13.05.2002 PDF

Grundlagen der Kapitalismuskritik

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Grundlage jeder Gesellschaftskritik ist die Beantwortung der Frage, welches die Prinzipien der betrachteten Gesellschaft sind. Die Grundlage einer Kapitalismuskritik ist dementsprechend die Untersuchung der Funktionsweise des Kapitalismus. Diese Untersuchung entscheidet dar├╝ber, worauf Erscheinungen wie Armut, Erwerbslosigkeit, Umweltverschmutzung und "Bildungsabbau", Erscheinungen, an denen fast jeder etwas auszusetzen hat, zur├╝ckzuf├╝hren sind: auf Charakterm├Ąngel und Fehlentscheidungen von Politikern oder auf die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft, die sich selbst dann durchsetzen, wenn ehrenwerte Staatenlenker nur "das Beste" wollen und tun.
Dieser Text hei├čt nicht zuf├Ąllig Grundlagen der Kapitalismuskritik: Da├č an dieser Gesellschaft nicht einfach irgendwas zu kritisieren ist, sondern nicht weniger als ihr ├Âkonomisches Prinzip, ist diesem Text von Anfang an vorausgesetzt. Damit auch, da├č Gesellschaft nicht durch irgendetwas bestimmt ist (nicht durch "Kultur", nicht durch "Information" und schon gar nicht durch die Gene derjenigen, die darin leben), sondern durch die ├ľkonomie: Man kann deshalb mit gutem Grund von kapitalistischen Gesellschaften reden.(1) Bei diesen Voraussetzungen und Behauptungen wollen wir aber selbstverst├Ąndlich nicht stehen bleiben, sondern im folgenden Argumente f├╝r sie anf├╝hren.(2)
Natur, ├ľkonomie und Gesellschaft

Egal, um was f├╝r eine Gesellschaftsordnung es sich handelt: Menschen sind auf einen Stoffwechsel mit der Natur angewiesen: Sie m├╝ssen das, was sie zum Leben brauchen - darin sind sie von anderen Lebewesen gar nicht unterschieden - ihrer Umwelt abtrotzen. Im Unterschied zu anderen Lebewesen ist der Stoffwechselproze├č des Menschen aber kein reiner Naturproze├č. Menschen sind in der Lage, Zwecke zu setzen und ihre Handlungen als Mittel zur Erreichung dieser Zwecke zu wissen. Sie erkennen manche Mittel als tauglich und andere als weniger tauglich. Und mit ihrem zweckgerichteten Handeln nehmen Menschen nicht nur in der Natur Gegebenes auf, um sich am Leben zu erhalten, sondern ver├Ąndern Naturstoffe. Zweckgerichtete T├Ątigkeit, die dazu dient, Gebrauchsgegenst├Ąnde, Gebrauchswerte herzustellen, ist der abstrakte Begriff der Arbeit. Und die Produktivkraft der Arbeit ist das Ma├č daf├╝r, wie viele Gebrauchswerte gleicher Art pro "Arbeitsmenge" hergestellt werden: Je h├Âher die Produktivkraft, desto h├Âher die Gebrauchswertmenge.
Einfache Methoden zur Steigerung der Produktivkraft der Arbeit sind Kooperation und Arbeitsteilung. Wenn Viele zusammenarbeiten, dann schaffen sie mehr, als wenn sie das isoliert voneinander tun. Und wenn sie sich auf wenige verschiedene Handlungen beschr├Ąnken und diese daf├╝r perfektionieren, so steigert das die Produktivkraft im Vergleich zu einer Gemeinschaft, wo alle alles machen. Wenn aber nicht alle alles machen, sondern Arbeitsteilung herrscht, dann m├╝ssen sie ihre Produkte wechselseitig benutzen. Die Produkte werden ausgetauscht oder verteilt.


Zur Herstellung von Gebrauchswerten ben├Âtigen die Arbeitenden Produktionsmittel: einen Arbeitsgegenstand (z.B. einen Rohstoff) und (soll die Produktivkraft nicht auf dem Niveau von Fallobstsammeln stehenbleiben) Werkzeuge, mit denen sie auf den Arbeitsgegenstand einwirken k├Ânnen (und au├čerdem noch Boden auf dem das ganze stattfindet, Hilfsstoffe usw.). Werkzeuge, die eine Erh├Âhung der Produktivkraft erm├Âglichen, liegen nicht herum, sondern m├╝ssen selbst hergestellt werden. Auch dies geschieht arbeitsteilig und kooperativ. Die Produzenten sind also auf viele andere Produzenten anderer G├╝ter angewiesen. Das resultierende System von Beziehungen der Menschen in einer Gesellschaft ist allerdings nicht rein stofflich, also sozusagen "nat├╝rlich" bestimmt. Wesentlich f├╝r die Bestimmung einer Gesellschaft ist die Art, in der diese Beziehungen organisiert sind, wer ├╝ber die Produktionsmittel verf├╝gt, wie diese Verf├╝gung gesichert wird und was das f├╝r Nichtbesitzer von Produktionsmitteln bedeutet.
Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens sind nur dann kritisierbar, wenn in ihnen eine teilweise Freiheit vom Naturzwang verwirklicht ist. Ihrer nat├╝rlichen Seite nach, der Seite des Naturwesens, m├╝ssen Menschen atmen, essen und sich w├Ąrmen. Sie sind in dieser Hinsicht nicht frei, sondern unterliegen einer Notwendigkeit, einem Zwang. Nur insoweit es den Menschen gelungen ist, sich von diesem Naturzwang wenigstens so weit zu emanzipieren, da├č sie ├╝ber die Art und Weise entscheiden, wie sie ihm nachgehen, kann ihr Tun Gegenstand der Kritik werden. Dem Begriff Gesellschaft ist vorausgesetzt, da├č die Produktivkraft der Arbeit in einem Ma├če entwickelt ist, das Entscheidungsbereiche er├Âffnet, so da├č die Handlungen der Beteiligten nicht durch die Naturnotwendigkeiten determiniert sind. Die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit fand in der Vergangenheit allerdings unter der Bedingung von Unfreiheit statt, der Herrschaft von Menschen ├╝ber Menschen. Die Leute wurden gezwungen, nicht nur sich, sondern ebenso die jeweilige Herrschaft und deren Gewaltapparat zu erhalten. Wissenschaftler und Techniker (das beginnt schon bei den Flu├čregulationssystemen in ├ägypten und Mesopotamien) wurden von der Mehrheit der Bev├Âlkerung nicht freiwillig ern├Ąhrt - und auch die Umsetzung ihrer Ergebnisse in Technologie fand unter Zwang statt. Herrschaft ist so Freiheit in der Gestalt der Unfreiheit.
Wird von Gesellschaft gesprochen, so ist unterstellt, da├č eine Notwendigkeit f├╝r die Einzelnen besteht, sich den gesellschaftlichen Prinzipien zu unterwerfen - andernfalls lie├če sich ├╝ber Gesellschaft gar nichts bestimmtes aussagen.(3) Gesellschaft ist nicht eine Summe Einzelner, sondern vor allem der Zusammenhang dieser Einzelnen bzw. das Prinzip, nach dem sie miteinander umgehen. In vorkapitalistischen Zeiten wurde dieser Zusammenhang in der Regel durch herrscherliche Gewalt hergestellt. Eine Gesellschaft im engeren Sinn bildet ein Herrschaftsbereich aber nur dann, wenn der Zusammenhang der Einzelnen permanent, notwendig und inhaltlich bestimmt ist. Ein mittelalterliches Territorium z.B., das nur durch den Gewaltapparat eines Herrschers zusammengehalten wurde, w├Ąhrend Bauern und Handwerker in einem sehr viel engeren Umkreis vor sich hinwerkelten, hatte keinen bestimmenden Einflu├č auf das Leben der Menschen und war keine Gesellschaft im strengen Sinn. Solange die Herrschaft personal ist, entspricht die Gesellschaft ihrem eigenen Begriff, eine den Einzelnen gegen├╝ber sich notwendig durchsetzende Gesamtheit zu sein, nicht vollst├Ąndig, sondern hat ein Moment von Zuf├Ąlligkeit.(4) In Gesellschaften mit kapitalistischer Produktionsweise ist das anders. Der Zwang zur Unterwerfung ist durch die ├Âkonomischen Verh├Ąltnisse selbst gesetzt, die sich aus sich heraus stetig erhalten. Auch wenn dazu nach wie vor eine politische Gewalt erfordert ist, handelt es sich hier um apersonale Herschaft: Das gesellschaftliche Prinzip und damit der Charakter der Herrschaft selbst wird nicht durch das politische Personal bestimmt, sondern ist dessen Handlungen als ein System von "Sachzw├Ąngen" vorausgesetzt. Deshalb ist es auch m├Âglich, die kapitalistische Gesellschaften nicht nur historisch zu beschreiben, sondern in strengem Sinn wissenschaftliche Aussagen ├╝ber sie zu machen. Das wird im folgenden ausgef├╝hrt.

