21.06.2006 PDF

Kaum zu glauben! Kritik der Religion

Ein Text von der Gruppe „Kritik im Handgemenge“ (Bremen)

„Der Mensch hat zwei Überzeugungen. Eine wenn’s ihm gut geht und eine, wenn’s ihm schlecht geht. Letztere heißt Religion“ (Kurt Tucholsky)

Religion ist der Glaube an ĂŒbernatĂŒrliche MĂ€chte. Diese sollen die Welt und die Menschen — wenn sie sie nicht sowieso gleich geschaffen haben — beherrschen und leiten. Sie greifen angeblich in das Weltgeschehen ein; und fast jede Religion verspricht bei entsprechendem Wohlverhalten wenn schon nicht GlĂŒck und Erfolg im Diesseits, zumindest ein besseres Leben nach dem Tode (Christentum, Islam, Judentum, Sikhs, Bahai), eine Wiedergeburt in der Luxusklasse (Hinduismus, Mormonen) oder aber doch wenigstens den Ausstieg aus dem Wiedergeburtskarussel (Buddhismus).

Entstanden ist Religion als Versuch des Menschen Natur zu beeinflussen. Magische Praktiken sollten den Menschen JagdglĂŒck, richtiges Wetter fĂŒr gute Ernten, Schutz vor Seuchen und Krankheiten, gesunden Nachwuchs usw. bringen. Und auch solche Dinge, die mit Natur nicht unbedingt zu tun haben, wie z.B. KriegsglĂŒck. Die Verwandlung der unbegriffenen und unbeherrschten NaturmĂ€chte (Blitz, Donner, Wind, Regen, Sonne) in ansprechbare menschenĂ€hnliche Götter war — auf welche verrĂŒckte Art und Weise auch immer — eine Form, in der sich Menschen zu Herren der Natur erklĂ€rten.


Beeinflussung des (scheinbar) Unbeeinflussbaren

Heute sieht es mit dem Wissen ĂŒber NaturzusammenhĂ€nge und ihre Beherrschbarkeit besser aus; wenn heute Abholzung fĂŒr Überschwemmungen, CoÂČ-Emissionen fĂŒr Treibhauseffekte und AKW-UnfĂ€lle fĂŒr LeukĂ€mie-FĂ€lle sorgen, liegt das nicht am mangelnden Wissen. Der Religion hat dies bedauerlicherweise nicht geschadet. Ihre zentrale AttraktivitĂ€t ist weiterhin die Beeinflussung des (scheinbar) Unbeeinflussbaren: Sei es gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse, die das Individuum allein nicht Ă€ndern kann (Arbeitslosigkeit, Armut, gutes Abschneiden in der Konkurrenz), sei es von Dingen, die auch die vergesellschaftete Menschheit wohl nicht ganz wird abschaffen können: Liebeskummer, Krankheit, Tod. So kann jeder Pickel und jede 6 in der Französisch-Klausur als Gottes Strafe verstanden werden, umgekehrt das geglĂŒckte Date und das bestandene Abitur als Belohnung. Dies leistet die Religion durch die Subjektivierung des Objektiven: Statt einer schlecht eingerichteten, individuell nicht beherrschbaren Welt bietet sie Gottheiten an, die zumeist als Personen gedacht werden und Wille und Bewusstsein haben - zwar als ĂŒbernatĂŒrliche, aber doch fĂŒhlende, zĂŒrnende, liebende und am Ende hoffentlich verzeihenden Wesenheiten. Die sehen und hören alles und lassen einen nie allein, und insoweit ist das religiöse Bewusstsein von Haus aus mit einem leichten bis mittelschweren Verfolgungswahn ausgestattet.

