielt dabei keine entscheidende Rolle mehr.

Den weltmĂ€nnischen Hinweis auf die angebliche deutsche Selbstbezogenheit, die in der Thematisierung der deutschen Politik als eine der wesentlichen Ursachen des Krieges lĂ€ge, muss mensch nicht weiter ernst nehmen. Denn die Frage, wie der europĂ€ische Hegemon Deutschland auf seine zwei frĂŒheren AnlĂ€ufe zur Weltmacht blickt, wird auch im Rest Europas durchaus mit Interesse beobachtet. Das haben die Autor/innen ĂŒbrigens selber auch schon geschrieben und schreiben es spĂ€ter auch noch mal, also Pustekuchen mit der deutschen Selbstbezogenheit. Und das wird nicht der letzte immanente Widerspruch dieses Textes sein. Der Grund, warum sich die Staaten wechselseitig beobachten, wie sie die Geschichte beurteilen, liegt darin, dass StaatsfĂŒhrungen mit ihren Geschichtsinterpretationen nach Innen, wie nach Außen, mitteilen, was sie sich fĂŒr Rechte rausnehmen wollen und sagen, was anderen Staaten deshalb nicht zusteht. Um diese nationale Selbstvergewisserung fĂŒr aktuelle politische Projekte und deren diplomatische Ansage nach Außen, dreht sich ja auch zentral der ganze Artikel der vier Historiker/innen.

„Das Deutsche Reich war nicht "schuld" am Ersten Weltkrieg. Eine derartige Kategorie gab es bis dahin gar nicht, hatten doch dem Codex der europĂ€ischen Staatenkriege gemĂ€ĂŸ souverĂ€ne Staaten das "ius ad bellum", sofern sie eine Verletzung ihrer Interessen begrĂŒnden konnten.“

Nun ist die Moralisierung der Frage, wann Staaten mit der Kriegsdrohung, die die Grundlage aller Diplomatie ist, ernst machen, sicher nicht besonders hilfreich, um zu verstehen, wann und warum ein Staat Land und Leute dazu benutzt, massenhaft AuslĂ€nder umzubringen, um einem anderen Staat seinen Willen aufzuzwingen. Aber der Schluss, nur weil in einem ominösen „Codex der europĂ€ischen Staatenkriege“ irgendetwas nicht erwĂ€hnt worden sei, habe es eine bestimmte Kategorie nicht gegeben, ist ja doch ein bisschen frech. SelbstverstĂ€ndlich ist auch schon in frĂŒheren Zeiten die Schuldfrage moralisch gewĂ€lzt worden, und haben alle kriegfĂŒhrenden MĂ€chte sich immer nur zu ihrem Ă€ußersten Bedauern von ihren Gegnern gezwungen gesehen, mal richtig auf die Pauke zu hauen. Die LektĂŒre einschlĂ€giger KriegserklĂ€rungen mag hier weiterhelfen – aber dazu mĂŒsste mensch ĂŒberhaupt Lust haben, sich wirklich mit den Fakten zu beschĂ€ftigen.

„Dieses Recht zum Krieg galt 1914 am wenigsten fĂŒr Großbritannien, denn das Vereinigte Königreich konnte mit keinem unmittelbaren Interesse oder BĂŒndniszwang ein Eingreifen in einen lokalen Konflikt (zwischen Österreich-Ungarn und Serbien) begrĂŒnden. Erst der britische Kriegseintritt aber machte aus dem Ursprungskonflikt ein globales Desaster.“

Das Recht zum Kriege hatten und haben die Staaten nicht daher, dass es da irgendeinen Codex gab oder gibt – sondern, weil sie als Gewaltmonopolisten nach innen sich dieses „Recht“ zur GewaltausĂŒbung nach außen in Anspruch nahmen und nehmen. Entsprechend blödsinnig ist es nachtrĂ€glich, Großbritannien dieses „Recht“ abzusprechen; dies ist keine rechtliche, sondern in Wirklichkeit eine moralische Beurteilung; und zwar von Leuten, die – wie wir noch sehen werden – sich ĂŒber das ĂŒblich moralinsaure Gequatsche ĂŒber Krieg und Frieden turmhoch erhaben fĂŒhlen. Aber die vier Weltenrichter/innen, die mal eben feststellen, dass eigentlich Großbritannien schuld daran hat, dass der 1. Weltkrieg zum „globalen Desaster“ geworden ist, auch wenn sie das so nicht sagen, brauchen fĂŒr ihre Argumentation betrĂ€chtlichen Mut zur LĂŒcke. Erstens war eigentlich bei jedem Konflikt nach 1900 klar, dass egal wie lokal er angefangen hat, er ziemlich schnell global werden könnte. Es gab genug Nationen, inklusive Deutschland, die bereits die ganze Welt als Material fĂŒr ihr Projekt, nationalen kapitalistischen Reichtum steigern, real ins Auge gefasst hatten. Dann betrifft eben jeder Regionalkonflikt auch diese anspruchsvollen Nationen. Zweitens aber erklĂ€rte Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg nachdem deutsche Truppen in Belgien einmarschierten. Und ob mensch das nun als Anlass, Vorwand oder Grund sehen will: Um einen „lokalen Konflikt (zwischen Österreich-Ungarn und Serbien)“ hat es sich zu diesem Zeitpunkt ganz offensichtlich nicht mehr gehandelt. Aber geh‘, wer wird da pingelig sein, Benelux oder Balkan, Belgrad oder BrĂŒssel – fĂ€ngt ja alles irgendwie mit B an, und was sind tausend Kilometer unter Feind_innen? Drittens aber muss man die werten Historiker_innen wirklich fragen, ob sie allen Ernstes der damaligen Weltmacht Nr. 1 Großbritannien nachtrĂ€glich vorhalten wollen, dass sie nicht brav zugeschaut hat, wie die Weltmacht Nr. 3 Deutsches Reich die beiden VerbĂŒndeten Frankreich und Russland abrĂ€umt und in Zukunft Europa und Teile Afrikas und Asiens unter seine Kontrolle kriegt?