Ware, Wert und Geld

Die Produktion im Kapitalismus ist eine arbeitsteilige Produktion durch Privatproduzenten. Das hei├čt erstens, da├č die Produzenten nicht nach einem gemeinsamen Plan produzieren, sondern f├╝r einen Markt, und zweitens, da├č die Produktionsmittel ebenso wie das Produktionsergebnis Eigentum freier Rechtspersonen ist.(5) Die G├╝ter sind nicht Gebrauchswert f├╝r den, der sie herstellt, sondern werden f├╝r den Austausch produziert, es findet Warentausch unter der Bedingung der Konkurrenz statt. Die im Kapitalismus produzierten Waren unterscheiden sich von Produkten fr├╝herer Zeiten darin, da├č sie nicht nur Gebrauchswerte sind, sondern au├čerdem einen Wert haben. Das erscheint darin, da├č die Waren neben ihrer stofflichen Gestalt immer auch Repr├Ąsentanten eines Allgemeinem sind: Eines Erl├Âses, der mit ihnen zu erzielen ist.
Der Wert erscheint nur im Austausch mit anderen Waren bzw. mit Geld. Der Warenwert und damit auch die Austauschverh├Ąltnisse der verschiedenen Waren werden dabei nicht beliebig von den Beteiligten festgelegt. Der Wert ist bestimmt durch den zur Produktion einer Ware insgesamt notwendigen Aufwand. Die Privatproduzenten wissen nichts vom Wert (und w├╝├čten sie es, dann w├╝rde das nichts ├Ąndern), sondern das Ma├č stellt sich als blind wirkender Durchschnitt hinter ihrem R├╝cken her. Als Voraussetzung der individuellen Handlungen erscheinen die gesellschaftlichen Verh├Ąltnisse den Menschen notwendig als nat├╝rliche, als naturgesetzlich vorhandene, weil sie f├╝r die Einzelnen unverr├╝ckbar wie Naturgesetze sind.
Der Preis erscheint in der Kalkulation der Warenverk├Ąufer als Summe verschiedener Kosten und eines recht beliebigen Profitaufschlages. Der Sache nach aber ist der Wert einer Ware Resultat einer bestimmten Menge gesellschaftlich durchschnittlich notwendiger und dadurch wertbildender Arbeit. Diese kann direkt in die Wertbildung eingehen oder in bereits vergegenst├Ąndlichter Form, als im Produktionsproze├č verbrauchte Produktionsmittel.(6)
Das Ma├č der Werte und der Ma├čstab der Preise ist das Geld, eine Ware, die anders ist als alle anderen. W├Ąhrend die ├╝brigen Waren ein besonderes Bed├╝rfnis befriedigen m├╝ssen (das macht ihren Gebrauchswertcharakter aus), befriedigt Geld das allgemeine Bed├╝rfnis, gegen alle anderen Waren austauschbar zu sein. Oder: Weil alles daf├╝r zu haben ist, nimmt es jeder.(7) Im Kapitalismus werden n├╝tzliche Dinge hergestellt und verkauft. Entscheidend daf├╝r, was hergestellt wird, ist es allerdings, wieviel Geld damit im Verh├Ąltnis zur Auslage zu erzielen ist; kein Unternehmer wird eine Investition t├Ątigen, weil die herzustellende Ware ihm so nutzbringend erscheint. Ihr Gebrauchswert interessiert nur als Nachfrage ├╝berhaupt. Geld wird f├╝r Produktionsprozesse ausgelegt, um nach Beendigung dieser Prozesse mehr in Geld gemessenes Eigentum zu haben als vorher. Geld, das in dieser Weise die Bestimmung hat, sich zu verwerten, ist die Grundgestalt von Kapital. Es mu├č das Ziel der Kapitaleigent├╝mer sein, ihre Ware zu verkaufen und eine gr├Â├čtm├Âgliche Geldmenge daf├╝r zu erhalten, mit dem dann bestimmte andere Waren (Produktions- und Konsumtionsmittel) zu kaufen sind. Es ist weiter unten zu zeigen, warum es dazu keinen Bereicherungstrieb braucht, sondern die kapitalistische Konkurrenz die Kapitaleigner dazu zwingt, sich im wesentlichen als Vertreter ihres Kapitals zu bet├Ątigen. Der Wert ist der Zweck der kapitalistischen Produktion, der Gebrauchswert blo├čes Mittel.
Was Reichtum konkret ist, ver├Ąndert sich mit den Ver├Ąnderungen der gesellschaftlichen Bedingungen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten. Immer aber ist Reichtum der ├ťberschu├č, der ├╝ber den permanenten Verbrauch hinaus produziert wurde. Auch der Reichtum kapitalistisch produzierender Gesellschaften ist ein ├ťberschu├č. Er besteht wesentlich allerdings nicht in einer Ansammlung ├╝bersch├╝ssiger Gebrauchswerte. Er besteht in der Produktion von Wert, von mehr Wert als verbraucht wird. Als ├ťberschu├č ist auch der kapitalistische Reichtum nicht damit zu erkl├Ąren, da├č einige den anderen etwas wegnehmen, indem sie beim Tausch betr├╝gen. Das mag vorkommen, unterstellt aber den Reichtum, der auf diese Weise umverteilt wird, bereits. Eine Erkl├Ąrung der Herkunft dieses Reichtums mu├č also auch dann greifen, wenn ein Austausch gleicher Werte vorausgesetzt wird, ├äquivalententausch. Wird vom ├äquivalententausch ausgegangen, ist die Frage, wie aus dem "gleichwertigen" Austausch von Waren mehr Wert herauskommen kann als zu ihrer Produktion eingesetzt wurde. Aus dem Ziel der einzelnen Kapitalisten, m├Âglichst viel Geld einzunehmen, ist nicht zu erkl├Ąren, wieso das Kapital insgesamt gewinnen kann, wie sich das Gesamtkapital verwertet.