Sinnstiftung

Der Verfolgungswahn hat, wie jeder Psychologe weiß, durchaus seinen Reiz: Es gibt einem nĂ€mlich das GefĂŒhl von Bedeutung und erfĂŒllt die eigene Existenz mit Sinn. Religiöse Menschen berichten nicht umsonst vom GefĂŒhl der Geborgenheit und Sicherheit, das ihnen ihr Glaube bietet. Und zwar auch bzw. vor allem, wenn’s schief lĂ€uft. Ausgesprochen tröstlich ist es fĂŒr das normale GemĂŒt hinter allem und jedem einen höheren Sinn zu finden. Das eigene Leiden, woran auch immer, wird so geadelt, ihm wird eine Bedeutung verliehen - so kann man aus jeder Not noch mindestens den Profit ziehen, dass sie einen Demut lehrt oder den Glauben prĂŒft. Denn die Gewissheit, die Allerobersten hĂ€tten sich ihren Teil dabei gedacht, als sie die Welt so Ă€ußerst unzureichend fĂŒr die eigenen BedĂŒrfnisse eingerichtet haben, wird eher nicht zum Aufstand gegen oder zur Empörung ĂŒber die Götter fĂŒhren. Schon gar nicht die verĂ€rgerte Nachfrage provozieren, was verdammt noch mal diese wohl nicht sonderlich freundlichen höheren Wesen sich gedacht haben, als sie die Welt so beschissen eingerichtet haben. Dies wĂ€re eine Glaubenskrise. Vielmehr fordert Religion die Unterwerfung und sogar dankbaren Akzeptanz all dessen, was das religiöse Bewusstsein seinen Anbetungsobjekten als Ausfluss ihres unergrĂŒndlichen Willens in die Schuhe schiebt.

Mittelpunkt der Welt

Das moderne religiöse Bewusstsein ist damit erstaunlich ich-bezogen — oder um es ausnahmsweise mal mit Freud auszudrĂŒcken: magisch. Es stellt das Denken und Handeln des einzelnen in den Mittelpunkt der Welt und macht alles zur Reaktion einer göttlichen Macht auf Tun, Nicht-Tun, WĂŒnschen, Begehren usw. Das passt zur modernen kapitalistisch eingerichteten Welt ganz gut. In der soll sich ja jeder die Welt in eine Summe von Chancen und Möglichkeiten fĂŒr sich ĂŒbersetzen — also ignorieren, dass die Erwartungen von Staat und Kapital an den einzelnen gerade nicht dessen LebensglĂŒck und Wohlergehen im Auge haben. Vielmehr soll sich der moderne Mensch einbilden, diese Welt sei fĂŒr ihn, als Möglichkeit der BetĂ€tigung seiner IndividualitĂ€t geschaffen. All die MĂ€rkte auf denen er sich bewĂ€hren muss, soll er sich in lauter Angebote an ihn ĂŒbersetzen. FĂŒr diese SelbsttĂ€uschung, die beim guten funktionieren ĂŒbrigen sehr hilfreich ist, braucht man nicht unbedingt Götter — aber eine sinnvolle ErgĂ€nzung und ÜberbrĂŒckung fĂŒr all das, was man sich alles damit auflĂ€dt, sind diese Figuren allemal.

Der Rest der Welt wird hĂ€ufig zu Material fĂŒr göttliche Belohnung und Bestrafung des eigenen Selbst. Diese merkwĂŒrdig ohnmĂ€chtige Allmacht des eigenen Denkens ist ĂŒbrigens von Anfang an ein Politikum: Weil es die Verbesserung des VerhĂ€ltnisses zur Götterwelt fĂŒr das Lebensmittel an sich hĂ€lt, und eine eventuelle VerĂ€nderung der Welt gerade mal als Mittel zur Beeinflussung des/der Allerhöchsten taugt. Diese religiöse AufrĂŒstung mag individuell bleiben, oder sich als politische Bewegung organisieren.