Letztlich wiederholen die Autor/innen hier nur die enttĂ€uschten Hoffnungen der deutschen Diplomatie und Kriegsplanungen als Anklage, Großbritannien hĂ€tte sich gefĂ€lligst raushalten sollen. Mensch sieht: „Gott strafe England“, wie mensch sich damals erbittert ĂŒber die Einmischung der „Vettern jenseits der Nordsee“ grĂŒĂŸte, ist als grummelnder Unterton deutscher Geschichtsschreibung nach wie vor zu haben. Ein guter Nationalist hat eben ein gutes GedĂ€chtnis fĂŒr die Verfehlungen der „Feinde“ und vergibt auch nicht so schnell.

„Worum nun ging es in diesem Krieg? Um Demokratie und Freiheit, um "Zivilisation" gegen "Kultur", um einen Kampf der Werte und Ideologien, wie die Propagandisten bald verkĂŒndeten? Viele der in den Massenheeren aufmarschierenden MĂ€nner waren durchaus bereit, ihre Heimat zu verteidigen, konnten aber mit dem Krieg der Ideen nicht viel anfangen. Die propagandistische Verzerrung des Gegners zur blutrĂŒnstigen Bestie widerstrebte ihnen. Im Kriegserlebnis entstand oftmals eine Gemeinsamkeit ĂŒber die SchĂŒtzengrĂ€ben hinweg.“

Jetzt darf der einfache Landser sprechen. Dem war das propagandistische Gerede oftmals wurscht, weil er als Nationalist wusste, dass die Feinde nun mal bekĂ€mpft werden mĂŒssen, wenn die Regierung das sagt. Ja, und zu Weihnachten haben dann die Überlebenden auch mal SchĂŒtzengraben-ĂŒbergreifend zusammen gefeiert, solange Pause vom Morden war, und sich hinterher weiter umgebracht. AuskĂŒnfte worum es in diesem „heilinger Verteilungskrieg“ (Karl Kraus3) genau ging, ist diesem herzerwĂ€rmenden FrontgemĂ€lde freilich genau sowenig zu entnehmen, wie der jeweiligen Kriegspropaganda.

„Auch der völkerrechtswidrige Durchmarsch durch Belgien mit den ihn begleitenden Grausamkeiten machte das wilhelminische Deutschland nicht zum Oberschurken und "Barbaren". In den englischen und französischen Kriegsstrategien war Belgien ebenso wenig tabu gewesen. Die Verletzung der SouverĂ€nitĂ€t Belgiens war nicht der Grund, sondern der willkommene Vorwand fĂŒr das britische Eingreifen.“

Kommen wir also doch noch zu Belgien. Wie ĂŒblich sind die Planungen der anderen Beleg dafĂŒr, dass die Taten des Deutschen Reichs nicht so schlimm gewesen sein können, und nur wegen ein paar „begleitender Grausamkeiten“ wollen wir hier doch niemanden zum „Barbaren“ erklĂ€ren. Und weil Großbritannien kein Recht auf Teilnahme am 1. Weltkrieg haben soll, darf der Anlass fĂŒr seinen Kriegseintritt auf keinen Fall ein Grund, sondern muss ein Vorwand gewesen sein. Irgendwelche Belege werden sich in den „detailreichen Studien“ schon finden. Dass die SouverĂ€nitĂ€t Belgiens Großbritannien nur insoweit interessierte, wie das seine Interessen betraf, wird schon so gewesen sein; dass es daran aber gar kein Interesse hatte, ist ganz einfach falsch.

„Sind also alle geradezu schlafwandlerisch in die Katastrophe hineingeschlittert?“

Muss man sich rhetorische Fragen stellen oder hat schon mal jemand einen VorwÀnde erfindenden Schlafwandler getroffen?

„Das auch wieder nicht.“

Warum die Abkehr vom guten Mr. Clark an dieser Stelle? Dessen Bestseller entnehmen die Autor/innen nur, das Deutschland keine Schuld am Krieg hatte. Der Rest aber ist fĂŒr sie recht ungenießbar. Zum einen kann mensch – bei allem, was an diesem oberflĂ€chlichen, im schlechten Sinne des Wortes parteiischen, ankedotenlastigen und z.T. ganz schön spekulativen Buch sonst zu kritisieren ist – auch beim schlechtesten Willen keine UnbedenklichkeitserklĂ€rung fĂŒr Nationalismus und eine Absage an ein supranational organisiertes Europa ablauschen; eher sogar das ziemliche Gegenteil. Zum zweiten will sich das Quartett mit so einem drittklassigen Freispruch – alle waren irgendwie ĂŒberfordert, die Kommunikation klappte nicht und viele MissverstĂ€ndnisse und persönliche AnimositĂ€ten verhinderten eine friedliche Lösung – nicht zufrieden geben. Also:

„Die politischen FĂŒhrungseliten hatten durchaus Interessen an einem militĂ€rischen Konflikt, die sich nicht aus hohen moralischen Standards, sondern aus handfester Machtpolitik speisten. So kĂ€mpfte Russland nicht in erster Linie fĂŒr das Selbstbestimmungsrecht der slawischen Brudervölker, sondern fĂŒr eigene expansive Ziele in Osteuropa und am Bosporus. Frankreich war nicht passives Opfer deutscher Aggression, sondern durchaus selbst zu einem Waffengang bereit, sofern es Russland und möglichst auch England an seiner Seite wusste. Englands außenpolitische Elite um Sir Edward Grey erscheint im Lichte neuerer Forschungen weniger friedfertig und auf Ausgleich bedacht als vielfach angenommen. Österreich-Ungarn war nicht das willenlose Objekt sinistrer Kriegstreiber in Berlin.“