Die Arbeiter - und wozu sie gut sind

Der weitaus gr├Â├čte Teil der unter dem Kapitalismus lebenden Menschen besteht aus Nichtbesitzern von Produktionsmitteln, "doppelt freien Lohnarbeitern". Sie sind nicht nur frei vom Besitz an Produktionsmitteln, sondern auch frei Zunftzw├Ąngen und Leibeigenschaft, sie k├Ânnen frei ├╝ber sich verf├╝gen. Beides ist das Resultat eines historischen Prozesses, der gewaltsamen Trennung der Landbev├Âlkerung vom Boden.(8) Die Freiheit der Lohnarbeiter schlie├čt die Unm├Âglichkeit ein, das f├╝r ihr Leben Notwendige selbst herzustellen (geschweige denn es sich auf eigene Rechnung von anderen herstellen zu lassen): Sie sind nicht Eigent├╝mer der daf├╝r notwendigen Bedingungen. Das f├╝r den Kauf ihrer Lebensmittel erforderliche Geld wird den Arbeitern nicht in die Wiege gelegt, sondern sie m├╝ssen es auf dem Warenmarkt erst "verdienen". Sie haben aber nichts zu verkaufen - au├čer ihrer eigenen Arbeitskraft, und dies ist der Inhalt des Arbeitsvertrages: Verkauf der Ware Arbeitskraft gegen Lohn, um das eigene ├ťberleben zu sichern. Da├č die Arbeitskraft so allgemein Warenform annimmt, ist die eigentliche Besonderheit des Kapitalismus.
Der Wert der Ware Arbeitskraft ist bestimmt durch die zu ihrer Reproduktion erforderte Arbeitsmenge oder, anders gesagt, durch den Wert der gesellschaftlich zu ihrer Reproduktion notwendigen Lebensmittel. Reproduktion bedeutet hier sowohl die t├Ągliche Wiederherstellung des einzelnen Arbeiters als auch die Erhaltung der Arbeiterklasse (es m├╝ssen gen├╝gend zuk├╝nftige Arbeiter aufwachsen, um die verschlissenen Arbeiter zu ersetzen). In der Regel bekommen die Arbeiter diesen Wert ihrer Ware, den Wert der Arbeitskraft, ausgezahlt. Auch hier handelt es sich dementsprechend nicht um Betrug, sondern um ├äquivalententausch; es geht alles mit Recht und Gesetz zu. Im Einzelfall mag es vorkommen, da├č der Lohn vom Wert der Arbeitskraft abweicht, allgemein ist das mit der kapitalistischen Produktionsweise nicht vereinbar: Bek├Ąmen die Arbeiter weniger als zu ihrer normalen Reproduktion notwendig, w├Ąren irgendwann keine (arbeitsf├Ąhigen) mehr da (9); bek├Ąmen sie mehr, dann h├Ątten sie irgendwann Reichtum angeh├Ąuft, den sie statt ihrer Arbeitskraft verkaufen k├Ânnten, und auch dann w├Ąren sie als Arbeiter nicht mehr verf├╝gbar, was in einer auf Lohnarbeit basierenden Gesellschaft nicht funktionieren kann.
Ebenso wie jede andere Ware hat die Arbeitskraft einen Wert und einen Gebrauchswert. Und ebenso wie bei jeder anderen Ware zahlt der K├Ąufer (in diesem Fall K├Ąufer auf Zeit) den Wert, um den Gebrauchswert zu erhalten. Der besondere Gebrauchswert der Arbeitskraft besteht darin, arbeiten zu k├Ânnen und zwar l├Ąnger arbeiten zu k├Ânnen als zur Reproduktion des eigenen Wertes erforderlich ist. Das ist dann gelungen, wenn der Wert des hergestellten Produkts h├Âher ist, als der Wert der verausgabten Arbeitskraft und der verbrauchten Produktionsmittel.
Die Arbeitskraft ist jedoch keine Ware wie jede andere. W├Ąhrend es bei den ├╝brigen Waren den Verk├Ąufer in der Regel nichts angeht, was der K├Ąufer mit ihnen anstellt, kann der Arbeiter seine Ware nur mit sich als Anh├Ąngsel verkaufen, kann sich also nicht aufs Sofa legen, w├Ąhrend in der Fabrik seine Arbeitskraft genutzt wird. Die Dauer und die Intensit├Ąt der Nutzung der Arbeitskraft ber├╝hren ihren Verk├Ąufer selbst und ver├Ąndern die Menge der zu seiner Reproduktion erforderten Lebensmittel. Es ist deshalb ein besonderer Vertrag erforderlich, der Arbeitsvertrag, der die Dauer und die Art der Nutzung festschreibt und das daf├╝r zu zahlende Entgelt festlegt. Der K├Ąufer der Arbeitskraft hat das Interesse, sein Kapital zu vermehren und pocht auf das Recht jedes K├Ąufers an einer unbeschr├Ąnkten Nutzung des von ihm erworbenen Gebrauchswerts: Arbeitstag verl├Ąngern!. Die Arbeiterklasse erf├Ąhrt am eigenen Leib, was das bedeutet: Vernutzung im Dienst am Kapital. Sie besteht demgegen├╝ber auf dem Recht jedes Verk├Ąufers, nur seine Ware zu verkaufen und davon in seiner Freiheit als Eigent├╝mer nicht weiter eingeschr├Ąnkt zu werden: Arbeitstag begrenzen und, wenn m├Âglich, verk├╝rzen. Beide Standpunkte k├Ânnen sich darauf berufen, in den Prinzipien des Warenhandels verankert zu sein. Und "zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt." (10) Der Arbeitsvertrag l├Âst den Interessenkonflikt zwischen Arbeiterklasse und Kapital nicht auf, sondern bringt ihn in eine Verlaufsform: Welches ein angemessener Lohn f├╝r einen angemessenen Arbeitstag ist, wird immer wieder neu ausgehandelt - unter Zuhilfenahme von Drohungen mit Streik bzw. Aussperrung. Diese latent immer vorhandene Gewalt ist die Grundform des Klassenkampfes.
Werden im gesellschaftlichen Durchschnitt mit einer Maschine insgesamt 1000 Waren hergestellt, dann kann das Kapital nur dann kontinuierlich produzieren, wenn der Verkauf jeder einzelnen dieser Waren durchschnittlich 1/1000 des Maschinenwerts in die Kassen des Anwenders zur├╝ckbringt - und ebenso den entsprechenden Anteil der Auslage f├╝r Roh- und Hilfsstoffe usw. Dieses "konstante Kapital" ├╝bertr├Ągt seinen Wert auf das Produkt. Der Erl├Âs f├╝r dieses Produkt, der Wert der neu produzierten Ware, enth├Ąlt also einen Wertteil, der die Produktionsmittel ersetzen kann. Dar├╝ber hinaus enth├Ąlt das Produkt einen Wertteil, der von der direkt am Produktionsproze├č beteiligten lebendigen Arbeit (dem "variablen Kapital") geschaffen wurde. Die m├Âgliche H├Âchstl├Ąnge des Arbeitstages ist gesetzt durch einen vorzeitigen Verschlei├č der Arbeiter, wodurch deren Reproduktion auf die Dauer verhindert w├╝rde. Die Mindestl├Ąnge ist in dem Zweck gegeben, zu dem der K├Ąufer sein Geld in Arbeitskraft auslegt: Es soll sich vermehren. Daf├╝r ist es erforderlich, da├č die Arbeiter nicht nur so lange arbeiten, bis der von ihnen neu geschaffene Wert dem Lohn entspricht (notwendige Arbeit), sondern da├č sie Mehrarbeit leisten, Mehrwert produzieren. Der Umfang des gesellschaftlichen Mehrwerts ist durch die Menge der gesellschaftlichen Mehrarbeit bestimmt.(11)
Die Rechtm├Ą├čigkeit, mit der Kauf und Anwendung der Ware Arbeitskraft vollzogen werden, die formelle Gleichheit der Vertragspartner, ├Ąndert nichts an der prinzipiellen Ungleichheit der Vertragspartner: Zwar sind die Kapitaleigner als Klasse ebenso darauf angewiesen, Arbeitskraft zu kaufen wie die Arbeiter darauf angewiesen sind, sie zu verkaufen. Das Kapital ist jedoch Verf├╝gung ├╝ber die materiellen Bedingungen der Produktion. Kapitalisten k├Ânnen ihr Eigentum beleihen, um Durststrecken zu ├╝berstehen, das Kapital einzelner L├Ąnder kann auf ausl├Ąndische Arbeiter zur├╝ckgreifen, um Lohn zu sparen, das Kapital ├╝berhaupt kann lebendige Arbeit durch Maschinerie ersetzen. Letzteres ist umso lohnender, je erfolgreicher die Arbeiter zuvor im Lohnkampf waren. Die Arbeiter dagegen leben von der Hand in den Mund und haben, wollen sie der F├╝rsorge entgehen, zum Abschlu├č eines Arbeitsvertrages auch kurzfristig keine Alternative. Die Freiwilligkeit, mit der ein Arbeiter den Arbeitsvertrag eingeht, ist deshalb blo├čer Schein. Er kann nicht anders, und der Reproduktionsproze├č des Kapitals selbst sorgt daf├╝r, da├č dies f├╝r die ganze Arbeiterklasse so bleibt; die historische Herstellung des Arbeiters, die Trennung von den Produktionsmitteln, wird durch das Kapital und mit dem Kapital reproduziert, immer wieder hergestellt: Wie die Arbeiter in den Produktionsproze├č eintreten, so kommen sie aus ihm heraus, gerade mit dem N├Âtigen versehen, um weiterhin arbeiten zu k├Ânnen. Und im Produktionsproze├č haben sie das Kapital erhalten und vermehrt, da├č im n├Ąchsten Umschlag wiederum Arbeiter zum Mittel seiner Verwertung machen wird. Das eben ist Ausbeutung: Mit der Produktion von Mehrwert reproduziert die Arbeiterklasse blo├č ihre eigene Abh├Ąngigkeit.(12) Auch der Mehrwert ist als ├ťberschu├č eine Gestalt von Freiheit vom Naturzwang, hinterl├Ą├čt seine Produzenten jedoch in dauernder Bed├╝rftigkeit.
Das in die Produktion geworfene Geld verwertet sich dadurch, da├č Arbeiter Mehrwert produzieren. Das macht den Inhalt des industriellen Kapitals aus, und alle anderen Formen des Kapitals (Zinskapital z.B.) basieren auf diesem Vorgang und haben an der gesellschaftlichen Mehrwertmasse teil. Kapitalismus hat deshalb mit Schatzbildung wenig zu tun, und nicht die Gr├Â├če des Autos in der Garage entscheidet dar├╝ber, ob jemand Kapitalist ist: Kapitalist ist jemand, dem Kapital geh├Ârt, also sich verwertender Wert - und im engeren Sinne jemand, der vom Kapitalertrag leben kann.(13) Die Gr├Â├če des den Kapitalisten zufallenden Mehrwerts ist erstens davon abh├Ąngig, wieviel Kapital sie in den Produktionsproze├č investieren und zweitens davon, in welchem Grad sich dieses Kapital verwertet, wieviel sie auslegen m├╝ssen, um eine bestimmte Menge Mehrarbeit leisten zu lassen.