Ich bete - du gibst GlĂŒck

Der Beeinflussung der Gottheit(en) dient das Einhalten bestimmter Vorschriften, die in der Regel nicht gerade den Lebensgenuss der GlĂ€ubigen fördern. Gebete, mit denen dem höheren Wesen die Ansinnen der GlĂ€ubigen mitgeteilt werden und Zeremonien der Verehrung und Anbetung, die dem/der zustĂ€ndigen HimmelsfĂŒrsten/in den Respekt bezeugen, sind zumeist ein recht harmloser, wenn auch hĂ€ufig nicht gerade aufregender Zeitvertreib. Dass es in Reaktion auf diese Langeweile immer wieder Bewegungen gibt, die die Rituale als Erlebnis inszenieren, Ă€ndert nichts daran, dass auch fĂŒr diese Verzicht und Mangel wesentlicher Teil ihrer Botschaft ist. Doch dazu kommen in offener (Hinduismus, Shintoismus, Buddhismus, Katholizismus) oder versteckter (Protestantismus, Judentum, Islam) Form Opfer und GelĂŒbde, die durch Verzicht Unterwerfung unter göttlichen Willen beweisen. Neben diesen blöden VerzichtserklĂ€rungen kommen noch die widerlichen Selbstgeißelungen und -bestrafungen, die sich religiös Durchgetickte selber auferlegen — ohne sich schon wieder zu fragen, was das wohl fĂŒr Götter sind, die solchen Scheiß von ihren AnhĂ€ngern erwarten. Auch bei der Selbstgeißelung können Leute wiederum Lust empfinden, Zweck der Sache ist es sicher nicht.
Hinter all diesen Versuchen, die Gottheit zu beeinflussen steckt die Hoffnung auf einen Tauschhandel „Wohlverhalten gegen Erfolg“. Was bei den alten heidnischen Göttern noch recht praktisch mit Schaf, Schwein und Kuh war, ist heute viel subtiler und individueller, aber nichtsdestotrotz eine Grundlage des modernen Glaubens. Die Gelehrten der Gottes“wissenschaft“ Theologie haben durch alle Zeiten gegen solche Vorstellungen gewettert. AnsprĂŒche an Götter stellen ist nĂ€mlich nicht sehr demĂŒtig und schon darum recht verdĂ€chtig. Zudem könnte der Elchtest der Praxis ja auch Zweifel wecken, ob denn die höheren MĂ€chte tatsĂ€chlich existieren.

Also tröstet sich die fromme Selbstunterwerfung mit dem Versuch, sich das Wohlwollen der HimmelsfĂŒrsten durch Demut, Glauben und Verzicht zu verdienen, immer in dem klĂ€glichen Bewusstsein, dass das ein unsicheres GeschĂ€ft ist und man seinen Herrn und Gott ja auch nicht versuchen soll.

Unterwerfung als Programm: Erstmal sich selbst...

Damit ist Religion, so liebenswert manche Rituale sein mögen, eine Gesinnung des Sich-Andienens und im Grundzug höchst konservativ: Statt die Welt zu verĂ€ndern, wird durch Unterwerfung unter ihren Einrichter qua Selbstbesch(n)eidung versucht, das Beste fĂŒr sich herauszuholen. Eine SĂŒnde kennt jede Religion, selbst die sonst recht sinnenfreudigen heidnischen Kulte: Die Hybris, d.h. die SelbstĂŒberschĂ€tzung des Menschen als Auflehnung gegen den/ die da oben. Die zweite SĂŒnde ist der Materialismus, d.h. das Interesse, die diesseitigen BedĂŒrfnisse der Menschen zu befriedigen und den Himmel den Tauben und Spatzen zu ĂŒberlassen. Sinnlicher Genuss, sei es leckeres Essen, erfreuliche GetrĂ€nke oder guter Sex ist die Sache der MĂ€nner (und Frauen) Gottes zumeist nicht. Wenn sie nicht gleich „Völlerei“ und „Wollust“ zu TodsĂŒnden erklĂ€ren (Christentum), so haben sie doch gleich einen ganzen Katalog von Vorschriften, den Spaß aus dem Leben auszutreiben (Judentum, Islam), oder sind von vornherein eine einzige Verzichts- und Leidenspredigt (Buddhismus). Selbst die wenigen heute noch praktizierten Religionen, die den Spaß am Sex nicht per se verdammen (z.B. Hinduismus), was nicht allzuviele sind (zumeist die polytheistischen), lassen ihn dann v.a. als einen Weg zur Gottheit zu. Das „Ich“ des religiösen Menschen setzt sich eben gerade durch seine Unterwerfung als Mittelpunkt der Welt ein.

...und dann auch noch die anderen!

