18.12.2002 PDF

Schule - was soll das?

Bei dem folgenden Text handelt es sich um ein ├╝berarbeitetes Seminarreferat des Seminars "Schule und Bildung"

Die b├╝rgerliche Schule wird i. d. R. als gegeben, normal und selbstverst├Ąndlich hingenommen, ja sogar in h├Âchsten T├Ânen gelobt. Dieses Seminar soll kl├Ąren, dass die staatliche Schule der b├╝rgerlichen Gesellschaft keine Selbstverst├Ąndlichkeit ist. Es soll Zweck und Inhalt des Staates erl├Ąutert werden, f├╝r den dieses Schulsystem eingerichtet ist. Auf dieser Grundlage l├Ąsst sich kl├Ąren warum und wie dieses eingerichtet wird.(1)

Die Konsequenz ist, dass die Schule (2) nicht zu Gunsten der Menschen ausf├Ąllt. Dies gilt auch wenn man darin interessante, wichtige Erkenntnisse vorgesetzt bekommt und Sch├╝ler vereinzelt ihren Spa├č haben k├Ânnen. Damit verf├Ąllt dieses Schulsystem unserer Ansicht der Kritik.




Diese hilft einem nicht unmittelbar f├╝r das Verhalten innerhalb dieser Institution, d. h. ich wei├č deswegen nicht wie ich durch die Pr├╝fungen komme oder was ich als Sch├╝lervertretung f├╝r Rechte und Mittel habe. Umgekehrt, wenn man wei├č wie man durch die Schule kommt, wei├č man noch nicht warum sie ist wie sie ist. Die Reflexion auf das grunds├Ątzliche Verh├Ąltnis und der eigenen Stellung zu diesem ist daher notwendig und verhindert, sich falsche Vorstellungen ├╝ber dieses zu machen.

Daher sollen im folgenden Text anhand von existierenden Vorstellungen zur Schule, die von Privatsubjekten, P├Ądagogen und Politikern ge├Ąu├čert werden, Widerspr├╝che und Probleme aufgezeigt werden. Es sind Vorstellungen f├╝r was die Schule alles gut sein k├Ânne und was man daher tun m├╝sse.


1.

Die staatliche Allgemeinbildung mit kostenlosem Zugang f├╝r alle, ohne Ansehen von Herkunft und Geschlecht, als sogenanntes Recht auf Bildung, wird als Errungenschaft abgefeiert. Was bedeutet aber die staatliche Einrichtung faktisch? Dazu einige Rahmenbedingungen des Schulsystems, die Fragen aufwerfen.

Der Artikel 7,1 des Grundgesetzes lautet: "Das gesamte Schulwesen steht unter Aufsicht des Staates." Das ist eindeutig und unmissverst├Ąndlich. Der politische Souver├Ąn beh├Ąlt sich, wie in anderen Dingen auch, die Kontrolle vor. Was dies im Einzelnen bedeutet wird im Folgenden erl├Ąutert. Der Staat (seine Funktionstr├Ąger) bestimmt n├Ąmlich:


- wer unterrichtet -> wozu er Lehrer ausbildet, pr├╝ft und schlie├člich in das besondere Treueverh├Ąltnis der Beamtenschaft einbindet, das Lehrer auf den Staat verpflichtet
was, wann und wie lange unterrichtet wird -> Lehrpl├Ąne

- das alles letztlich auf Leistungsbewertung hinausl├Ąuft und in Zeugnissen seinen Niederschlag findet, an denen kein Weg vorbei geht, denn viele gesellschaftlichen Instanzen fragen nach ihnen

- eine Schulaufsicht -> Bezirksregierung als obere Kontrollinstanz

- welche Schule offiziell ├╝berhaupt ausbilden darf -> Grundgesetz Artikel 7, 4
- Privatsache sind Privatschulen, von denen es verh├Ąltnism├Ą├čig wenige gibt, daher nicht

- schlie├člich beh├Ąlt er sich auch in Ausbildungsbereichen ein gro├čes Mitspracherecht vor, in denen nach privatunternehmerischer Anwendbarkeit gelernt wird -> Berufsschulen