Die Akkumulation des Kapitals

Der Mehrwert wird zum weitaus gr├Â├čten Teil nicht verfressen oder in Luxusg├╝ter umgesetzt, sondern zum angewandten Kapital geschlagen; es findet Akkumulation statt, das Kapital w├Ąchst. Die Kapitalisten sind dazu gezwungen: Ihr Kapital steht zu anderen Kapitalen in Konkurrenz - um Produktionsmittel und Arbeitskraft, um den Absatz ihrer Ware - und vor allem um den Grad der Verwertung. Ziel des Kapitals ist es, mit einer gegebenen Auslage einen m├Âglichst hohen Mehrwert zu erzielen, der wiederum akkumuliert wird. Je schneller ein Kapital akkumuliert, desto besser sind die Chancen, die Konkurrenz mit den jeweils besten Produktionsmitteln bestehen zu k├Ânnen. Akkumulation erscheint daher als Sachzwang; wer zu lange zu wenig akkumuliert, kann nicht mit dem jeweils neuesten technischen Produktionsniveau mithalten.
Die einzelnen Kapitalisten haben auf den Wert ihrer Produktionsmittel (bzw. auf deren Preis) direkt keine Einwirkungsm├Âglichkeit. Sie k├Ânnen deshalb die Verwertung ihres Kapitals von sich aus nur verbessern, indem sie ihre Produktionsmittel m├Âglichst ├Âkonomisch einsetzen (das machen die Konkurrenten auch), den Arbeitstag verl├Ąngern und intensivieren, ohne mehr Lohn zu zahlen (das hat erstmal Grenzen in den Tarifvertr├Ągen, den gesetzlichen Bestimmungen und letztlich in der Gesundheit der Arbeiter) oder indem sie Technologie einsetzen, die die Produktivkraft der Arbeit steigert. Letzteres bedeutet, da├č der Produktenaussto├č pro Kapitaleinsatz erh├Âht wird, der Wert der einzelnen Ware jedoch sinkt, da in ihr weniger Arbeit vergegenst├Ąndlicht ist also zuvor. Das lohnt sich f├╝r die Kapitalisten, die die produktivere Technologie fr├╝her einsetzen als ihre Konkurrenten, dadurch, da├č sie ihre Waren billiger anbieten k├Ânnen als der gesellschaftliche Durchschnittspreis - und trotzdem mehr Gewinn machen als die Konkurrenz. Sie verkaufen zu einem Preis, der zwischen dem gesellschaftlich ├╝blichen und dem unter ihren individuellen Produktionsbedingungen m├Âglichen liegt. Den Kapitalen, die am l├Ąngsten mit alter Technologie produzieren, bleibt der Ruin. Dies nicht etwa, weil ihre Maschinen nicht mehr funktionst├╝chtig w├Ąren. Vielmehr kann schon ein Produktivkraftr├╝ckstand von wenigen Prozent die einzelnen Waren gegen├╝ber den Konkurrenten so verteuern, da├č sie nicht mehr absetzbar sind und das durchaus noch funktionsf├Ąhige produktive Kapital nur noch wertlosen Plunder darstellt. So mu├č der bei steigender Produktivkraft der Arbeit produzierte Mehrwert vor allem daf├╝r verwendet werden, immer schneller immer bessere Maschinerie anzuschaffen, da nie sicher ist, da├č die Konkurrenz die Pl├Ąne f├╝r die Verbesserung nicht schon in der Schublade hat.
Der Konkurrenzkampf der Einzelkapitale lohnt sich aber nicht nur f├╝r besonders erfolgreiche Einzelkapitale, sondern in anderer Weise auch f├╝r die gesamte Kapitalistenklasse. Der permanente Fortschritt in der Produktivkraft der Arbeit f├╝hrt gesellschaftlich zu einem Sinken des Werts der Ware Arbeitskraft, denn die notwendigen Lebensmittel der Arbeiter werden immer produktiver hergestellt und verlieren damit an Wert. Die Arbeiter produzieren folglich w├Ąhrend eines immer gr├Â├čer werdenden Teils ihres Arbeitstages Mehrwert - es sei denn, eine Reallohnsteigerung oder eine Arbeitszeitverk├╝rzung (bei vollem Lohnausgleich) gleichen die Senkung des Wertes der Arbeitskraft aus.(14) In der Regel tun sie das nicht; tendenziell nimmt im Kapitalismus der Mehrwert im Verh├Ąltnis zum Lohn (Ausbeutungsrate) zu.