Nun könnte ein religiöses GemĂŒt ja fröhlich seinem Wahn fröhnen und den Rest der Welt in Ruhe lassen. GehĂ€ssig wie GlĂ€ubige zumeist sind, könnten sie uns verstockten Materialisten das Höllenfeuer bzw. die Wiedergeburt als Regenwurm von Herzen gönnen.
Ärgerlicherweise aber sind die Götter allesamt heiß auf Verehrung durch ihre Geschöpfe. Darum macht man sich bei ihnen durch die Anwerbung neuer AnhĂ€nger auf jeden Fall beliebt. (Was es einer höheren Macht nun bringen soll, sich dauernd das nicht sonderlich gescheite Geplapper seiner Verehrer anzuhören, muss so unklar bleiben, wie die Frage, warum die HimmelsfĂŒrsten einen nicht gleich einfach ins Paradies lassen, ohne Willensfreiheit, SĂŒnde, Teufel usw. Wer nicht nur so solche Fragen stellt, sondern auch Antworten haben will, der verlĂ€sst ab einen bestimmten Punkt den Bereich des religösen Denkens, weil er nicht bloß glauben, sondern wissen will.). Hat die Religion dazu noch AuftrĂ€ge wie NĂ€chstenliebe, muss schon zum Besten der armen Heiden die göttliche Wahrheit verkĂŒndet werden. Will wer die schöne Lehre nicht einsehen oder hat das heilige Buch das göttliche Gebot des Djihad (Kampf fĂŒr Gott, sowohl mit sich selbst, als auch gegen die UnglĂ€ubigen), ist die Sache mit der Mission — notfalls mit Feuer und Schwert — eh geritzt.
Aber selbst Religionen wie der Buddhismus, die von ihrer Lehre her keinen Raum fĂŒr gewaltsame Missionierung lassen, haben es zu veritablen FeldzĂŒgen im Namen der göttlichen Wahrheit gebracht. Wer das kapieren will, soll nicht in heiligen BĂŒchern nachlesen, sondern sich fragen, zu welchen verfolgten Zwecken die interessierte Lesart der heiligen Überlieferungen wohl warum ganz gut gepasst hat — und auch heute noch passt.

Dass das so gut geht, hat mit dem â€žĂŒbernatĂŒrlichen Charakter“ der VerkĂŒndigung zu tun. Götter melden sich nĂ€mlich nicht — sonst wĂŒrden wir uns das mit der Religionskritik auch lieber noch mal ĂŒberlegen — und es gibt darum auch keine „Beweise“, dass diese oder jene Interpretation der geoffenbarten Texte richtig oder falsch ist. Darum kann man sich immer trefflich darĂŒber streiten, was denn nun der Wille der Gottheit ist, dem es zu genĂŒgen gilt. Koran und Bibel sind als Gemeinschaftsprodukte und 30 bis 70 Jahre nach dem Abnippeln des Religionsstifters — falls es Jesus als historische Figur tatsĂ€chlich gegeben hat — entstanden. Sie sind zudem auch noch schön widersprĂŒchlich: So ist fĂŒr alle was dabei. Die BegrĂŒndungen fĂŒr einige der Ver- und Gebote, die gerade zu das Kennzeichen fĂŒr die Religionen geworden sind, sind oft atemberaubende Überinterpretationen des jeweiligen Buchs (Milchiges und Fleischiges im Judentum, Alkoholverbot und Schleiergebot im Islam), teilweise stehen sie im Widerspruch zum Text (christliche Missachtung der jĂŒdischen Speise- und Kleidegebote) usw. Fundamentalisten suchen sich ganz bestimmte Sachen in den Heiligen Schriften aus und deuten sie jeweils in der schlimmsten und menschenfeindlichsten Weise. Im Koran steht weder direkt etwas ĂŒber Amerika noch ĂŒber den Kapitalismus noch ĂŒber Selbstmordattentate; ĂŒber Juden und Christen hat der Prophet Unterschiedliches zu vermelden gewusst. Wie man mit „Liebe deinen NĂ€chsten“ Waffen segnen oder Schilder „God hates Fags“ hochhalten kann — man sollte die entsprechenden religiösen GemĂŒter das lieber nicht fragen. Denn dann hat man den Boden der rationalen Argumentation bereits verlassen und streitet sich ĂŒber die korrekte Auslegung göttlicher Gebote. Und das sollte man den GlĂ€ubigen ĂŒberlassen.