Die Kontrolle geht zwar in der BRD besonders weit, so gibt es in einigen Staaten keine verbeamteten Lehrer, mehr Privatschulen, etc. Doch deswegen ist dies nicht etwas v├Âllig anderes, sondern nur eine andere Ausgestaltung. Dementsprechend keine Abkehr vom, sondern nur Varianten des staatlichen Monopols in Bildungsdingen.
Nun ist der Schulbesuch nicht nur ein segensreiches Angebot des Staates an die Eltern, sondern es besteht eine Schulpflicht. Es wird daher die Ausbildung nicht als Privatsache der Eltern geduldet. Er ├╝berl├Ąsst ihnen also nur bis zu einem bestimmten Punkt die im GG Art. 6, 2 zugestandene Erziehung, die er umgekehrt aber auch als Pflicht erkl├Ąrt. Es werden dabei keine Ausnahmen zugelassen. Die Konsequenz daraus: Jedes Mitglied dieser Gesellschaft muss 9-10 Jahre Vollzeitschule und 2-3 Jahre Teilzeitschule ├╝ber sich ergehen lassen. Das bedeutet, dass man ~ 1/6 der Zeit seines Lebens den Kopf unter Kontrolle des Staates bet├Ątigt.

Die Verf├╝gungsgewalt des Staates ├╝ber die eigene Lebenszeit muss akzeptiert werden. Dies findet im Berufsleben seine Fortsetzung, wo der Arbeitgeber vertraglich ├╝ber die Lebenszeit der Menschen verf├╝gt.

Exkurs: Darin ist das Verh├Ąltnis von Staat und B├╝rger enthalten. Der Staat schafft n├Ąmlich sein Staatsvolk. Wer auf dem Staatsgebiet geboren wird, bekommt entsprechend dem jeweiligen Rechtsvorschriften den Titel des Staatsb├╝rgers verpasst. Damit f├Ąllt dieser B├╝rger in seine Zust├Ąndigkeit und dieser hat sich als dienstbarer Geist von der Wiege bis zur Bahre zu bew├Ąhren. Selbst wenn es von Seiten der Unternehmen oder des Staates kein Interesse an Verwendung gibt (Arbeitslosigkeit), gilt das Dienstverh├Ąltnis weiterhin. Er muss sich weiter parat halten und seine Arbeitskraft m├Âglichst durch Weiterbildung auf dem neusten Stand halten oder durch Weiterbildung seine Anwendbarkeit erweitern.
Der letzte Dienst, den jeder B├╝rger als allgemeine B├╝rgertugend zu erf├╝llen hat, ist schlie├člich der, nicht aufzufallen, niemandem in die Quere zu kommen, voller Dankbarkeit f├╝r die Ordnung stiftenden Gewalten brav zur Wahlurne zu gehen und die Rente oder Sozialhilfe verzehren. Wer nicht funktioniert und entgegen dieser Tugend handelt, wird vom Staat als "Chaot", "P├Âbel", "ewig Gestriger" oder ├Ąhnlichem beschimpft. Wer als m├╝ndiger B├╝rger nicht entsprechend den Vorgaben handelt, bekommt schmerzhaften Kontakt mit der Schutz- und Garantiemacht. Dann teilt ihm der Staat per Verwarnung, Platzverbot, Bu├čgeld, Berufsverbot, Einweisung in eine Strafanstalt oder Psychatrie und all den anderen Erfindungen durch unmittellbaren Zwang mit, wie das mit der Freiheit und der Meinungs├Ąu├čerung gemeint ist. Gegebenenfalls f├╝hrt der Staat als Konsequenz Korrekturen in den Bereichen Schule, Medien, Justiz und Polizei durch.


2.

Obwohl doch so viel auf die freie Meinungsbildung (3) gehalten wird, hat der Staat gerade in der Sph├Ąre in der diese gebildet werden und dessen Resultat der m├╝ndige B├╝rger sein soll, die Finger drauf. These: Dies passt zusammen, denn der verstaatlichte Bildungsweg tr├Ągt dazu bei, dass die freie Meinungs├Ąu├čerung nicht zu einem f├╝r den Staat st├Ârenden Missbrauch f├╝hrt. Das bedeutet, dass die in der Schule vermittelten Inhalte, die es zu untersuchen gilt, in Bezug auf das Staatsb├╝rgerbewu├čtsein auch nicht ohne Wirkung bleiben (siehe Referat zu Kapital & Staat).