Wird die Produktivkraft der Arbeit dadurch gesteigert -und das ist der Regelfall in der kapitalistischen Produktionsweise-, da├č Produktionsabl├Ąufe, die zuvor von Hand erledigt werden mu├čten, nun mit Hilfe von Maschinerie erledigt werden (15), so bedeutet das, da├č bei gleichem Kapitaleinsatz Arbeiter entlassen werden. Und selbst bei Akkumulation nimmt die Arbeiterzahl durch diesen Proze├č nicht im gleichen Ausma├č zu, in dem das Kapital sich ausdehnt. Das Kapital produziert so eine Reservearbeiterschaft, produziert "Arbeitslosigkeit". Da├č auf diese Weise ebenso planlos wie effektiv die Produktivkraft der Arbeit vorangetrieben, permanent Produktionsmittel entwertet und Arbeiter "freigesetzt" werden (was sowohl den Ruin vieler Einzelkapitalisten, die Vergeudung von "Ressourcen", und das Elend der ├╝berz├Ąhligen Arbeiter einschlie├čt), ist gesetzm├Ą├čig. Dazu braucht es nicht einmal Kapitalisten im herk├Âmmlichen Sinn (und deshalb ist es, das nebenbei, einzelnen Kapitalisten auch nicht zum Vorwurf zu machen): Wenn alle Arbeiter einer Fabrik anteilig deren Eigent├╝mer w├Ąren, m├╝├čten sie unter kapitalistischen Bedingungen genauso handeln, sonst w├╝rden sie nicht lange Eigent├╝mer bleiben, sondern in der Konkurrenz unterliegen. In der Regel produziert das Kapital daher nicht an der Grenze, die seiner Ausdehnung durch die Gesamtzahl der verf├╝gbaren Arbeiter gesetzt ist. T├Ąte es dies doch, w├Ąre die Reservearbeiterschaft also vollst├Ąndig aufgesogen, dann f├╝hrte dies zu einer St├Ąrkung der Arbeiterklasse im Lohnkampf, tendenziell steigende L├Âhne f├╝hrten zu einer D├Ąmpfung der Akkumulation - und wenn das Tempo der Akkumulation auf diese Weise abn├Ąhme, w├Ąhrend weiterhin "rationalisiert" wird, dann w├╝rde wiederum eine Reservearbeiterschaft aufgebaut, deren Existenz die L├Âhne tendenziell sinken lie├če - und wieder von vorne. Durch den Proze├č des Kapitals selbst werden seine Voraussetzungen so immer wiederhergestellt.
├ťberall, wo Arbeitsteilung herrscht, sind die Menschen voneinander abh├Ąngig, soweit sie auf die Produkte anderer angewiesen sind. Die Abh├Ąngigkeit der Menschen in kapitalistischen Gesellschaften ist dar├╝ber hinaus eine besondere. Den Zweck, den die Einzelnen mit dem wirtschaftlichen Handeln verfolgen, setzen sie sich nicht selbst, ├╝ber ihn ist auch - Demokratie hin oder her - nicht abzustimmen. Der "Wagemut" und die "Phantasie" des Kapitalisten sind vielleicht notwendig, um neue Methoden der Profitabilit├Ątssteigerung zu finden. Da├č diese Methoden ├╝berhaupt zu suchen und gegebenenfalls auch anzuwenden sind, liegt nicht in der Individualit├Ąt des Kapitalisten, kann sich der Kapitalist nicht aussuchen, m├Âgen darunter auch Lohndr├╝ckerei, Entlassungen und Vernichtung der nat├╝rlichen Lebensbedingungen fallen. Ein Kapitalist, der aus Edelm├╝tigkeit auf die Anwendung solcher Methoden verzichten wollte, ginge ├╝ber kurz oder lang in der Konkurrenz unter. Und wenn Einzelne ihre Produktionsmittel verkaufen und nur noch vom Verm├Âgen leben, dann setzt das zum einen K├Ąufer dieser Produktionsmittel voraus und zum anderen ein Verm├Âgen, da├č erstmal mit den ├╝blichen Methoden angeeignet werden mu├čte. Die Arbeiter haben noch nicht einmal diese kleine Alternative. Sie sind gezwungen, mit ihrer Arbeit ihre eigene Abh├Ąngigkeit zu reproduzieren und auch noch darum zu konkurrieren, dies ├╝berhaupt zu d├╝rfen und nicht als ├ťberz├Ąhlige der Armenf├╝rsorge zuzufallen. Angewiesen auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft haben sie sogar ein Interesse daran, da├č das Kapital, das sie ausbeutet, so erfolgreich akkumuliert, da├č sie ihren Job behalten. Da├č Betriebsr├Ąte auch schon mal Lohnsenkungen zustimmen, ist vor diesem Hintergrund kein Zufall. Im Kapitalismus herrschen nicht Einzelne, setzen nicht irgendwelche Machthaber mit Tricks und Gewalt ihre pers├Ânlichen Zwecke durch. Es ist der Kapitalismus selbst, welcher herrscht, der den ├Âkonomisch Handelnden und selbst dem Staatspersonal Zwecke in Gestalt von "Sachzw├Ąngen" vorgibt. Kapitalismus bedeutet so notwendig Herrschaft - apersonale Herrschaft.(16)