Fundamentalismus und NeugrĂŒndungen

Erneuerungsbewegungen jeglicher Art sind im Wesen der Religion schon fast vorprogrammiert. Die LebensumstĂ€nde in einer Welt voll Herrschaft und Götterglauben sind immer beschissen genug, um auf göttliche Abhilfe zu sinnen und die allerobersten MĂ€chte durch ‘RĂŒckkehr’ zum wahren Glauben zu versöhnen. ‘Fundamentalismus’ behauptet dabei zumeist Wiederherstellung der Einheit von Gottes Wort und den Handlungen der GlĂ€ubigen. Die „Wiederherstellung“ ist immer eine fette LĂŒge ĂŒber die Vergangenheit. Das ist eine ĂŒbliche konservative Masche: Es wird jeweils das eigene Ideal in eine glorreiche Vergangenheit projiziert, und die RĂŒckkehr zu den traditionellen Werten als Heilung aller Gegenwartsproblem verkauft.
Jede Religion hat sich zudem auch noch mit Abspaltungen herumzuschlagen, die sich teilweise sehr weit von der Ausgangsreligion entfernen (so z.B. das Christentum vom Judentum). Auch das ist im Wesen der Religion angelegt. Das religiöse Bewusstsein geht, wenn es Stimmen hört, nicht zum Psychiater, sondern grĂŒndet — wenn es nicht anfĂ€ngt Mitmenschen abzumurksen oder andere unerfreuliche Sachen zu machen — als Nachfolger des Propheten und Mahdi, neuer Christus, richtiger Messias oder wiedergeborener Buddha eine neue Sekte (Protestanten, Chassidim, Schiiten, Aleviten) oder gleich eine neue Religion (Sikhs, Bahai, Mormonen); manche Religionstiftungen fanden und finden jedoch auch ohne Visionen statt. Dass und wo sich solche religiösen NeugrĂŒndungen ausbreiten, hat hĂ€ufig mit der Lehre zu tun, die besser zu verĂ€nderten gesellschaftlichen UmstĂ€nden passt (z.B. Protestantismus zu Beginn der kapitalistischen Entwicklung). HĂ€ufig hat es aber auch mit Gewalt zu tun — welcher Teil der Welt heute christlich, islamisch, buddhistisch und hinduistisch ist, ist nicht durch ein paar fetzige Diskussionen von Theologen entschieden worden, wonach dann per Urabstimmung, sich alle ihren Götterglauben aussuchen konnten. Heute gehört die jeweilige Religion immer auch zur „nationalen Kultur“ — und also ruft es Nationalisten auf den Plan, wenn allzu viele BĂŒrger plötzlich andere Götter anbeten wollen, als bislang im Vaterlande ĂŒblich.

Religion als Moralressource fĂŒr Herrschaft und Protest

Privateigentum („Du sollst nicht stehlen!“) und herrschaftliche VerfĂŒgungsgewalt von MĂ€nnern ĂŒber Frauen und Kinder sind in den Tugendkatalogen fast aller bestehenden Religionen unterstellt. Armut und Mangel sollen nicht etwa abgeschafft werden, sondern werden im Gegenteil verherrlicht und/oder moralisch abgefedert. Unzufriedenheit mit dem eigenen Los ist da eher Ausdruck fehlender Demut, denn irgendwas werden sich die Götter schon dabei gedacht haben. Warum sich Leute wechselseitig an den Kragen wollen, fragt die Religion nicht, sondern verbietet es mit drohenden Strafen im Jenseits. FĂŒr alles, was Leute an den VerhĂ€ltnissen im Diesseits stört und was mal gerade nicht der „göttliche Plan“ ist, wird menschliches, unmoralisches Fehlverhalten verantwortlich gemacht. Kein Wunder, dass die Herrschenden in vorbĂŒrgerlichen Zeiten — als es sie als „Herrschende“ noch so richtig gab — die verschiedenen Götterglauben, selbst wenn sie sie nicht teilten, sehr nĂŒtzlich fanden.