Alles Heuchler diese Russen, Franzosen, EnglĂ€nder, die verfolgten gar keine höheren Ziele! Und Österreich-Ungarn hat auch Schuld, obwohl sie das so nie nennen wĂŒrden, weil sie ja „realpolitisch“ argumentieren wollen! Nichts als Interessen, die sich aus handfester Machtpolitik speisten, hatten die alle, obwohl die Angabe von Frankreichs und Großbritanniens Interessen etwas vage bleibt. Naja, aber dafĂŒr kommen skandalöse EnthĂŒllungen: „Englands außenpolitische Elite“ war, das muss mensch auch mal sagen dĂŒrfen, „weniger friedfertig und auf Ausgleich bedacht als vielfach angenommen“ . Dass das eigentlich heißt, dass sie aber doch irgendwie „friedfertig“ und „auf Ausgleich bedacht“ gewesen sein mĂŒsste, wenn sie es „weniger“ gewesen sein soll, als vielfach angenommen wird – also bitte was sollen denn solche Sprachlogeleien, wo es um Höheres geht! Mit langweiligen Überlegungen, dass die Einmischung in einen kontinentaleuropĂ€ischer Krieg, mit der ganzen absehbaren Vernichtung von Reichtum und Machtmitteln und den ganzen unabsehbaren Folgen, fĂŒr die damalige Weltmacht Nr. 1 einfach nicht sonderlich attraktiv und darum nicht das Mittel erster Wahl war, ohne dass „Englands außenpolitische Elite“ diese Option deswegen ausschließen hĂ€tten wollen: Mit sowas kriegt mensch die Briten ja nie vom hohen Ross runter.

„Die deutsche FĂŒhrung schließlich“, geht es weiter. Ujujujuj, jetzt wird es spannend: Mal kucken was die fĂŒr Interessen hatte, die sich aus handfester Machtpolitik speisten:

„Die deutsche FĂŒhrung schließlich verfolgte, getrieben von AbstiegsĂ€ngsten und Einkreisungssorgen, das defensive Ziel, jene prekĂ€re Situation einer begrenzten Hegemonie auf dem europĂ€ischen Kontinent wieder zu errichten, die das Reich unter Bismarck besessen hatte, weit entfernt davon, ĂŒbermĂŒtig und grĂ¶ĂŸenwahnsinnig nach der Weltmacht zu greifen.“

Haben wir was verpasst oder ausgelassen? Interessen? Handfeste Machtpolitik? Von wegen: Voller „Ängste“ und „Sorgen“, waren die armen EntscheidungstrĂ€ger in Berlin, sicherlich im Gegensatz zu ihren Amtskollegen anderswo. Deswegen verfolgte das Deutsche Reich auch bloß ein „defensives“ Ziel, gerade mal die Wiedererrichtung einer „prekĂ€ren“, weil nur „begrenzten“ Hegemonie, gegen die, weil es sie schon mal gab und sie ja auch nur begrenzt gewesen wĂ€re, nun wirklich niemand EinwĂ€nde erheben kann! Es ist nicht leicht so ein deutsches Politikerleben, vor allem wenn man von lauter böswilligen und heuchlerischen Machtpolitiker_innen eingekreist worden ist, die einen zwingen, Millionen von Landsleuten fĂŒr ein rein defensives Ziel in den Tod zu schicken. Da blutet einem doch auch nachtrĂ€glich das Herz. SĂ€tze wie „Wir wollen auch einen Platz an der Sonne“, „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ „Peking muss rasiert werden“ und so lustige PlĂ€ne wie das Septemberprogramm des Reichskanzlers Bethmann-Holweg, das recht großzĂŒgige Änderungen der europĂ€ischen Landkarte vorsah, die vierjĂ€hrige Weigerung, ĂŒber einen „VerstĂ€ndigungsfrieden“ auch nur zu reden und der Friedensvertrag von Brest-Litowsk, wo das Deutsche Reich der jungen Sowjetmacht fast ganz Osteuropa abknöpfte, sind selbstverstĂ€ndlich alle rein defensiv gemeint gewesen und weit entfernt von „Übermut“ und „GrĂ¶ĂŸenwahn“. Aber das versteht außerhalb Deutschland wieder keiner!

In gewisser Weise sind Nationalist_innen wie Neitzel, Geppert & Co dann auch wieder bewundernswert: Wie mensch es hinkriegt, mit Argusaugen jedwede moralische Heuchelei anderer Nationen zu erspĂ€hen und genussvoll zu zerpflĂŒcken – und mit welcher ideologischen Verbohrtheit mensch gleichzeitig nur die besten Absichten bei der eigenen Nation sieht: Chapeau, vor solch intellektueller Selbstzurichtung.