Ein Kapitalist beurteilt die Attraktivit├Ąt eines Gesch├Ąftes danach, wieviel Mehrwert ihm bei einer bestimmten Kapitalauslage pro Zeiteinheit zuflie├čt; ihn interessiert die Profitrate. Profit ist nichts anderes als die Erscheinungsform des Mehrwerts, dessen Niederschlag als Resultat einer Kapitalauslage. Mehrwertproduzierende Arbeit wird von Menschen geleistet, und Arbeitsmittel sorgen blo├č daf├╝r, da├č mit einem bestimmten Aufwand ein stofflich besseres Ergebnis erzielt wird. Daran ├Ąndert sich nichts, wenn Produktionsabl├Ąufe automatisiert werden und unter Umst├Ąnden ohne direkte menschliche Einflu├čnahme vor sich gehen: Die angewandte Arbeitskraft schafft Mehrwert ├╝ber ihren eigenen Wert hinaus; die Produktionsmittel ├╝bertragen blo├č ihren Wert auf das mit ihnen hergestellte Produkt. Dies bedeutet, da├č von Kapitalen mit einem hohen Anteil angewandter Arbeit im Vergleich zum konstanten Kapital (niedrige Kapitalzusammensetzung) mehr Mehrwert mit einer bestimmten Kapitalauslage produziert wird als von Kapitalen mit wenig angewandter Arbeit und viel konstantem Kapital (hohe Kapitalzusammensetzung).
Das hei├čt aber nicht, da├č Branchen mit hoher Zusammensetzung, also mit relativ hoher Auslage f├╝r Produktionsmittel, f├╝r das Kapital uninteressant w├Ąren. Die Profitabilit├Ąt eines Einzelkapitals richtet sich unmittelbar nicht nach seiner Wertproduktion, sondern der Situation auf dem Markt: Nachfrage, Auslastung der Anlagen usw. Die Konkurrenz der Kapitale um Profit f├╝hrt dazu, da├č Kapital aus Branchen mit niedriger Profitrate abgezogen und in Branchen mit hoher Profitrate investiert wird. In den Branchen, aus denen Kapital abflie├čt, verbessert sich der Tendenz nach daraufhin die Marktsituation und die Profitrate steigt; ebenso verschlechtert sich die Marktsituation in den urspr├╝nglich attraktiven Branchen, weil nun mehr Kapital in der Konkurrenz steht. Es stellt sich so stets eine gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate her, ein Gleichgewicht der Profitabilit├Ąt, das zur Grundlage der Konkurrenz dient: Die immer wieder vorkommenden Abweichungen von der Durchschnittsprofitrate sind das Ma├č daf├╝r, ob eine Branche Kapital anzieht oder abst├Â├čt. Das Verh├Ąltnis von konstantem und variablem Kapital entscheidet nur gesamtgesellschaftlich ├╝ber die H├Âhe der Profitrate. Die einzelnen Branchen ziehen tendenziell so viel Mehrwert pro eingesetztem Kapitalanteil an, wie ein Kapital mit gesellschaftlicher Durchschnittszusammensetzung pro Anteil produziert. Die Konkurrenz der Kapitale sorgt so f├╝r eine Umverteilung von Mehrwert innerhalb der Gesellschaft.
Der Wert einer Ware ist bestimmt durch die in ihr enthaltene gesellschaftlich notwendige Arbeit. Dies ist, wie erw├Ąhnt, eine Bestimmung, die den Absatzmarkt schon einbezieht. Das schlie├čt die M├Âglichkeit einer Abweichung des "individuellen Werts" der Waren (der in ihner Produktion tats├Ąchlich verausgabten Arbeit) von ihrem wirklichen Wert, bestimmt durch die gesellschaftlich notwendige Arbeit, ein. Die Konkurrenz der Kapitale auf Grundlage der Durchschnittsprofitrate bedeutet demgegen├╝ber eine notwendige Abweichung der Preise von den Werten. Produktion gem├Ą├č einer Durchschnittsprofitrate bedeutet, da├č tendenziell jede eingesetzte Kapitalsumme, egal in welcher Branche, den gleichen Profit erzielt. Das ist nicht so zu verstehen, als w├╝rden die Kapitalisten ihre Waren zwar nach Werten tauschen, aber hinterher ├╝ber eine mysteri├Âse Ausgleichszahlung den Durchschnittsprofit erhalten. Umgekehrt: Der geschilderte Proze├č der Ausgleichung zur Durchschnittsprofitrate stellt sich so dar, da├č Waren in der Regel nicht zu ihren Werten getauscht werden.(17) Vielmehr setzen sich die Warenpreise aus dem Kostpreis (den in den Waren enthaltenen Wertbestandteilen des ├╝bertragenen konstanten Kapitals und des gezahlten Lohnes) und dem Durchschnittsprofit zusammen. Der so gebildete Produktionspreis der Waren ist das Ma├č, um das die Marktpreise schwanken und dem sie sich tendenziell ann├Ąhern.
Marx┬┤ Argumente zu Wert, Mehrwert und ├äquivalententausch sind mit der Darstellung der Konkurrenz um den Durchschnittsprofit nicht gegenstandslos geworden. Jede Umverteilung setzt das Umzuverteilende, in diesem Fall den Mehrwert, voraus. Der aber ist nur zu erschlie├čen unter Absehung von Prozessen blo├čer Umverteilung. Der Durchschnittsprofit ist kein beliebiger Aufschlag, sondern "aufzuschlagen" ist gesamtgesellschaftlich nur das, was an Mehrwert produziert wurde. Alles was ein Kapitalist ├╝ber dieses Ma├č hinaus realisiert, hat er seinen Konkurrenten abgenommen, die Gesamtsumme wird dadurch nicht gr├Â├čer. Die gesellschaftliche Profitsumme ist identisch mit der gesellschaftlichen Mehrwertsumme, und die Produktionspreissumme ist identisch mit der gesellschaftlichen Wertsumme. Die Betrachtung von Wertgr├Â├čen ist deshalb auch nicht ein methodischer Trick, der im Fortgang der Analyse fallenzulassen ist, sondern betrachtet die wirkliche Grundlage kapitalistischen Wirtschaftens.