3.

Es stellt sich die Frage: Warum betreibt der Staat eine solche Zwangsveranstaltung? Gibt es keine Interessen daran, sich mit Wissen & Kenntnissen auszustatten? Dies wird tats├Ąchlich von einigen bezweifelt. Die Menschen m├╝ssten zu ihrem Gl├╝ck gezwungen werden, d. h. ohne Pflicht und Druck durch Noten etc. w├╝rde kein Mensch sich dazu bewegen irgendetwas zu lernen. Dazu wird dann auf die eigene Institution verwiesen, in der Sch├╝ler nach den Zeugniskonferenzen meist nur schwer zu etwas zu bewegen sind. Dies ist aber kein Beweis f├╝r die Faulheit der Menschen, sondern eher das Ergebnis dieses Schulsystems selber (siehe Referat Noten & Zeugnisse).
Um Abhilfe zu schaffen, verbleiben die P├Ądagogen nicht dabei ihre Themen mit der Relevanz und Bedeutung dieser Inhalte zu begr├╝nden, dem der Lernende deswegen aus eigenem Interesse folgt. Sie versuchen durch allerhand Methoden wie Medienwechsel, handlungsorientiertem Unterricht, Lernen durch Erfahrung etc. die Sch├╝ler zum Mitmachen zu bringen. Dem Thema, dass immer noch der Lehrer vorgibt, sollen sie sich in jedem Fall anbequemen. Die Methoden werden dann nicht angewandt, weil sie dem Gegenstand der Erkl├Ąrung angemessen sind, sondern weil damit das Interesse der Sch├╝ler erschlichen werden soll.

Dazu f├Ąllt einigen anderen ein, es ganz anders machen zu wollen. Bei ihnen lauten Erfolgsrezepte, z. B. alles ohne Zwang zugehen zu lassen und durch eine angenehme Lernatmosph├Ąre das Lernen der Sch├╝ler zu erleichtern. Auch wenn die ├ťberlegung nicht grunds├Ątzlich zu verurteilen ist und es einigen Sch├╝lern in diesen Institutionen besser geht, ist dazu zu sagen, dass in jedem Fall einige Vorgaben des Staates erhalten bleiben, die f├╝r die Anerkennung als Ersatzschule eingehalten werden m├╝ssen. In keiner Alternativschule sind die Menschen der Schulpflicht grunds├Ątzlich enthoben, der Abschluss muss mit einem Zeugnis quittiert werden und auch auf dem Gebiet der Inhalte gelten einige Vorgaben.

Zu kritisieren ist weiterhin, dass auch die Alternativp├Ądagogen dasselbe Ziel haben, dass auch an der Regelschule verfolgt wird. N├Ąmlich die Sch├╝ler zu erziehen und zu Mitgliedern dieser Gesellschaft zu machen. Ihre Kritik bezieht sich n├Ąmlich nicht auf Zweck und Inhalt der Regelschule, sondern dass diese sich nicht an ihre eigenen Ideale von der Kindgem├Ą├čheit und dem Wohl des Kindes halten w├╝rde. Dann unterscheiden sie sich wiederum nur noch in Methoden, mit denen ein Ziel verwirklicht werden soll, welches so gar nicht existiert.


4.

Nun zur├╝ck zum Recht auf Bildung. Dies wird z. T. als Garantie f├╝r eine gerechte Reichtumsverteilung angesehen. Dies ist falsch, denn durch den Besuch der gleichen Staatsschule findet nicht die Umverteilung von ├Âkonomischem Reichtum statt. Im Gegenteil, an der Verteilung des produzierten Reichtums ├Ąndert sich nichts prinzipielles (auf der Erscheinungsebene sichtbar, aber auch systematisch begr├╝ndbar, siehe Referat Staat & Kapital). Wissen ist nicht gleich Macht, denn der Umfang (Lohnh├Âhe) und die Verteilung der verschiedenen Einkommensquellen, sind nicht das Resultat geistiger Anstrengung. Die Qualifikation eines Sch├╝lers taugt nicht etwas wegen der angeeigneten Kenntnisse, sondern nur soviel wie sie auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt wird. Nachgefragt wird sie, wenn sie f├╝r die Zwecke von Staat und Wirtschaft brauchbar sind. Das Wissen ist zwar eine Voraussetzung, um ├╝berhaupt als Arbeitskraft tauglich zu sein, aber weder eine Garantie irgendeinen noch einen gut bezahlten Job zu bekommen.