„Aus der Distanz von nunmehr fast hundert Jahren erscheint die Schulddebatte ein wenig wie die FortfĂŒhrung jener kriegsĂŒblichen Propaganda, der das Deutsche Reich damals kaum etwas entgegenzusetzen wusste, das sich in der Rolle des "Barbaren", der belgische Frauen und Kinder schĂ€ndete, vorgefĂŒhrt sah.“

Nicht wahr, die Kriegspropaganda der anderen MĂ€chte war verlogen und gemein. Die deutsche hingegen – ja, ĂŒber die erfahren wir komischerweise nichts, außer dass das Deutsche Reich den bösen Feinden kaum etwas entgegenzusetzen wusste. Das stimmt zwar kein bisschen, aber in dem schönen Bild vom besorgt-Ă€ngstlich-defensiv-prekĂ€ren Deutschland sollte ‚unschuldig angegriffen‘ und ‚wehrlos‘ nicht fehlen. HĂ€tten die Autor/innen frĂŒher gelebt, sie hĂ€tten als Plakatmaler fĂŒr die Weimarer Republik und ihren Kampf gegen Versailles gute Dienste leisten können. Eine genaue ErklĂ€rung was denn die frĂŒher erwĂ€hnten „begleitenden Grausamkeiten“ gewesen waren, und welchen realen Kern (und welche Übertreibungen) die VorwĂŒrfe der „SchĂ€ndung“ belgischer Frauen und Kinder beinhalteten, wĂŒrde natĂŒrlich zu weit fĂŒhren. Und auch gar nicht zum Beweiszweck passen, dass Deutschland gar nicht so schlimm war, die anderen MĂ€chte allerdings ziemlich schlimme Finger gewesen sind, weswegen an einer deutschen Großmachtpolitik damals wie heute ĂŒberhaupt nichts auszusetzen ist.

„ Der Erste Weltkrieg ist der Beginn vieler Schrecken, einer von ihnen ist die Moralisierung des Krieges. Dass man diesen Krieg habe fĂŒhren mĂŒssen, um jeglichem Krieg ein Ende zu machen oder, wie der amerikanische PrĂ€sident Wilson proklamierte, die Welt sicher fĂŒr die Demokratie zu machen, dass es sich also im Krieg gegen das Deutsche Reich um einen "gerechten Krieg" gehandelt habe, erweist sich heute als der Versuch, ein Massenschlachten, das mindestens elf Millionen Soldaten das Leben kostete, zu rechtfertigen – also als Sinngebung des Sinnlosen. In Wirklichkeit beseitigten der große Krieg und der Friedensschluss, der ihm folgte, kein einziges Problem. Sie hinterließen im Gegenteil viele neue Konflikte, die uns, etwa im Nahen Osten, noch heute beschĂ€ftigen.“

Na endlich mal eine Kritik am Krieg, die sich gewaschen hat: Millionen sterben, ohne Probleme zu lösen, darum ist das ganze Gerede der Kriegsgegner Deutschlands nur Sinngebung des Sinnlosen. Vermute hier keine_r eine Absage an Kriege ĂŒberhaupt: Gegen ein zĂŒnftiges Massenschlachten haben die Autor/innen offensichtlich keine EinwĂ€nde, wenn es einen „Sinn“ hat – nĂ€mlich irgendwelche „Probleme“ zu lösen. Im Gegenteil: Der ganze Artikel lĂ€uft auf ein PlĂ€doyer fĂŒr mehr, aber anders und offenherziger begrĂŒndete Kriege hinaus.

Denn mal ehrlich: Wenn die Moralisierung des Krieges einer der Schrecken war, dann kann’s mit der Schrecklichkeit der anderen Schrecken nicht so weit her sein, vor allem wo die Soldaten dann auch ĂŒber die SchĂŒtzengrĂ€ben Gemeinsamkeiten entwickelt haben.

„Der enorme Erfolg des Buchs von Christopher Clark ist ein Hinweis darauf, dass die zeitliche Distanz ein neues, weniger von Emotionen und Ideologien genĂ€hrtes Interesse ermöglicht. Die GrĂŒnde hierfĂŒr sind vielfĂ€ltig. Das Ende des Kalten Krieges hat den Blickwinkel ebenso verĂ€ndert wie das Heraufziehen eines stĂ€rker multipolar ausgerichteten und global dimensionierten Staatensystems mit unverkennbaren strukturellen Ähnlichkeiten zur Welt vor 1914. Das Gut-gegen-Böse-Schema des Ost-West-Konflikts gilt nicht mehr. Die Welt ist komplizierter und konflikttrĂ€chtiger geworden, wie wir nicht zuletzt im BĂŒrgerkrieg in Jugoslawien in den 90er-Jahren gesehen haben. Uns scheint, dass diese VerĂ€nderung in Politik und Öffentlichkeit noch nicht angekommen ist. Sie fordert aber mehr denn je die realpolitische, nicht die moralische Antwort auf das Weltgeschehen.“

Genau! Deutschland ist nicht mehr Teil eines Blocks, sondern selber eine Macht; dadurch ist die Welt ziemlich multipolar und einfache Gut-Böse-Schema sind da gar nicht im nationalen Interesse. Und statt irgendwelchen idealistischen GewĂ€schs ĂŒber Frieden, Demokratie und Menschenrechte, muss mensch die gute alte Realpolitik ausgraben, die sich die MĂŒhe nicht macht, die nationalen Interessen noch lange mit irgendwelchen ĂŒbernationalen Idealen auszustaffieren, weil ihr der nationale Erfolg das höchste denkbare Ideal ist.

Damit das geht, lege mensch sich gefĂ€lligst nur die Emotionen und Ideologien zu, die der schwarz-rot-goldenen Viererbande in ihren deutschnationalen Kram passen. Dass es an denen in Politik und Öffentlichkeit ihres Erachtens noch fehlt, Ă€rgert die Autor/innen dann aber schon.

