27.02.2002 PDF

Rot = Massentod?

Zur Debatte um das Schwarzbuch des Kommunismus

Schon bevor es erscheinen war, hat es Furore gemacht: Das Schwarzbuch des Kommunismus. In Frankreich ist so ein Buch natĂŒrlich ein anderer Schnack: Dort sitzen die Kommunisten in der Regierung und waren immer anerkannter Teil der Nation. Dort gab es eine kommunistisch-sozialistische Gegenkultur, die in Deutschland mit dem Machtantritt der Nazis beseitigt wurde. Und natĂŒrlich geht es auch um die Resistance, den französischen Widerstand, auf den sich die Französische Republik beruft und zu dem auch Kommunisten gehört haben.
In Deutschland geht es deshalb auch um etwas anderes: Zum einen soll noch einmal die DDR als böse, böse, böse dargestellt werden, Honecker=Stalin=Pol-Pot. Zum anderen geht es um die ZulĂ€ssigkeit marxistischer Gesellschaftskritik ĂŒberhaupt. Der Hinweis auf das Interesse von Herausgeber und Diskutanten ist aber noch keine Widerlegung der Argumente des Buchs. Denn auch ein politischer Gegner kann mit schlechtester Absicht ja trotzdem etwas richtiges sagen. Um den Schluß zu verraten: Dies ist hier nicht der Fall.


In dem Buch steht nichts Neues. Wie meistens, wenn mit Geschichte Politik gemacht werden soll, wissen die Historiker gar nicht so recht, was die Aufregung soll: Alles lĂ€ngst bekannt. Der Gestus des Buchs, hier wĂŒrde mit einem langgehegte Tabu gebrochen, ist eine so offensichtliche und dumme LĂŒge, daß sich vielmehr die Gegenfrage aufdrĂ€ngt: Was soll das?

Gedenkt Wenn ihr von unseren SchwÀchen sprecht Auch der finsteren Zeit Der ihr entronnen seid (Brecht: An die Nachgeborenen)
Nun ist es ein bißchen billig, vom sicheren Lehrstuhl in Paris aus ca. 70 Jahre spĂ€ter den russischen und chinesischen RevolutionĂ€ren vorzuwerfen, Gewalt angewandt zu haben. Das haben sie, das mußten sie auch, und wer sich die Geschichte der bĂŒrgerlichen Revolutionen in England 1648, in Frankreich 1789 und den USA 1777 ansieht, kann erkennen, daß es sich um ziemliche Gemetzel gehandelt hat, wie die Geschichte der Durchsetzung des Kapitalismus ĂŒberhaupt mit Blut geschrieben ist. Die VerhĂ€ltnisse im zaristischen Rußland und dem vorrevolutionĂ€ren China waren schrecklich: Unglaubliches Elend, Hungersnöte (mit mehreren Millionen Toten), brutaler Terror — eben durchaus dem Teil der freien Welt Ă€hnlich, der so schön „Dritte Welt“ heißt und jeden Tag ĂŒber 100.000 Hungertote produziert. Gegen solche VerhĂ€ltnisse und ihre ReprĂ€sentanten und Macher gewalttĂ€tig vorgegangen zu sein, kann kein Vorwurf sein.

Ein toter Mensch ist ein toter Mensch. Wer vor Hunger verreckt, dem kann es egal sein, warum: Ob der Jang-Tse wie die letzten tausend Jahre ĂŒber die Ufer getreten ist und die Ernte deswegen verfault, ob der Warlord oder die japanischen Besatzer die gesamte Ernte beschlagnahmen, ob auf dem Weltmarkt der US-Weizen so billig ist, daß der angebaute Reis schlichtweg unverkĂ€uflich ist, oder ob der Bauer sein KĂŒchengerĂ€t einschmelzen mußte, um die Stahlquote des Dorfs zu erfĂŒllen und deswegen viele Felder unbestellt blieben, weswegen die Volkskommune nun unter FĂŒhrung der Partei verreckt — tot ist tot.