Nicht alles, was gesellschaftlich als Profit erscheint, stimmt ├╝berein mit dem strengen Begriff des Profits, die Erscheinungsform des Mehrwerts zu sein. So ist der Zins zwar erstmal nur an das Leihkapital umverteilter Mehrwert. Beim zinstragenden Kapital wird dar├╝ber hinaus jedoch die blo├če Gewinnerwartung zum Zahlungsmittel: Die Zahlungsverpflichtungen von Schuldnern werden benutzt wie bereits produzierter Reichtum.(18) Die Zinsh├Âhe ergibt sich dabei scheinbar nur aus der Nachfrage nach Leihkapital. Auch die Kursver├Ąnderungen einer Aktie h├Ąngen nur noch mittelbar mit der Verwertung des Kapitals, das in Aktienform besessen wird, zusammen. Sie richten sich nach der Nachfrage nach dieser Aktie im Verh├Ąltnis zum Angebot. Die tats├Ąchliche Aneignung von Profit dient nur noch als Indiz f├╝r Spekulanten, einen steigenden oder fallenden Kurs zu erwarten, und macht sich gesellschaftlich tendenziell als Ver├Ąnderung der zahlungskr├Ąftigen Nachfrage geltend. ├ähnlich verh├Ąlt es sich mit den nationalen W├Ąhrungen. Sie sind nicht bereits produzierter materieller Reichtum, sondern vom Staat ausgegebener Anrechtsschein auf immer wechselnde Anteile der gerade produzierten Warenmasse. Ihr Kurs wird im Inneren davon beeinflusst, wieviel W├Ąhrung (Geld) dem gesellschaftlich produzierten Reichtum gegen├╝bersteht: Steigende zahlungskr├Ąftige Nachfrage bei gleichem Gesamt-Warenwert f├╝hrt tendenziell zu steigenden Preisen. Der Kurs gegen├╝ber den anderen W├Ąhrungen h├Ąngt davon ab, wieviel von einer W├Ąhrung nachgefragt wird, wieviel Dollars z.B. in Euro umgetauscht werden sollen. Neben den internationalen Warenstr├Âmen gehen das Zur├╝ckhalten von W├Ąhrungen (Depotbildung) und die Spekulation in diese Umtauschrelation bestimmend ein. Auch hier besteht also eine gewisse Selbst├Ąndigkeit der Kursentwicklung gegen├╝ber dem materiellen Reproduktionsproze├č.
Gemeinsam ist diesen Erscheinungen des Kapitals, da├č die Nachfrage nach Kapital scheinbar dessen Masse erh├Âht. Es handelt sich hierbei um fiktives Kapital, das vor├╝bergehend eine gewisse Selbst├Ąndigkeit gegen├╝ber der mehrwertproduzierenden Arbeit bewahren kann, das aber in einer Krise seinen fiktiven Charakter unter Beweis stellt. Wird das Vertrauen in den "Wert" der entsprechenden Papiere ersch├╝ttert und versuchen ihre Besitzer, sie in sicheren Reichtum umzutauschen, so tritt ein Proze├č der allgemeinen Entwertung ein, w├Ąhrend dessen der scheinbare Reichtum vernichtet wird, ohne da├č zuvor im materiellen Reproduktionsproze├č der Gesellschaft eine Ver├Ąnderung eingetreten sein mu├č.