Der religiöse Mensch darf also Kritik am Diesseits haben. Er darf nĂ€mlich das ultimative Angebot, das die Religion fĂŒr das menschliche Zusammenleben parat hat, annehmen: Gerechtigkeit als Maßstab an das Handeln seiner Mitmenschen anlegen. (Bei den Göttern lĂ€sst er dies besser). Abstrakter Moralismus ist der Grundzug des religiösen Denkens: Das heißt man trennt sich von jedem positiven Bezug auf menschliche BedĂŒrfnisse konsequent und denkt nur noch in den Kategorien „Wenn das alle machen wĂŒrden“, „Hauptsache ehrlich!“, „Man muss auch mal verzichten können“ usw . Entsprechend selbstgerecht und hartherzig sind religiöse Moralisten, wenn sie ihre Mitmenschen „bessern“ wollen. Und wechselseitig kreiden sich solche Figuren gerne den Mangel an Demut an, den sie beim anderen immer dann feststellen, wenn der sich ein Urteil erlaubt, das doch nur einem selbst zusteht.

Trotz der GrundĂŒberzeugung, dass die Gottheit(en) schon jeden auf den Platz gestellt haben, wo er/sie hingehört, beruft sich auch sozialer Protest auf göttlichen Willen. Manchmal schließen sich die Diener Gottes dem Aufmucken der Diener der irdischen Gewalten sogar an oder empfinden zumindest Sympathien. Mitb Religion lĂ€sst sich eben so einiges machen, weil die hochverehrten ĂŒbernatĂŒrlichen WeltenlenkerInnen so selten direkt Anweisungen geben. Das Aufbegehren, das sich heute (Den Bauernkrieg u.Ă€. lassen wir mal beiseite; bis zur amerikanischen und französischen Revolution drĂŒckte sich jedes politische Anliegen religiös aus und auch die beiden wussten den „Schöpfer“ und sein Naturrecht bzw. das „höchste Wesen“ irgendwie auf ihrer Seite. ) mit dem lieben Gott verbĂŒndet, protestiert gegen unmoralische (und falschglĂ€ubige oder den Glauben verfĂ€lschende) Herrschaft, fordert Gerechtigkeit und Moral ein. Sie will gar nicht einem vernĂŒnftigen, sondern einem ziemlich irrationalen Maßstab genĂŒgen. Auch eine „Theologie der Befreiung“ ist nur das Einfordern von Gerechtigkeit und WĂŒrde fĂŒr Gottes dienstbare Knechte. Den Anspruch auf Land, Brot und Milch aus der Bibel abzuleiten, mag ja sympathischer sein, als AnschlĂ€ge auf Abtreibungskliniken zu verĂŒben — ein Programm der vernĂŒnftigen BedĂŒrfnisbefriedigung ist es nicht, und hat in seiner BegrĂŒndung mehr mit den Taliban als mit dem Kampf fĂŒr eine Welt ohne Herrschaft und Mangel zu tun.

Buddha, Jesus und Mohammed sind keine Genossen!

Religion steht eben feindselig zu einer vernĂŒnftigen Einrichtung der Welt, zur Ermittlung der BedĂŒrfnisse der Menschen und Anstrengungen, und zum Versuch diese planvoll zu befriedigen. Wenn alles Gottes Wille ist oder sein kann, dessen Ratschluss ja sowieso unerschließlich ist und in dessen Wille man sich zu ergeben hat, dann sind einer vernĂŒnftigen Analyse Grenzen gesetzt. Und weil alles so seinen Sinn hat, und sei es als PrĂŒfung des Glaubens, wird eben jeder Scheiß mit einer höheren Weihe versehen, letztendlich gerechtfertigt und ein moralischer Schluss daraus gezogen: AIDS, Naturkatastrophen, Arbeitslosigkeit usw. Nicht bloß die institutionalisierte Religion, sondern Religion ĂŒberhaupt ist das Problem, nicht die „VerfĂ€lschung“ der Lehre durch die Pfaffen, sondern die Lehre ĂŒberhaupt. Buddha, Jesus und Mohammed sind keine Genossen. Und sie werden’s auch nicht mehr.