Mit der Übernahme der Macht durch die Kommunisten sind die bisherigen GrĂŒnde fĂŒr massenhaftes, vorzeitiges Verrecken zumindest in der Sowjetunion und China entfallen. Schon der Kapitalismus ĂŒberwindet die Naturschranken der Produktion: Wenn Leute nach einer DĂŒrre oder Überflutung des Hungers sterben, so liegt das keineswegs mehr daran, daß es nichts zu beißen gĂ€be, sondern daß die Leute es nicht kaufen können. Nichts anderes kann die Aufgabe einer sozialistischen Gesellschaft sein: Schluß damit zu machen, daß das Überleben der Produzenten z.B. von Börsenkursen abhĂ€ngig ist oder daran scheitert, daß sie ĂŒber kein Geld verfĂŒgen.

Daß das nicht passiert ist, sondern daß Leute, die sich Kommunisten genannt haben, nicht nur kalkuliert Millionen haben verrecken lassen — das ist der Großteil der ‘Opfer des Kommunismus’ — sondern auch Hunderttausende in Lagern sich totarbeiten oder gleich erschießen haben lassen, das wirft Fragen auf. Und daß massenhafte widerliche Foltermethoden angewandt wurden in LĂ€ndern, die sich sozialistisch nannten — und eben nicht nur in den MilitĂ€rdiktaturen SĂŒdamerikas, in Nazi-Deutschland oder durch den japanischen MilitĂ€r-Faschismus 1932-1945 — das ist schon heftig. Und das lĂ€ĂŸt sich auch weder durch die schrecklichen VerhĂ€ltnisse vorher, noch durch die massenhaften Greueltaten in der kapitalistischen Welt rechtfertigen: Wer eine Gesellschaft schaffen will, in der die freie Entwicklung eines jeden Voraussetzung und Bedingung der freien Entwicklung aller ist, muß sich an diesem Ziel messen lassen. Aber das ist etwas komplett anderes als mit den Leichenbergen des Staatssozialismus die des Kapitalismus oder gar der NS-Herrschaft rechtfertigen zu wollen.

Falsch ist allerdings das Argument der KritikerInnen, die Autoren des Schwarzbuchs wĂŒrden nur ĂŒber die Leichen des Staatssozialismus reden. Zum einen ist es immer doof, jemandem, der von etwas bestimmten redet, vorzuwerfen, von anderen Dingen nicht zu reden. Das ist immer wahr, aber uferlos — darum ist mit schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit auch die Antwort die, mensch wolle wohl nicht ĂŒber die Opfer des Staatssozialismus sprechen. Gleichzeitig lĂ€ĂŸt sich nun mal nicht ĂŒber alles Schreckliche reden — denn davon gibt es schlichtweg so viel, daß es auch ein bezeichnendes Licht auf die schöne moderne Welt wirft. Zudem: Wer etwas ĂŒber die Opfer von Stalinismus, Maoismus, den Roten Khmer etc. herausfinden will, der muß nun einmal darĂŒber sprechen und nicht ĂŒber irgend etwas anderes.

Der Punkt aber ist: Das Schwarzbuch redet gar nicht nur ĂŒber die Leichenberge der einen Seite. Es macht ja selbst den Vergleich zum Faschismus und zum Rechtsstaat. Und dann ist die Frage nach dem Schwarzbuch des Kapitalismus, der Demokratie, dem Faschismus, der Nationalstaatlichkeit oder den antikommunistischen Folterregimes in der Tat ziemlich zulĂ€ssig. Das Schwarzbuch will gerade ĂŒber die Anzahl der Opfer den Beweis der VerdammungswĂŒrdigkeit des Kommunismus und der Überlegenheit der bĂŒrgerlichen Demokratie fĂŒhren und zugleich den Hinweis auf die faschistischen Formen des Kapitalismus abweisen. Es will der Linken das GefĂŒhl der moralischen Überlegenheit nehmen.