„Die multipolare Welt von heute mag an 1914 erinnern. Die Analyse der Julikrise aber lehrt uns, dass es heute wie damals keine zwingende Notwendigkeit fĂŒr eine globale Katastrophe gibt.“

Eben, eben: HĂ€tte Großbritannien sich rausgehalten und die anderen Deutschland mal machen lassen, wĂ€re das ja alles nicht passiert. Die Lehre sollten sich alle mal einleuchten lassen, weil sie wegen der Ähnlichkeit von 1914 mit 2014 irgendwie ganz schön aktuell sein könnte. Gut, dass das ein paar deutsche Historiker/innen mal klarstellen.

An dieser Stelle darf aber auch gestaunt werden: Haben uns unsere Geschichtslehrer/innen nicht immer davor gewarnt, mit so veralteten Konzepten wie „Imperialismus“ und „Kapitalismus“ die ganz andere Welt von heute zu analysieren? Und dann kommen die vier Autor/innen und sagen, es sei schon recht, die heutige Zeit mit der Zeit des „Hochimperialismus“, wie das Schulgeschichtsbuch sowas nennt, zu vergleichen? Mensch darf sich da nicht tĂ€uschen, irgendeine Untersuchung, ob die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Staatenkonkurrenz damals und heute aus dem gleichen Zweck, nĂ€mlich nationaler Reichtumsproduktion und der dafĂŒr nötigen/eingesetzten gewaltsamen staatlichen Interessendurchsetzung, und unterschiedlichen UmstĂ€nden (WĂ€hrungspolitik, Rolle der Landwirtschaft, Produktivkraftentwicklung, Auflösung von Bourgeoisie und Adel in Kapital und Grundeigentum) herrĂŒhren, sind von den Vieren gewiss nicht zu haben. Vielmehr ist der FeldherrnhĂŒgel, den die Autor/innen erklimmen, so hoch, dass alle FrontverlĂ€ufe gleich aussehen. „Mehr als zwei“ – das soll die Gemeinsamkeit zwischen 1914 und 2014 sein.

„Die neuen historischen Erkenntnisse gefallen einigen nicht, weil sie im Widerspruch zu lieb gewonnenen Selbst- und Feindbildern stehen. In England und Frankreich wĂŒrden viele gern an der Schwarz-Weiß-Version eines "gerechten Krieges" festhalten, in dem Liberalismus gegen Militarismus, Demokratie gegen Autokratie und nationale Selbstbestimmung gegen Fremdherrschaft standen.“

Und das lassen sich die Vier nicht lĂ€nger gefallen, wo sie ja gerade nachgewiesen haben, dass interessengeleitete Machtmenschen der Entente ganz schön gemein zu den defensiv sorgengeplagten, dafĂŒr aber doch recht maßvollen, weil nur eine begrenzte und prekĂ€re Hegemonie wiederherstellen wollenden deutschen Politikern waren. Die „beste liberale Tradition unserer westlichen Partner“ ist in Zukunft gefĂ€lligst kein Argument mehr fĂŒr eine kritische Betrachtung deutscher Großmachtpolitik frĂŒher und heute, sondern ein Argument dafĂŒr. Da muss mensch auch erstmal drauf kommen.

„Umgekehrt haben wir uns in Deutschland einen negativen Exzeptionalismus angewöhnt: das GefĂŒhl, heute besonders gut dazustehen, weil wir in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts besonders schlecht gewesen seien.“

Und daran stört die Autor/innen gewisslich nicht der Exzeptionalismus, denn das Deutschland außerordentlich großartig, friedliebend und maßvoll gewesen ist, finden sie ja selbst. Auch dass irgendjemand findet, dass Deutschland heute besonders gut dasteht, wird die Autor/innen nicht Ă€rgern; schon eher, wenn jemand seine_ihre Begeisterung fĂŒr Deutschland genau aus dem zieht, was sie der deutschen Öffentlichkeit gerade abgewöhnen wollen. Was sie nĂ€mlich nicht mehr haben wollen, ist die Abgrenzung gegenĂŒber der vorherigen Geschichte. Selbst nachtrĂ€gliche Selbstkritik ist eben fĂŒr gute Nationalist_innen nicht das richtige, kraftvolle Ja zu Volk und Vaterland, das sie einzig angemessen finden.

„Manch einem behagen daher die Deutungen der Julikrise nicht, die zwar den deutschen Beitrag nicht leugnen, ihn jedoch in angemessene Proportionen setzen.“

SelbstverstĂ€ndlich, warum sollte das Quartett den deutschen Beitrag „leugnen“ wollen: Nach ihren AusfĂŒhrungen bestand er ja gerade aus lauter gut begrĂŒndete Sorgen und Ängste, die in ein maßvolles, keineswegs grĂ¶ĂŸenwahnsinniges Programm mĂŒndeten. Die „angemessene Proportion“, in die mensch das zu setzen hat, ist ja wohl dann die, dass das arme Deutschland wegen der Machtpolitik der Anderen oder gar völlig grundlos in einen Krieg verstrickt wurde. Allerdings werden die Autor/innen sich bei ihrem offensiven Abstrakt-Bekenntnis, mensch habe gar nicht vor, irgendetwas zu leugnen, noch was anderes gedacht haben. Sie legen damit von vornherein Einspruch gegen entsprechende VorwĂŒrfe von linker Seite ein, und das gleichermaßen argument- wie substanzlos. Wem das alles nicht behagt, der ist ein „Nestbeschmutzer“, aber weil mensch sowas heutzutage so nicht mehr formuliert, klingt’s ein bisschen netter.

„Schuldstolz aber steht uns genauso wenig zu wie ein triumphierender Freispruch“.