Dazu ein Zitat des rheinland-pf├Ąlzischen Bildungsministers J. Z├Âllner:

"Die BRD brauche angesichts des Fachkr├Ąftemangels und des Trends auf dem Arbeitsmarkt zu immer h├Âherer Qualifikation nicht weniger sondern deutlich mehr Abiturienten." (NP vom 07.11.00)

Daraus l├Ąsst sich ersehen, dass es nicht um Bildung der Menschen geht, sondern um qualifizierte Arbeitskr├Ąfte in ausreichender Anzahl.

Noch genauer dr├╝ckt sich L. Lappe aus:

"Die relativ g├╝nstigen Besch├Ąftigungsschancen (!) f├╝r die betrieblich ausgebildeten Fachkr├Ąfte deuten darauf hin, da├č die Betriebe ihre Auszubildenden gr├Â├čtenteils bedarfsorientiert eingestellt haben. Hier d├╝rfte nun genau auch die Hauptursache f├╝r die ├ťbergangsschwierigkeiten von Absolventen der ├╝berbetrieblichen Ausbildung liegen. Der Mangel an betrieblichen Arbeitspl├Ątzen und die entsprechend fehlenden Ausbildungskapazit├Ąten waren ja gerade der Grund daf├╝r, au├čerbetriebliche Ausbildungspl├Ątze einzurichten und damit Qualifikationen ├╝ber den konkreten Bedarf hinaus zu produzieren" (LAPPE, L. Berufliche Chancen Jugendlicher in der BRD, 06/1999).

Sofern dies eingestanden wird, wird die gleiche Beschulung zum gelobten bildungspolitischen Ziel, was eingangs nur die Grundlage einer gerechten Reichtumsverteilung sein sollte. Es wird darauf gepocht, dass es zumindest keine Bildungsprivilegien mehr g├Ąbe. Doch selbst diese Feststellung ist schon falsch, denn das sogenannte Bildungsgef├Ąlle verl├Ąuft immer noch von "oben" nach "unten". Die Angeh├Ârigen der unteren Schichten sind, wie jeder Bildungssoziologe statistisch zu belegen wei├č, in niederen Bildungsanstalten ├╝berrepr├Ąsentiert.

Au├čerdem muss hinter die Gleichsetzung von allgemeiner, gleicher Schulpflicht und Beseitigung von geistiger Unm├╝ndigkeit ein dickes Fragezeichen gesetzt werden. Denn ob das Schulwesen Unwissen bei den Menschen beseitigt, h├Ąngt weder an der Gleichheit, noch an der Dauer der Beschulung, sondern ist alleine am Inhalt der Bildung zu kl├Ąren. So wie Wissen nicht gleich Macht ist, ist die Existenz des Schulsystems an sich keine Garantie daf├╝r, dort das Wissen f├╝r eine verst├Ąndige Beurteilung von Natur und Gesellschaft zu bekommen (Bildungsinhalte siehe Referate zum Staat und zur Biologie) Nur am Inhalt l├Ąsst sich kl├Ąren, ob die Schule in der Lage ist f├╝r allerlei Probleme L├Âsungen zu liefern. Sei es nun die Kritik am Faschismus oder die Erkl├Ąrung der Politikverdrossenheit.


5.

