23.05.2005 PDF

Keine geile Zeit

Passend zum deutschen Aufbruch zur Weltmacht: Schwarz-rot-goldene Stimmungskanonen an der Unterhaltungsfront.Gruppe "Kritik im Handgemenge" Bremen



2004 war nicht nur das Jahr von Hartz IV, der SPD-Verluste, CDU-Streitereien und NPD-Erfolge, der Montagsdemos und was an politischen Themen noch so im Schwange war. Es war auch das Jahr, in dem "Wir sind wir" von Paul van Dyk und Peter Heppner mehrere Monate in den Charts blieb, "Der Untergang" ĂĽber die letzten Tage im FĂĽhrerbunker von Oliver Hirschbiegel ein KassenknĂĽller wurde und der Song "Amerika" von Rammstein Erfolge feierte.


"Patriotismus macht unser Land krisenfest"
(Edmund Stoiber, Bundeskanzlerkandidat a.D.)

National waren Entspannung und Ablenkung auch früher schon, mitunter auch von den Themen. Aber nun findet national-pädagogisches Edutainment auch im Bereich der Jugendkultur Eingang: Nationalismus wird charttauglich. Gleichzeitig wurden die "Leiden der Deutschen" durch Krieg und Niederlage "seit der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht mehr so intensiv erzählt, dokumentiert und besprochen" (SZ v. 5.2.2005).

Hunderttausende, die sonst Politik und Geschichte total langweilig finden, rennen plötzlich ins Kino, um Hitler beim Sauerkrautessen zuzuschauen — obwohl so viele "das" angeblich "nicht mehr hören können" und "irgendwann mal Schluss sein muss", man zudem die deutsche Geschichte nicht auf "diese zwölf dunklen Jahre reduzieren" könne. Da wird ein Hass-Song gegen die böse amerikanische Dominanz der MTV-Klingelton des Monats. Wenn zwei Monate später die Politik mal wieder eine Patriotismus-Debatte anzettelt, weil sie Vaterlandsliebe für das beste Fundament von Standortpolitik hält, ist es sicherlich Zufall. Andererseits aber passt es wie die Faust aufs Auge zu einem geistigen Klima, in dem Deutschland sich fragt, wie es die globale Konkurrenz für sich entscheiden kann.

Was es ist? Na, wir sind wir! — Freizeitnationalisten schwer unterwegs

In früheren Jahren litten Sänger (Ina Deter, BAP, H.R.Kunze) an der deutschen Vergangenheit, die es ihnen so schwer machte, mit Deutschland klarzukommen. Klarkommen wollten sie aber schon. 2002 fühlte sich nun die Band Mia, bis dahin nicht weiter unangenehm aufgefallen, bemüßigt, ein Gedicht Erich Frieds zu einer Liebeserklärung an Deutschland umzufunktionieren. Sie sei, jubelte die Sängerin, "nicht mehr fremd" in ihrem Land, und wenn man sie frage, woher sie komme, "tu' ich mir nicht mehr selber Leid". Anstatt sich nur einmal die Frage vorzulegen, warum sie solche Bedürfnisse hatte, fand sie sich selber toll, weil sie nunmehr für die Liebe zum Vaterland etwas riskiere. Dass sie damit "neues, deutsches Land" betrete, stimmte insofern, als hier zum ersten Mal eine Sängerin, die man bis dato für irgendwie links gehalten hatte, ihre schwarz-rot-goldenen Dummheiten ("schwarzer Kaffee ... rote Lippen ... gelber Sand") in die Welt posaunte. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Bei Mia war die Vergangenheit noch nur indirekt, aber negativ Thema — irgendwie Grund sich fremd zu fühlen; jetzt aber "tanzt Matthias im Pacha" auf Ibiza: das ist uns´re Gegenwart". Mit der Verabschiedung von der Geschichte bricht Mia mit ihren Fans in eine glückliche deutsche Zukunft auf.
Im Gegenteil dazu kamen Paul van Dyk und Peter Heppner auf die schöne Idee, die deutsche Vergangenheit gewinnbringend, nämlich zur Identitätskonstruktion zu nutzen. Mit ihrem Song "Wir sind wir", in dem ein Typ durch alle möglichen Stationen der deutschen Geschichte stiefelt, wollten sie über das Leiden der armen Deutschen die Identifikation mit Volk und Vaterland in schweren Zeiten erreichen: "Aufgeteilt, besiegt und doch / Schließlich leben wir ja noch." Was zu den bombardierten Städten geführt hat, durch die der Sänger so mitleidig zieht, darüber "spricht man heute lieber gar nicht mehr", also hält auch das Lied dazu fein die Klappe.