Also fĂŒr das, was „uns“ zusteht, da sind die vier auf jeden Fall zustĂ€ndig. Und weil ihr Freispruch alles andere als triumphierend ist – immerhin haben sich „unsere westlichen Partner“ in Form der EU an ihren eigenen „besten liberalen Traditionen“ versĂŒndigt, und das nachdem sie Europa in einen Krieg gestĂŒrzt haben, den sie dann auch noch moralisiert und zur Sinnstiftung missbraucht haben: Haben die ein GlĂŒck, dass „wir“ nicht nachtragend sind! – mĂŒssen sich die ganzen deutschen Kompliziert-Nationalist_innen mit ihrem Hitler-Komplex und ihrem Grundgesetz-Stolz, von den glorreichen Vier erklĂ€ren lassen, dass ihnen ihre Befangenheit gegenĂŒber der deutschen Geschichte nicht zusteht. Und wehe einer nimmt sich in Zukunft noch mal heraus, Kritik an irgendwas zu ĂŒben. Dem wird dann Schuldstolz attestiert.

„Die deutsche Selbstbezogenheit ist kontraproduktiv. Denn vor allem macht die gegenwĂ€rtige Krise klar, dass ein Europa scheitert, das auf historischen Fiktionen beruht. Falsche Lehren aus der Vergangenheit könnten sich als fatal fĂŒr das europĂ€ische Projekt erweisen.“

So hat mensch die Euro-Krisen und die wechselseitige Unzufriedenheit der europĂ€ischen MĂ€chte mit ihren Konkurrenz- und Kooperationsresultaten noch nicht gesehen. EZB, Krisenkonkurrenz, FinanzmĂ€rkte, Staatsverschuldung – alles Schmu. 1. Weltkrieg und falsche Lehren! Aber was sind die richtigen Lehren?

„Pazifismus und die Überwindung des Nationalstaates sind nicht die einzig denkbaren Schlussfolgerungen aus den Weltkriegen.“

Übersetzt heißt der Satz:

“Pazifismus und die Überwindung des Nationalstaates sind völlig undenkbare Schlussfolgerungen aus den Weltkriegen, weil wir von beidem nichts halten, sondern fĂŒr ein großes starkes Deutschland sind, das endlich auch mal Kriege so fĂŒhren darf., wie die Gewinner von Weltkrieg I und II. Das sind wir unserer nĂ€mlich eigentlich glorreichen Geschichte schuldig und das ganze linke Gesindel, das das anders sieht, soll sich gefĂ€lligst verpissen“.

Aber so formuliert mensch heute nicht mal mehr in der Springerpresse. FĂ€llt irgendwem ĂŒbrigens der Plural auf? Plötzlich ist von „den Weltkriegen“ die Rede, das heißt offensichtlich hat das massive Wilhelm II-Whitewashing in den Augen der Autor/innen auch die braunen Flecken auf der deutschen Weste gleich mitentfernt.

Das Angebot der Quadriga, sich darĂŒber zu streiten, ob Pazifismus oder die Überwindung des Nationalstaates nur keine, eine oder die einzig denkbare Schlussfolgerung aus den Weltkriegen sei, sollte mensch rundherum ablehnen. Als ob es zur Ablehnung von Krieg erstmal ein paar millionenschwere Gemetzel nötig wĂ€ren, und der Nationalstaat erst durch Volksgemeinschaft, Shoah und Vernichtungskrieg diskreditiert worden wĂ€re - und sich vorher und unterhalb dessen keine EinwĂ€nde finden lassen wĂŒrden gegen die staatliche Zusammenfassung von Menschen zu einem „Volk“ und ihre mörderischen und brutalen zivilen und militĂ€rischen Konsequenzen.

Dass Pazifismus ĂŒbrigens keine gelungene Schlussfolgerung aus irgendetwas ist, sei nur angemerkt. Den herrschenden Frieden mit seinen gegensĂ€tzlichen Interessen fĂŒr irgendwie in Ordnung, die kriegerische Austragung dieser Interessenkonflikte hingegen unnötig und falsch zu finden, ist kein Beitrag dazu, Kriege abzuschaffen – und lauter nationale Gewaltmonpolisten zur internationalen Gewaltlosigkeit aufzurufen, hat, je nach UmstĂ€nden, dann auch etwas Tragisches oder Komisches.

Was mensch die Autor/innen schon gar nicht mehr fragen mag, ist, wo Pazifismus denn jemals prominent politisch eine Rolle gespielt hĂ€tten – sieht mensch mal von den ganz frĂŒhen Anfangsjahren der Bundesrepublik ab. Oder zĂ€hlt die Haltung der verflossenen schwarz-gelben Koalition, sich nicht auf Kriege einzulassen, bei denen Deutschland nicht richtig mitbestimmen darf, schon als Pazifismus? Aber vielleicht verwechseln die Autor/innen auch die 62% der Deutschen, die gegen eine stĂ€rkere militĂ€rische Beteiligung an AuslandseinsĂ€tzen sind (SZ v. 1./2.02.2014), mit Pazifist_innen? Denn davon muss mensch leider ausgehen: Dass die lieben Landsleute mehrheitlich die menschenrechtliche BegrĂŒndung so ernst nehmen, dass sie nicht einsehen, deutsches Geld und deutsche Soldaten fĂŒr irgendwelche AuslĂ€nder/innen und ihre Menschenrechte auszugeben, genau wie die Autor/innen das letztlich auch sehen. Aber wer sich einen Stahlhelm aufsetzt, leidet da natĂŒrlich unter SichteinschrĂ€nkungen.

Anders sieht es mit der „Überwindung der Nationalstaaten“ aus. Das wĂ€re ja mal was! Leider meinen die Autor/innen damit die supranationale Machtzusammenballung der europĂ€ischen Nationalstaaten, die ganz vieles ist, aber keine Überwindung der Nationalstaaten darstellt. Darum lohnt es sich auch nicht, darauf weiter einzugehen.