Im Zusammenhang mit der gleichen Beschulung wird h├Ąufig das Argument der Chancengleichheit angebracht. So h├Ątten nun alle Menschen zumindest Zugang zum Schulsystem und damit die gleichen Chancen sich zu bew├Ąhren und das Beste aus ihrem Leben zu machen. Dazu ist anzumerken, dass im Wort Chance bereits enthalten ist, dass es zugleich Gewinner und Verlierer gibt. Anekdote: Beim Roulett oder Lotto hat man auch die Chance zu gewinnen. Der Einwand dazu ist dann, die Menschen (also die Sch├╝ler) h├Ątten es selbst in der Hand, wie gut sie abschneiden w├╝rden. Dies stimmt aber nur in einer Hinsicht, n├Ąmlich insofern, als dass man ohne pauken ├╝berhaupt nicht in der Konkurrenz um die Bescheinigung der eigenen F├Ąhigkeiten vorankommt. Wiederum ist das Bem├╝hen aber auch keine Garantie f├╝r den Erfolg, die Chance immer nur M├Âglichkeit, nie Sicherheit. Der systematische Grund daf├╝r liegt in der Benotung (wird im Referat zu Noten und Zeugnissen aufgegriffen) und den Verh├Ąltnissen auf dem Arbeitsmarkt.

Abgesehen davon gilt, dass die formale Gleichheit gerade die Ungleichheit erh├Ąlt! Und zwar dadurch, dass von den tats├Ąchlich vorhandenen ungleichen Startbedingungen der Sch├╝ler abstrahiert wird und diese den gleichen Bedingungen der Schule (gleicher Lehrer, Stoff, Klausur, etc.) ausgesetzt werden. So ist es ein Unterschied, ob jemand in einem Zimmer Ruhe zum Lernen hat, die Eltern Zeit und Ruhe haben sich um die Kinder zu k├╝mmern, die Eltern selber die Kenntnisse haben, um ihren Kindern zu helfen, wieviel Geld vorhanden ist, um eine Nachhilfe zu bezahlen und inwieweit die Sch├╝ler in ihrer Freizeit Aufgaben in der Familie ├╝bertragen bekommen. Die Bef├╝rworter verwechseln die Relativierung der Rolle, die Herkunft, Geld, Zeit und vorhandene Bildung der Eltern bei der Bildung des Nachwuchses durch das demokratischen Schulwesens spielen, mit der Beseitigung von durchaus klassenspezifischen Bildungsunterschieden.


6.

Dem Gedanken der Chancengleichheit folgend, setzen die Eltern alle Hoffnung in eine gute Schullaufbahn ihrer Lieben, damit sie es einmal besser haben sollen als sie selber. Dabei spielt die Anerkennung des Leistungsprinzips ein wichtige Rolle, das da hei├čt: "Wenn du dich anstrengst wirst du auch belohnt". Oder: "Leistung lohnt sich". Umgekehrt bedeutet dies, dass eine fehlende Leistung bestraft geh├Ârt. Die pers├Ânlichen Erwartungen (irgendwann auch der Sch├╝ler selber) von einer Verbesserung oder zumindest Stabilisierung der Lebenssituation durch einen guten Abschluss, werden jedoch im Einzelfall regelm├Ą├čig entt├Ąuscht.

Dennoch soll man Schule (als auch Berufs- und Universit├Ątsausbildung) immer und in jedem Fall als eine Chance ansehen. Dazu ein Zitat aus dem Artikel "Optimismus ist Pflicht" der Politischen Zeitschrift der Bundeszentrale f├╝r politische Bildung.

Frage: "Welchen Rat k├Ânnen sie Jugendlichen geben?" Antwort: "Keinesfalls d├╝rfen sie den Kopf in den Sand stecken und darauf warten, dass ihnen ein Platz im Sofortprogramm der Regierung angeboten wird. Die Bereitschaft nicht nur die Risiken zu sehen, sondern auch die Chancen beim ├ťbergang in die Arbeitswelt zu nutzen, ist ja vorhanden, besonders bei jungen Frauen. Das belegt die neue Shell-Jugendstudie. Optimismus ist f├╝r die Jugendlichen heute Pflicht."