Vergleich, Gleichsetzung — oder Analyse?
Und dieses Anliegen kommt dabei jeder ernsthaften historischen Auseinandersetzung in die Quere. WĂ€re es den Autoren ernsthaft darum gegangen herauszufinden, warum so viele Menschen im Namen des Sozialismus sterben mußten, so hĂ€tten sie sich folgende Fragen stellen mĂŒssen: Was war das Programm der TĂ€ter? Was waren die UmstĂ€nde der Tat? Was ihre GrĂŒnde? Das wĂ€re aber das Gegenteil eines Vergleichs. Es wĂ€re eine Untersuchung. Ein Vergleich von zwei Sachen geht immer nur, wenn mensch die Sachen kennt, die da verglichen werden. Vergleichen lĂ€ĂŸt sich prinzipiell alles und jedes: Der Vergleich von Atombombe und Erbsensuppe z.B. wĂŒrde sehr viel Unterschiede und ziemlich wenig Gemeinsamkeiten zu Tage bringen. Alle Eigenschaften von Atombombe und Erbsensuppe lassen sich nicht durch den Vergleich, sondern durch die Untersuchung von Atombombe bzw. Erbsensuppe herausfinden. Sinnvoll ist ein Vergleich, um das Besondere oder Allgemeine einer Sache zu verdeutlichen, indem mensch zeigt, daß eben andere Sachen in der Frage genauso oder ganz anders sind. Nun ist es so, daß die Begriffe „Kommunismus“ und „Faschismus“ immerhin der gleichen SphĂ€re entstammen, also vielleicht etwas mehr Gemeinsamkeiten haben als Erbsensuppe und Atombombe.

Ein Vergleich ist im Regelfall keine Gleichsetzung, denn er wird zwischen zwei unterschiedlichen Sachen gemacht. Sonst hat er wenig Sinn. Die AnhĂ€ngerInnen des Schwarzbuchs tun so, also ob sie durch den Vergleich von Kommunismus und Faschismus herausgefunden hĂ€tten, daß beide ziemlich das Gleiche seien: Totalitarismus. Neu ist diese Behauptung nicht, von 1947 bis 1968 war das sogar die allgemeine Sichtweise in der westlichen Welt.

Nun kann mensch ja, wenn mensch nach grĂŒndlicher Untersuchung von zwei Sachen einen Vergleich zwischen beiden Dingen macht, einen gemeinsamen Oberbegriff vorschlagen. Ob ein gemeinsamer Oberbegriff sinnvoll ist, muß dann inhaltlich diskutiert werden.

Und da sind beim Begriff „Totalitarismus“ allerhand Zweifel angesagt: Wir wissen nichts ĂŒber die Programme der NSDAP, der italienischen Faschisten, der spanischen Falange, der KPdSU oder der Partei der Arbeit Albaniens, wenn wir sie als totalitĂ€r bezeichnen. Im Gegenteil: Alle Unterschiede sind durchgestrichen, es wird eine IdentitĂ€t behauptet, von der die Unterschiede nur Varianten sein sollen. Aber was soll diese IdentitĂ€t sein?

Totalitarismus ist nur negativ definierbar: Er ist nicht die westliche Demokratie mit ihren Wahlen, ihrem Rechtsstaat und all den vom Staat gewĂ€hrten Freiheiten. Und das ist fast so, als ob mensch Atombombe und Erbsensuppe durch die Abwesenheit von Broccoli-Röschen, Spargelspitzen und roter Farbe definieren wĂŒrde. Die Versuche, Totalitarismus positiv zu definieren, landen in schlechter Abstraktion: Herrschaft einer Partei (was fĂŒr einer?), die ihr Programm verbindlich macht (worin bestand es?), und dabei massenhaft Leute ermordet (warum? wen? wie?).