„Denn weder sind die alten Ängste vor deutscher Hegemonie verschwunden, noch hat die Moralisierung außenpolitischen Handelns seit 1990 zu einer grĂ¶ĂŸeren Integration der Bundesrepublik in die europĂ€ische Staatengemeinschaft gefĂŒhrt.“

Nicht zu lange ĂŒber das „denn“ rĂ€tseln. Zwischen den beiden SĂ€tzen besteht nicht die logische Verbindung, die das „denn“ nahelegt – also das hier allen Ernstes ein Argument gebracht wĂŒrde, warum Pazifismus und Überwindung des Nationalstaates nicht die einzig denkbaren Schlussfolgerungen aus den Weltkriegen (gewesen) sind. Nicht mal dann ĂŒbrigens wenn Pazifismus oder Überwindung des Nationalstaates irgendwie handlungsleitende Ideale der deutschen Politik gewesen wĂ€ren – was sie, wie gesagt, mitnichten waren. Ob Ängste vor deutscher Hegemonie denn irgendeinen Grund in der Sache haben könnten, ist dem schwarz-rot-goldenen Kleeblatt nicht mal eine Überlegung wert. Denn Leute wie diese Figuren sind gleichermaßen fĂŒr eine solche Hegemonie, wie sie alle Ängste davor als absurd antideutsche Phantasien geißeln. Und auch das Gerede von „der grĂ¶ĂŸeren Integration“ in „die europĂ€ische Staatengemeinschaft“ sollte mensch jetzt nicht auf die Goldwaage legen. Es ist gar nicht so, dass die Autor/innen da ernstlich fĂŒr wĂ€ren, sondern sie wollen nur ihren zusammenphantasierten linksliberalen Kontrahent/innen vorrechnen, dass sie ihre angeblich erstrebten Ziele nicht erreichen konnten und dem leicht beleidigten deutschen NationalgefĂŒhl recht geben, „wir“ seien ja nun wirklich die besten EuropĂ€er_innen wo gibt, wĂŒrden dafĂŒr aber gar nicht recht geliebt. Und das nur, weil Deutschland sagt, wo’s langgeht, und dass Massenarmut bedeutet.

„Im Gegenteil: Einen Menschenrechtsinterventionismus, der sich nicht an nationale Interessen bindet, versteht außerhalb Deutschlands kein Mensch.“

Moment, Moment: Also jenes Ausland, in dem viele an der Idee eines "gerechten Krieges" festhalten wollen , „in dem Liberalismus gegen Militarismus, Demokratie gegen Autokratie und nationale Selbstbestimmung gegen Fremdherrschaft“ standen – ausgerechnet da sollen Leute VerstĂ€ndnisprobleme bei einem „Menschenrechtsinterventionismus, der sich nicht an nationale Interessen bindet“ haben? Offensichtlich waren die Autor/innen zu verliebt in den deutschnationalen Dauerbrenner „Das wĂ€re im Ausland nicht möglich“ – den schon im Kaiserreich Reichskanzler BĂŒlow benutzt, um die Sozialdemokrat_innen fĂŒr ihren angeblich fehlenden Patriotismus auszuschimpfen – um sich ĂŒber die innere Konsistenz ihrer Argumentation Gedanken zu machen. Und mĂŒssten die Autor/innen sich nicht mal entscheiden, ob das Ausland nun aus lauter verstockten und unbelehrbaren Idioten besteht, die von „uns“ an ihre „beste liberale Tradition“ erinnert werden mĂŒssen oder die moralische Richtschnur liefern soll, wie’s in Deutschland laufen soll? Und zusĂ€tzlich mal ein Argument liefern, das irgendwie plausibel macht, dass selbst wenn es wahr wĂ€re, dass der Rest der Welt aus lauter nationalistischen SaftsĂ€cken besteht, dies einen guten Grund abgĂ€be, dies nachzuahmen?

Aber was haben die Autor/innen eigentlich gegen einen „Menschenrechtsinterventionismus“ pur? Haben die am Ende was gegen Menschenrechte? Gemach, irgendeine Kritik an den heiligsten Prinzipien bĂŒrgerlich-kapitalistischer Staatlichkeit, die ihr Dasein damit tief in die Menschennatur verlegt, ist hier nicht zu erwarten. Auch gegen die grundsĂ€tzliche Infragestellung der SouverĂ€nitĂ€t eines Staates ĂŒber Land und Leute, wenn ihm Verletzung der Menschenrechte vorgeworfen wird, werden die vier schon nichts haben. Selbst der instrumentelle Einsatz des Vorwurfs, der sich einen Dreck um Folter, Mord, Vergewaltigungen, Hungerblockaden an sich schert, sondern diese zum Anlass nimmt, wenn aus anderen GrĂŒnden die Staatsgewalt mißliebig ist, ist nicht der Grund der Kritik. Im Gegenteil, genau das ist ja ein „Menschenrechtsinterventionismus“, der sich „an nationale Interessen bindet“, wie die Autor/innen ihn gerne hĂ€tten. So wird es von Deutschland und den anderen auch die ganze Zeit gemacht. Dass kein Staat wegen Menschenrechten einen Krieg anfĂ€ngt, sondern dass die Anklage Menschenrechtsverletzung dann fĂ€llig wird, wo einem Staat mangelnde BotmĂ€ĂŸigkeit gegenĂŒber der kapitalistischen Weltordnung nachgewiesen werden soll, kann jede_r wissen, der_die’s wissen will.