Selbst wenn sich die Hoffnung im Einzelfall erf├╝llt und eine steile Berufskarriere gl├╝ckt, ist dies nicht grunds├Ątzlich unproblematisch. Denn zum einen sind die Karrieren mit den beschrieben H├╝rden, als auch anderen Entbehrungen verbunden (Zeit, Stress, etc.). Zum anderen bleibt man als qualifizierte Arbeitskraft i. d. R. lebenslang lohnabh├Ąnig (4), damit von Arbeitslosigkeit bedroht und der Konkurrenz ausgesetzt.


7.

Das allgemeine Lob des Schulwesens und die Beurteilung des Schulresultats f├╝r und durch den einzelnen treten also regelm├Ą├čig auseinander. Das Scheitern k├Ânnte stutzig machen. Doch werden die Schuld in den Personen, niemals aber im gesellschaftlichen System gesucht. Die betroffenen Sch├╝ler suchen entweder bei sich die Schuld. Denn schlie├člich kann man nach einer schlechten Bewertung immer sagen, dass man h├Ątte sich besser vorbereiten k├Ânnen. Die Vorbereitung ist ma├člos. Oder die Schuld wird wahlweise der einzelnen Funktionstr├Ągern zugeschoben.

Der Gedanke f├╝hrt sogar soweit, sich selbst oder Lehrer f├╝r das eigene Scheitern haftbar zu machen und sich oder andere in Form der Selbstjustiz umzubringen. Ebenso die Lehrer die bei Sch├╝lern, Eltern oder alternativ bei sich die Schuld suchen. Last not least verhalten sich die Eltern genauso. Doch gibt es weitere zahlreiche Varianten. Eine davon ist, z. B. Ausl├Ąnder als Problem anzugeben, die das Niveau dr├╝cken w├╝rden. Dadurch w├╝rden die Guten sich langweilen, weniger lernen und schlie├člich in der Konkurrenz Nachteile haben. Selbst irrationale Gr├╝nde k├Ânnen f├╝r die Erkl├Ąrung herangezogen werden. Dazu geh├Âren die Religion, Horoskope oder ├Ąhnliches. (5)

Den F├╝rsprechern fallen aber wiederum nur weitere Reformen ein. So wird dann entweder durch Ver├Ąnderung im Lehrplan, der Methoden, durch mehr Projektwochen oder durch andere mannigfaltige Kompensationsma├čnahmen versucht dieses Problem zu l├Âsen. Eine Sisyphusarbeit, die ihnen aber nicht klar wird. Dies ist aber kein Zufall, denn etwas Anderes als konstruktive Kritik haben sie selber auch nicht gelernt und steht ihnen auch gar nicht zu bzw. ist letztlich verboten. Wer die grunds├Ątzliche Ver├Ąnderung der Verh├Ąltnisse fordert, sei es noch so gut begr├╝ndet, gilt als Verfassungsfeind und wird bek├Ąmpft. (6)


8.

Um mit den Widerspr├╝chen umzugehen, haben die Menschen scheinbare Gr├╝nde f├╝r diese und andere Probleme.

Zu den einfachsten geh├Âren solche wie z. B.:

- man kennt nichts anderes

- der Vergleich, denn alles bisherige war noch schlechter bzw. es k├Ânnte schlimmer kommen

- Bildung ist notwendig also kann die Schule, die offiziell dieses Ziel hat, kein Problem sein


An dieser Stelle eine letzte Variante gute Gr├╝nde f├╝r das staatliche Bildungssystem zu konstruieren. Die Aussage "Ohne Schule verbl├Âdet ein Volk" soll ein unschlagbares Argument sein. Man solle sich einmal die heutige Gesellschaft ganz ohne das staatlich eingerichtete Bildungswesen vorstellen. Es mag ja seine M├Ąngel haben, wird dann zugestanden, aber ohne geht es nicht. Der demokratische Staat m├╝sse sich darum k├╝mmern, damit das Volk auf den n├Âtigen Stand "unserer Zeit" gebracht wird. Letztlich kann durch den Vergleich mit anderen Bildungseinrichtungen wie denen des SED-Systems oder in der 3. Welt wiederum das Eigene f├╝r gut befunden werden.