Schlechte Abstraktion: Opfer des — Kommunismus?
Aber nicht erst der Begriff Totalitarismus ist kritikabel. Nicht erst der Versuch, nationalsozialistische, faschistische, stalinistische und maoistische Herrschaft unter einen Begriff zu fassen, verfĂ€llt der Kritik: Gibt es eigentlich einen gemeinsamen Grund fĂŒr den Mord an sowjetischen Parteikadern, dem Verhungern chinesischer Bauern und dem Massenmord an allen möglichen Menschen, die die Roten Khmer als Hindernis fĂŒr ihre bessere Gesellschaft ausgemacht haben? Das allein wĂŒrde es rechtfertigen, sie — und sagen wir die toten des Ă€thiopischen BĂŒrgerkriegs und die vielen anderen, die im Schwarzbuchs erwĂ€hnt sind — unter ‘Opfer des Kommunismus’ zu subsumieren.

Um Trauer kann es, im Ernst, kaum gehen, bei den vielen Tausenden von Menschen, die die LeserInnen persönlich auch nicht kennen. Und der Schrecken ĂŒber die Toten bleibt dann ja eine etwas seltsame Sache, wenn er nicht die Absicht hervorbringt, etwas gegen eine mögliche Wiederholung zu tun — und das erfordert Wissen ĂŒber die Sache, die sich nicht wiederholen soll. Den toten Menschen kann es völlig gleichgĂŒltig sein. Die sind tot und können sich von Trauer und Betroffenheit von Menschen, die in anderen Zeiten unter anderen UmstĂ€nden in anderen Weltteilen leben, auch nichts kaufen.

Untersuchen wir also drei Punkte, an denen besonders viele Menschen gestorben sind: die sowjetische Industrialisierung in den 30er Jahren, der „Große Sprung nach vorn“ in China 1958-61 und der Massenmord in Kambodscha 1975-1979.

Die Sowjetunion war nach der Revolution 1917 und dem BĂŒrgerkrieg 1919-1924, in dem westliche Staaten sich auf Seiten der Feinde der Sowjetmacht einschalteten, ein zerstörtes Land. Die Industrieproduktion lag danieder, die Landwirtschaft war in den HĂ€nden von Groß- und Mittelbauern, die wenig Neigung zeigten, fĂŒr wertloses Papiergeld ihre Ernten abzuliefern. Geplant war die russische Revolution sowieso nur als Auftakt zur Weltrevolution, die ja bekanntlich nicht stattfand. Als Stalin seine Doktrin vom „Sozialismus in einem Land“ vortrug, meinte er damit nicht, nunmehr eine Planwirtschaft in dem Sinne zu errichten, daß der gesellschaftliche Bedarf ermittelt werden sollte, um dann den Betrieben mitzuteilen, was so gebraucht wird, um dann zu kucken, wie das mit den vorhandenen Mitteln am Besten zu machen sei. Die Betriebe wurden darauf verpflichtet, aus der zugewiesenen Rubelmenge Gewinn zu machen und das war unter den gegebenen VerhĂ€ltnissen nur auf Kosten der ArbeiterInnen möglich. So sah denn die sowjetische Arbeitsgesetzgebung aus und die radikalste Form war, in den sowjetischen Arbeitslagern den Tod der ArbeitskrĂ€fte in Kauf zu nehmen, so daß trotz bewußter Anwendung des Wertgesetzes eine „ursprĂŒngliche sozialistische Akkumulation“ ins Werk gesetzt werden konnte. Notwendig war der Aufbau der Schwerindustrie— mit allem, was dazu nötig war: Verkehrswege, Kraftwerke, Erschließung von Kohle- und Eisenlagern — schon, um die Sowjetunion kriegsfĂ€hig zu machen. Bekanntlich war 1933 in Deutschland eine Bewegung mit einem wenig sowjetfreundlichen Programm an die Macht gekommen.

Die ParteisĂ€uberungen der KPdSU dienten nicht nur der Ausschaltung der Opposition — die grandiosen FehlschlĂ€ge der Planung mit Geld konnten nach der Parteilogik gar nichts anderes als Hinweis auf Verrat und Sabotage sein. Denn alles, was die KPdSU sich vornahm, verkaufte sie gleichzeitig als Vollstreckung historischer Notwendigkeiten, so daß FehlschlĂ€ge eben nur auf bösen Willen zurĂŒckzufĂŒhren waren.