Nationalisten — "so schnell kriegt man uns nicht klein"

Als ob sie´s kritisieren wollten, bringen van Dyk/Heppner mit ihrem "Wir sind Wir" auch die banale Logik des Nationalismus auf den Punkt: Für einen nationalistisch verbildeten Verstand soll das bloße Dabei-sein schon einen Grund fürs Dafür-sein abgeben; und zwar egal, wie es einem dabei geht. Diese Logik des "Mitgefangen, Mitgehangen — sei gefälligst froh dabei" ist besonders bösartig, weil einen ja nie jemand gefragt hat, ob man denn dieser oder einer anderen oder überhaupt einer nationalen "Schicksalsgemeinschaft" angehören will.
Die Nation bleibt immer ein gewaltsamer Zusammenschluss, mit üblen Folgen sowohl für die Ein- als auch die Ausgeschlossenen. Wer nicht zur Nation gehört, ob in echt oder nur in den Hirnen radikaler Nationalisten, ist "Ausländer", mit allen fiesen Folgen, die das hat: dumme Sprüche, Schwierigkeiten auf Ämtern und bei der Wohnungssuche, nicht zu reden von Abschiebeknästen und Brechmitteleinsätzen. Aber auch für "Inländer" ist die Nation kein Zuckerschlecken. Sie sind abhängig vom nationalen Erfolg, und was das bedeutet, wird ihnen mit jedem Sparprogramm, jeder Rationalisierungswelle und jeder Lohnverzichtsrunde vorbuchstabiert: Wenn´s ums Große und Ganze geht, ist auf die einzelnen Interessen gepfiffen.
Ganz egal, was den inneren Zusammenhalt der Nation angeblich ausmachen soll: Sprache, Kultur, Blut oder Liebe zur Verfassung — in jedem Nationalismus schlummert die Tendenz, die Gemeinsamkeiten von Menschen, mit denen die Nation gemacht wird, zum Grund des Nationmachens zu verklären. Die Bürger sollen den gemeinsamen Willen zur Nation deswegen haben, weil die Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Kultur und Geschichte sie dazu bestimmen. Damit die "Schicksalsgemeinschaft", die eigentlich einen guten Grund darstellt, Volk & Vaterland zum Teufel zu wünschen, auch geliebt wird, muss man sie zum menschlichen Bedürfnis Nr. 1 erklären, das noch vor allen materiellen Erwägungen zu kommen hat: "Jetzt können wir haben was wir wollen /Aber wollten wir nicht eigentlich viel mehr?". In Krisenzeiten die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen: "Das ist doch nur ein schlechter Lauf / So schnell geben wir doch jetzt nicht auf."