Damit wird jede Schulkritik zu einer Reihe von Problemen, die man mit Schulreformen bew├Ąltigen k├Ânne. Dieses Argument hat in zweierlei Hinsicht eine Haken. So soll dabei die Abwesenheit einer allgemeine Schulpflicht an den Ausbildungsnotwendigkeiten, die der Staat selber schafft, blamiert werden. Au├čerdem wird mit dieser Blamage die Existenz des staatlichen Bildungsmonopols zu einem gesellschaftsunspezifischen, quasi nat├╝rlichen Gesetz. Dies ist aber nicht so. Das Wissen einer Gesellschaft, ja ann├Ąhernd der ganzen Menschheit, liegt in gedruckter oder irgendwie gespeicherter Form vor. Es bedarf also nicht notwendig einer staatliche verordneten und kontrollierten Bildung.

Zumal es auch schon heute mannigfaltige Bildungsm├Âglichkeiten gibt (Fernsehen, Zeitung, B├╝cher, Museen, Vereine), auch wenn deren Inhalt nicht richtig sein muss, dieser daher in jeder Gesellschaft reflektiert und gepr├╝ft werden muss. Dort kann man sich bei Interesse kundig machen. In den B├╝chereien und L├Ąden finden sich sogar noch jene theoretischen Ausf├╝hrungen ├╝ber die Welt, die keinen Eingang in den Unterricht finden, weil es sich um verp├Ânte bis verbotene Gedanken handelt. So gesehen lie├če sich Bildung auch ohne staatliche Verpflichtung zur Schule regeln, wenn denn ein pers├Ânliches Interesse an Bildung solche Gelegenheiten nutzen m├Âchte und nicht durch andere H├╝rden daran behindert wird.


Fu├čnoten:
(1) Damit ist noch nicht die geschichtliche Entwicklung des Bildungssystems in der BRD als auch anderer Staaten, noch die Ver├Ąnderung der Schulinhalte im Einzelnen erkl├Ąrt.
(2) Im Folgenden ist nur von der b├╝rgerlichen Schule die Rede.
(3) Staatlich org. Kleinkindbetreuung in der DDR wird von den "Befreiern" als Freiheitsberaubung tituliert, die Fortsetzung der Erziehungsverstaatlichung in d. BRD soll dagegen gew├╝rdigt werden. Nicht Verstaatlichung ├╝berhaupt ist das ├ťbel, sondern der Zugriff solcher Staaten, welche die BRD - F├╝hrung gerade nicht leiden kann. Die DDR war der BRD immer ein "Dorn im Auge". Vgl. Pr├Ąambel des GG vor der Vereinigung.
(4) Ausnahmen sind: Lottogewinn, Erbschaft, Raub oder , systematisch bedingt sehr selten, ein Unternehmen aufzubauen, das soviel Gewinn abwirft, so dass man davon leben kann ohne zu arbeiten.
(5) Die Erfolgreichen sehen es dagegen meist als ihren Verdienst und als gerechtes Resultat an.
(6) GG Art.18: "Wer die Freiheit der Meinungs├Ąu├čerung, insbesondere die Pressefreiheit (Art. 5 Abs. 1), die Lehrfreiheit (Art. 5 Abs. 3), ..., zum Kampfe gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung missbraucht, verwirkt diese Grundrechte.

Literatur:
Grundgesetz f├╝r die BR Deutschland: Textausgabe Stand: August 1998 & Juli 1998. Hrsg. von der Bundeszentrale f├╝r politische Bildung.
HUISKEN, F.1998: Erziehung im Kapitalismus; Von den Grundl├╝gen der P├Ądagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der b├╝rgerlichen Lehranstalten, VSA-Verlag.
LANG, C., 2000: Optimismus ist Pflicht. Aus: Politische Zeitschrift, Nr.103, 09/2000. Hrsg. von der Bundeszentrale f├╝r politische Bildung.
LAPPE, L., 1999: Berufliche Chancen Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland. Aus: Politik & Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament", 6/99.
R├ľHRIG, R., 1998: Mathematik mangelhaft; Fehler entdecken, Ursachen erkennen, L├Âsungen finden. rororo, Reinbek.
Z├ľLLNER, J.,2000: Zitiert in der NEUEN PRESSE. Ausgabe vom 27.11.2000.