In China hatte die KP nach langen Jahren des BĂŒrgerkriegs gegen die Guomindang und dem gemeinsamen Krieg gegen die japanischen Faschisten die Macht ĂŒbernommen. Von Anfang an eher nationalistisch als marxistisch, wollte sie aus dem rĂŒckstĂ€ndigen Bauernland einen modernen sozialistischen Industriestaat, am besten mit eigener Atombombe, machen. Den FĂŒhrungsanspruch der KPdSU stellt die KPCh seit Mitte der 50er Jahre in Frage, und wollte 1958 mit dem Großen Sprung nach vorn unmittelbar den Kommunismus aufbauen: „Drei Jahre Leiden fĂŒr 1000 Jahre GlĂŒck“. Ein Sabotageversuch hĂ€tte kaum wirksamer sein können. Eine vernĂŒnftige Planung fand schon deswegen nicht statt, weil den Volksmassen nichts unmöglich sei. Dieser Irrsinn erklĂ€rt sich daraus, daß der KP, seit es sie gab, permanent ihre Unmöglichkeit entgegengehalten wurde. Niemand hĂ€tte 1919, als die Partei gegrĂŒndet wurde, geglaubt, daß sie 30 Jahre spĂ€ter die VR China ausrufen wĂŒrden. Die KP hatte das Massaker an ihrer Basis 1928, den Langen Marsch durch China und Stalins BĂŒndnispolitik ĂŒberlebt — was sollte ihr unmöglich sein? Hunderttausende starben des Hungers, die Wirtschaft und das öffentliche Leben brachen zusammen, China war danach nur noch mit Albanien verbĂŒndet. Der ganze Irrsinn endete mit der Entmachtung Mao Zedongs, um dann 1968 als „Große proletarische Kulturrevolution“ seine zweite AuffĂŒhrung zu feiern.

Als die Roten Khmer 1975 in Kambodscha die Regierung stĂŒrzten, wollten sie von vorne anfangen: Die Stadt Phnom Penh galt ihnen als verderbt und dekadent und bevor an den Aufbau einer Industrieproduktion zu denken sei, mĂŒsse die Gesellschaft gesĂ€ubert und eine neue landwirtschaftliche Basis geschaffen werden. Die Ermordung aller „unzuverlĂ€ssigen Elemente“, und dazu gehörten StĂ€dterInnen, Intellektuelle und Angehörige der vietnamesischen Minderheit, war in diesem bescheuerten Programm ebenso vorgesehen wie die massenhafte Vertreibung auf das Land, wo wiederum viele Leute an Hunger starben. Beendet wurde der Spuk erst, als das moskauorientierte Vietnam einmarschierte. Das fĂŒhrte ĂŒbrigens dazu, daß sowohl der freie Westen als auch die heutigen Machthaber Kambodschas sich mit den Roten Khmer verbĂŒndeten.

Was haben diese drei FĂ€lle gemeinsam? Nichts. Zwar haben sich Stalinisten, Maoisten und Rote Khmer jeweils „Kommunisten“ genannt — aber sie haben völlig unterschiedliches darunter verstanden. Daß jeweils eine ganze Menge Menschen gestorben sind, hat vollkommen unterschiedliche GrĂŒnde. Terror — und darunter fĂ€llt auch die bewußte Inkaufnahme einer Hungersnot durch die Sowjetmacht Anfang der 30er Jahre — ist eben nie ein Zweck, sondern ein Mittel. Die Anwendung dieses Mittels muß aus dem Zweck, der damit verfolgt wird, erklĂ€rt werden. Wer aber glaubt, Terror sei eben immer fĂ€llig, wenn versucht wird, die Gesellschaft zu verĂ€ndern — und das ist die Forschungshypothese der Autoren — ist eben blind fĂŒr die Zwecke und kann darum auch nichts erklĂ€ren.