Erst gehen wir unter — und dann wieder auf

Ganz auf dieser Linie bewegt sich auch "Der Untergang". Nein, Hitler wird wahrlich nicht sympathisch dargestellt in diesem Schinken — wer Mitleid mit dem Gröfaz empfindet nach diesem Film, muss schon vorher ein Nazi gewesen sein. Das Opfer von Hitler (böse!) und Goebbels (ganz böse!) ist das deutsche Volk (naiv, aber nicht wirklich böse), verkörpert von der kuhäugigen Sekretärin, der in den letzten April-Tagen des Jahres 1945 ein schrecklicher Verdacht kam: War Hitler Antisemit? Und vom kleinen blöden HJ-Jungen, der unbedingt zum Volkssturm will, und den anhand von toten Blondschöpfen leise Zweifel am Endsieg beschleichen. Vor lauter Charme vom Hitler, so die indirekte Botschaft des Films, haben die Deutschen augenscheinlich gar nicht gemerkt, dass sie Juden nach Auschwitz fuhren, Partisanen erschossen, Zwangsarbeiter schikanierten und was die Durchschnittsdeutschen 1933-1945 noch so für ihr Vaterland taten. Das darf man ihnen so richtig nicht übel nehmen, scheint der Film zu sagen, sondern man solle sich lieber mit den Deutschen identifizieren.
Auf jeden Fall eher als mit den Alliierten. Über die darf man mittlerweile eine ordentlich schlechte Meinung haben. Über die "ßoffjetß" (Adenauer/Kohl) sowieso, weil Stalin angeblich viel hitleriger als der Hitler war. Nun aber auch über die Amis, die, das lernen wir von Rammstein, die ganze Welt mit ihrer Kultur überfremden ("Coca Cola / Wonderbra", "I don't sing my mother tongue") und allen anderen sagen, wo es lang geht ("Wenn getanzt wird will ich führen"). Ihre schönen Ideale von Freiheit seien genau wie die kulturelle Dominanz nur Begleitmusik für ihr Weltherrschaftsprogramm: "Die Freiheit spielt auf allen Geigen / Musik kommt aus dem Weißen Haus". Ganz schlimm: "Und vor Paris steht Mickey Mouse", nicht mehr die Wehrmacht — wie ärgerlich für deutsche Nationalisten.
Natürlich erwähnt Rammstein Deutschland oder die EU mit keinem Wort. Und doch passt ihr Hass-Gesang gegen die amerikanische Dominanz ganz prima zu den vergangenheitspolitischen Lockerungsübungen der letzten Zeit. Das Sündenregister der USA — das wie bei jedem Staat mit der Nationalgeschichte identisch ist — ist nämlich eine Legitimation, sich vom unheilvollen Einfluss dieser bösen Macht zu emanzipieren. Willkommen zu Hause: Daran arbeiten deutsche Regierungen seit 1990 mit dem Aufbau Deutschlands zur Weltmacht.