Was die Auto/innen vermutlich an der Berufung auf Menschenrechte stört, ist, dass die Politik öfters behauptet, sie sei ja nun geradezu verpflichtet, einzuschreiten, wenn ein Staat sich so auffĂŒhre. Manchmal tragen auch BĂŒndnispartner ihre Forderung zum Mitmachen als moralische Verpflichtung vor. Diese – rhetorische – Berufung auf einen – angeblichen, in Wirklichkeit höchstens selbst geschaffenen – „Zwang“ empfinden die vier vermutlich als eine EinschrĂ€nkung der Handlungsoptionen des deutschen Staates; auch wenn sie das keineswegs ist.

„ Auch will keiner unserer Nachbarn in einem ĂŒbernationalen großen Ganzen aufgehen, solche PlĂ€ne nĂ€hren vielmehr die Angst vor alten MachtansprĂŒchen.“

Muss mensch diesen Unsinn noch kommentieren? Als ob im AuslĂ€ndermaut-Keine Sozialunion-Roma nach RumnĂ€nien-Deutschland irgendjemand dafĂŒr plĂ€dieren wĂŒrde, in einem â€žĂŒbernationalen großen Ganzen“ aufzugehen. Hier ist ein Pappkamerad aufgebaut, auf den nun krĂ€ftig losgedroschen wird.

„Die Idee, dass wir mit "Europa" den Nationalismus bekĂ€mpfen mĂŒssten, der angeblich die Triebfeder des DreißigjĂ€hrigen Krieges des 20. Jahrhunderts gewesen sei, hat den Nationalstaat zu Unrecht diskreditiert.“

Wenn das mal wahr wĂ€re! Aber interessant ist schon, wie die Autor/innen die Welt sehen wollen. Mit dem politischen BildungsgeschwĂ€tz „Patriotismus gut/ Nationalismus schlecht“ geben sie sich gar nicht mehr ab, sondern stellen der Vaterlandsliebe in all ihren Formen einen ziemlich umfangreichen Persilschein aus. Dass all ihre „Argumente“ vorher gar keine Hinweise enthalten, wie das nun mit dem Nationalismus als „Triebfeder“ aussieht, stört diese Leute nicht. Ihnen geht es nĂ€mlich gar nicht um „den Nationalismus“, sondern um den deutschen Nationalismus, auch nicht um „den Nationalstaat“, sondern um den deutschen Nationalstaat. Nun mĂŒsste mensch lange suchen, um irgendwelche Anhaltspunkte zu finden, in Deutschland sei der Nationalismus nennenswert mit oder ohne Europa bekĂ€mpft worden und der Nationalstaat sei irgendwo zu Recht oder zu Unrecht so diskreditiert, wie sich das alle vernĂŒnftigen Menschen wĂŒnschen wĂŒrden. Umfragen in der deutschen Bevölkerung belegen regelmĂ€ĂŸig das genaue Gegenteil, und auch den Politikerreden und -handlungen lĂ€sst sich ziemlich klar der gegenteilige Befund entnehmen. Die selbstkritische Anklage, die Deutschen seien nicht nationalistisch genug, gehört hingegen zum Inventar des deutschen Nationalismus von Arndt ĂŒber Wilhelm II und Hitler bis hin zu den Gepperts, Neitzels, Stephans und Webers unserer Tage. AuskĂŒnfte ĂŒber die RealitĂ€t enthielt dieser Vorwurf nie, zu entnehmen aber ist ihm, an welch hohen Ideal einer einheitlichen und von keinem Zweifel und keiner Kritik getrĂŒbten nationalen Volksgesinnung die jeweilige RealitĂ€t gemessen wird. So auch hier.

"EU oder Krieg" ist die falsche Alternative und lĂ€sst sich auch nicht aus der Geschichte der Weltkriege ableiten.“

Und die richtige Alternative? Vermutlich heißt sie fĂŒr die Autor/innen „dEUtschland oder Deutschland“, da wollen sie sich nicht festlegen. Jedenfalls sind die Vier strikt dagegen, sich mit dem Verweis auf zwei Weltkriege die EU aufnötigen zu lassen; die soll sich in Zukunft daran messen lassen, wie sie dem deutschen Interesse dient und nicht mehr ein außer Frage stehendes StĂŒck europĂ€ischer Friedensarchitektur sein. Sie plĂ€dieren hier fĂŒr eine bemerkenswerte Renovierung der deutschen und europĂ€ischen Gedenkkultur. Einen wirklichen Politikwechsel wĂŒrde das nicht bedeuten, denn so machen es alle lĂ€ngst.

„Ein abgeklĂ€rter Blick auf die Vergangenheit tut not. Er wĂŒrde uns zu einem unaufgeregteren Selbstbild unserer Rolle in Europa und der Welt verhelfen. Und das wĂ€re ein wirklicher Fortschritt.“

Und das unaufgeregte Selbstbild „unserer“ Rolle fĂŒhrt dann zu einer schönen, aufregenden, aber unaufgeregten Großmachtpolitik in der Welt, und zwar so, wie Deutschland das braucht. Und wohin dieser „Fortschritt“ fĂŒhrt? Nach Deutschland und in die Welt. Wohin denn auch sonst.

1 Dieses und alle weiteren kursiv gesetzten Zitate aus „Der Beginn vieler Schrecken. Warum die Vorstellung von der friedensstiftenden Wirkung der europĂ€ischen Einigung, insofern sie das Nationale ĂŒberwindet, auf falschen PrĂ€missen beruht. Ein Beitrag zur Schulddebatte 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914“, von Dominik Geppert, Sönke Neitzel, Cora Stephan, Thomas Weber, Die Welt 03.01.14 .

2 Clarke, Christopher: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. MĂŒnchen 2013. Das Buch stand mehrere Monate auf den Beststellerlisten.

 

3 Die letzte Tage der Menschheit, I. Akt, 1. Szene.