Das post-totalitĂ€re Ticket — die liberale Form der Anti-Antifa
Warum, so wird nach dem Erscheinen des Buchs oft gefragt, hat die Linke immer auf Auschwitz gestarrt, anstatt die Verbrechen der Linken zu sehen? WĂ€re die Frage ernst gemeint, wĂ€re die Antwort leicht: Der nette weißhaarige Herr, der einem in der Straßenbahn gegenĂŒbersitzt, ist nun mal mit ca. 1000-mal grĂ¶ĂŸerer Wahrscheinlichkeit ein SS-Einsatzgruppenleiter gewesen als ein Parteikommissar in Kambodscha. Diese Leute haben dieses Land aufgebaut und wir leben darin, insoweit mĂŒssen wir uns eben damit herumschlagen.

Aber es geht natĂŒrlich um etwas anderes: Die Anzahl der Opfer — bei deren Berechnung verfĂ€hrt der Herausgeber zum Ärger seiner Mit-Autoren ziemlich großzĂŒgig — soll zeigen, daß Auschwitz in Zukunft kein Argument mehr fĂŒr Kapitalismuskritik sein kann. Horkheimer hat einmal gesagt, daß wer vom Kapitalismus nicht reden will, auch vom Faschismus schweigen solle. Vom „Kapitalismus“ wollen Ex-Linke und Neu-Rechte schon lĂ€nger nicht mehr reden, der heißt mittlerweile ‘Zivilgesellschaft’. Darum soll in Zukunft auch vom Faschismus geschwiegen werden. Oder doch zumindest nicht mehr geredet werden dĂŒrfen, ohne den Hinweis, daß die bislang einzig existente Alternative zum Kapitalismus eben genauso böse oder sogar noch schlimmer war.

Getroffen wird damit eine Linke, die vom Faschismus nichts weiß, außer, daß viele Leute ermordet wurden. Aber nicht, daß sechs Millionen Menschen ermordet wurden, ist das singulĂ€re an Auschwitz, sondern daß eine Gruppe von Menschen als ĂŒbermĂ€chtiger, von der Natur aus böser Feind halluziniert wurde, deren vollstĂ€ndige Vernichtung fĂŒr die arische Rasse die einzige Überlebenschance gewesen wĂ€re. Darum hatten die Nazis auch tatsĂ€chlich vor, alle Juden dieser Welt umzubringen — und das erklĂ€rt auch den Unterschied zwischen staatssozialistischen Arbeits- und nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Und auch die Zwangsarbeit im Faschismus hatte nun einmal andere GrĂŒnde als im Realsozialismus, wie ja auch Formen und GrĂŒnde des Wirtschaftens ziemlich unterschiedlich waren.

Seit 1989 haben viele Linke sich etwas mehr mit der gesellschaftlichen RealitĂ€t beschĂ€ftigt. Seit dem schwarz-rot-goldenen Fahnentaumel wissen sie auch, daß sie nicht im Namen der Volksmassen sprechen und die Geschichte nicht automatisch auf ihrer Seite ist. Das hat auch zu einer Neubewertung des Faschismus als letzter und brutalster Konsequenz des alltĂ€glichen Nationalismus gefĂŒhrt, weswegen konsequenter Antifaschismus nun mal bei der gesellschaftlichen Grundlage des Faschismus anfangen muß: eben mit dem nationalstaatlich verfaßten Kapitalismus. Genau eine solche Konsequenz aus dem offiziellen Antifaschismus ist nicht erwĂŒnscht. Wer die bĂŒrgerliche Demokratie und den kapitalistischen Nationalstaat kritisiert, der soll in Zukunft mit dem Hinweis auf die „Opfer des Kommunismus“ mundtot gemacht werden. Mensch weiß ja jetzt, wohin das fĂŒhrt...

Deswegen werden all jene, die frĂŒher mal Linke waren und nunmehr die bĂŒrgerliche Demokratie hochleben lassen, auch ziemlich fĂŒnsch, wenn jemand ihre Absage an linke Gesellschaftskritik in Frage stellt. Da endet dann plötzlich die Toleranz — „keine Freiheit fĂŒr die Feinde der Freiheit“ — und die „offene Gesellschaft“ geht ziemlich geschlossen gegen ihre Gegner vor. Gegen ihre linken Gegner — aber das ist wirklich nichts neues.