Vergangenheitspolitik fĂĽr die Zukunft

Bislang wurden die Deutschen zum begriffslosen Schrecken ("Wie war das nur möglich?") erzogen, mit Stolz auf die Scham auf Deutschland eingeschworen ("Wir stehen auch zu den dunklen Seiten unserer Geschichte") und mit Totalitarismustheorie ("zwei Diktaturen auf deutschem Boden") dazu gebracht, linke Gesellschaftskritiker für halbe Nazis zu halten. Nun wird aber das Gerücht nicht alle, die Deutschen hätten ein "gestörtes Verhältnis" zu ihrer Nation aufgrund der Nazi-Zeit. Der Dreh, sich zu Deutschland zu bekennen, indem man sich für dessen Vergangenheit schämt und sich ein bisschen in die Opfer einfühlt, ist darum in den Verdacht geraten, gar nicht die nötige Begeisterung für Deutschland zu bringen.
Anstatt sich mit den deutschen Verbrechen vor und während des zweiten Weltkrieges auseinander zu setzen, hat nunmehr die alte Masche, das deutsche Volk als das eigentliche Opfer der Nazis zu präsentieren, Hochkonjunktur: Günter Grass erzählt vom Leiden der armen Flüchtlinge, Erich Loest sammelt die Erlebnisse der Deutschen mit dem II. Weltkrieg, und in "Der Brand" werden die Opfer der Nazis mit den Toten durch alliierte Bomben im Großdeutschen Reich gleich gesetzt. Die "Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den eigenen Taten" wird für erfolgreich durchgeführt erklärt und befähigt nun besonders zu außenpolitischen Einmischungen. Durch die Thematisierung der Beendigung der Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit und die fröhliche Reise Heim in die Bundesrepublik (Mia); durch die Aufbereitung der Leiden der Deutschen während und nach dem 2. Weltkrieg; durch die Identifikation mit den Tätern und Deutschland (Der Untergang, Wir sind Wir); schließlich durchd die deutsche Alternative zur amerikanischen Einebnung der "ethnischen" Idiotien (Rammstein) im Unterhaltungsformat ist sichergestellt, dass die Botschaft auch bei denen ankommt, die sich bisher selbst gegenüber Knopp´scher Zeitzeugen-Geschichtsschreibung uninteressiert zeigten.
Wer nun die Geschichte umdreht, und auch aus "den Deutschen" Opfer macht, womöglich noch die eigentlichen, kann dann endlich mal über die Verbrechen der bösen Anderen reden. Diese Umdeutung der Geschichte sorgt jedenfalls todsicher für ein total unverkrampftes Verhältnis zu der Geschichte, die man so unbedingt als die "eigene" begreifen will. Da fühlt man sich dann nicht mehr "fremd" im eigenen Land und kann ganz unbefangen die Dominanz von Ländern kritisieren, die ihre blutige Geschichte und Gegenwart nicht so schön bewältigt haben wie die Deutschen. Dann kann man zum Wesentlichen kommen: Deutschland lieben. "Unverkennbar ist bei den Deutschen im Verhältnis zu sich selbst ein emotionales Eis gebrochen" (SZ v. 05.02.2005). Uns macht diese Herzerwärmung für das eigene Kollektiv ja so richtig frösteln

"Ans Vaterland ans teure, schließ dich an" — Geiz wäre geiler!

Das ganze Gejammer über mangelnden Patriotismus verrät einem allerdings mehr über die Ansprüche der Politik an ihr Menschenmaterial als über die Wirklichkeit. Dass die Leute in einer Nation leben; dass ihr Staat vor 14 Jahren um 1/3 größer geworden ist; dass für den Standort D die Arbeitskräfte Opfer zu bringen haben; dass deutsche Soldaten Mord und Totschlag nicht ihren ausländischen Kollegen überlassen können — das kommt kaum jemandem noch widerlich, kritisierens- und abschaffenswert oder auch nur komisch vor. Darum ist das Wort "national" der ganz normale Vorname aller möglichen politischen Projekte geworden (nationaler XY-Pakt), und der graue Alltag wird durch schwarz-rot-gold ein bisschen bunter. Nötig im strengen Sinne wäre also das ganze Identitätsgelaber nicht, auch keine Patriotismusdiskussion.
Andererseits — Deutschland hat sich wirklich viel vorgenommen. Die Anstrengungen, militärische Großmacht zu werden, gleichzeitig den Euro stabil zu halten und als Standort fürs Kapital attraktiv zu bleiben, verlangen Opfer von der Bevölkerung, hier und anderswo. Hier soll darum den Leuten eingebläut werden, dass sich zu diesen Anstrengungen nur eine schwarz-rot-goldene Position gehört: Dass "wir alle" Opfer zu bringen haben und, statt rumzujammern, die Ärmel aufkrempeln sollten. Da passen Filme und Videos, die "schwere Zeiten" zeigen, ganz prima.
Musiker und Sänger sind da nicht anders als der Rest der Patriotenschar. Ohne auch nur einen richtigen Gedanken zum Thema haben zu müssen, ohne auch nur die Absicht zu verfolgen, ein politisches Statement abzugeben, "fühlen" sie, was Sache ist und schauen ganz ungläubig, wenn ihnen einer Nationalismus vorwirft: Sie lieben doch nur einfach Deutschland.
So schwappt die nächste schwarz-rot-goldene "perfekte Welle" über "dieses unser Land" (H. Kohl).