Die Akkumulation hat bestimmte Proportionen in der Aufteilung des Kapitals auf die verschiedenen Branchen zur Voraussetzung. Das Kapital kann nur akkumulieren, wenn die Produktionsmittelindustrie die gesamtgesellschaftlich verschlissenen Produktionsmittel ersetzt und dar├╝ber hinaus Produktionsmittel zur Erweiterung der Produktion zur Verf├╝gung stellt. Gleichzeitig mu├č die Lebensmittelindustrie die Lebensmittel f├╝r die eigenen Arbeiter herstellen, ebenso f├╝r die Arbeiter der Produktionsmittelindustrie und f├╝r die in beiden Industrien zus├Ątzlich einzustellenden Arbeiter (sowie f├╝r die unproduktiven Esser wie Kapitalisten und Friseure). Sobald in einer Branche mehr Kapital angelegt ist als zur Produktion der so bestimmten Warenmengen notwendig, verwertet sich ein Teil des gesellschaftlichen Kapitals nicht, weil es keine ausreichende zahlungskr├Ąftige Nachfrage vorfindet, selbst wenn die hergestellten Waren einen Gebrauchswert haben. Der Reproduktionsproze├č des Gesamtkapitals ist wesentlich der Proze├č des Kapitals, also nicht blo├č rationeller Ersatz verbrauchter Gebrauchswerte. Er ist vielmehr Einheit von Stoff- und Wertersatz und darin sind St├Ârungen, Krisen, schon angelegt.
Ein Beispiel: Kapitale trachten danach, die Produktivkraft zu steigern, dadurch ihre einzelnen Waren zu verbilligen und daf├╝r die produzierte Warenmenge zu steigern. Wird auf diesem Weg ein Produktionsmittel im Vergleich zu den anderen ├╝berdurchschnittlich verbilligt, sinkt die in Geld gemessene Nachfrage nach ihm tendenziell: Nur weil z.B. ein Hilfsstoff zur Maschinenschmierung im Wert (Produktionspreis) um die H├Ąlfte gesenkt wurde, wird sich die Menge der Maschinen, die mit ihm geschmiert werden sollen, nicht ver├Ąndern. In einem solchen Fall w├╝rde dem Stoff nach ebensoviel, dem Wert nach aber weniger Hilfsstoff nachgefragt als zuvor, und die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit in der Schmiermittelherstellung w├╝rde sich in einer Absatzst├Ârung eben dieser Branche auswirken - wenn nicht gleichzeitig Kapital in andere Branchen abflie├čt. Wert- und Stoffersatz fallen in dieser Weise permanent auseinander.
Ebenso st├Ârt jede Ver├Ąnderung in der Zusammensetzung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals dessen Reproduktion. Steigt etwa im Zuge einer Produktivkraftsteigerung gesellschaftlich der Anteil des konstanten Kapitals, so nimmt die Nachfrage nach Lebensmitteln relativ ab. Dies f├╝hrt zu Absatzstockungen in der Lebensmittelindustrie und zu ├ťbernachfrage nach Bestandteilen des konstanten Kapitals. Zwar ist es prinzipiell m├Âglich, Kapital von der einen Branche in die andere zu ├╝bertragen und auf die ver├Ąnderte Nachfrage mit einem ver├Ąnderten Angebot zu reagieren; diese Ver├Ąnderung geht aber nicht unmittelbar und bruchlos ab, weil gerade das konstante Kapital zu einem gro├čen Teil f├╝r Jahre in einer bestimmten technischen Gestalt fixiert ist und zu einem Transfer gar nicht zur Verf├╝gung steht. Eine solche Ausgleichsbewegung ist also in der Regel mit Kapitalvernichtung, mit Konkursen und Entlassungen verbunden.
Erh├Âht sich im Zuge der Produktivkraftsteigerung die Zusammensetzung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals, nimmt also der Anteil des konstanten Kapitals zu (19), dann bedeutet das nichts anderes, als da├č in der Gesellschaft mehr konstantes Kapital eingesetzt werden mu├č, um eine gleichbleibende Menge mehrwertproduzierender Arbeit anzuwenden. Die Folge ist ein Fallen der gesellschaftlichen Profitrate und damit der Durchschnittsprofitrate.(20) Dadurch wird die F├Ąhigkeit des Kapitals, Ungleichgewichte in der gesellschaftlichen Reproduktion durch Neuinvestition des angeeigneten Profits in einer anderen Branche auszugleichen, vermindert. Zudem kann eine spekulative Verwendung des Kapitals vor├╝bergehend lohnender erscheinen als die Aneignung des gesunkenen Durchschnittsprofits durch ein industrielles Kapital. Krisenerscheinungen werden so mittelfristig versch├Ąrft.
Der Reproduktionsproze├č des Kapitals ist krisenhaft: W├Ąhrend in vorkapitalistischen Zeiten wirtschaftliche St├Ârungen in der Regel stoffliche Ursachen hatten (Mi├černten, Seuchen, Zerst├Ârungen durch Krieg), werden kapitalistische Krisen durch den Verwertungsproze├č des Kapitals selbst hervorgebracht. Krisen im Kapitalismus sind in diesem Sinn normal.

Und wo bleibt das Positive?

Die Krise stellt zugleich die Voraussetzungen f├╝r eine erneute Akkumulation her und hebt sich selbst auf. M├Âgen die Ausgleichsbewegungen auch mit noch so vielen Entlassungen und Pleiten verbunden sein, irgendwann vermag das Kapital wieder zu akkumulieren. L├Ąngerfristig ist auch der Fall der Durchschnittsprofitrate nicht unausweichlich. Zum einen k├Ânnen neue Produktionszweige mit neuartiger Technologie die gesellschaftliche Durchschnittszusammensetzung senken, zum anderen wird das konstante Kapital im Zuge der Produktivkraftsteigerung permanent verbilligt, so da├č die Zusammensetzung des Kapitals wieder gesenkt wird. Diese Entwertung macht sich bei bestehenden Anlagen zwar erstmal als Verlust in der Buchf├╝hrung geltend, danach -und erst recht bei Neuanlagen- wird die Profitrate jedoch erh├Âht, weil die notwendige Auslage f├╝r die Besch├Ąftigung einer bestimmten Arbeiteranzahl vermindert wurde.
Die Normalit├Ąt der Krise bedeutet deshalb nicht, da├č im Kapitalismus st├Ąndig Krise herrschte. Krise ist ├╝berhaupt nur zu bestimmen als St├Ârung von etwas - und dieses "etwas" ist der Akkumulationsproze├č des Kapitals. Es ist dem Begriff der kapitalistischen Krise vorausgesetzt, da├č dieser Akkumulationsproze├č insgesamt trotz aller Krisen gelingt, was nichts anderes hei├čt, als da├č das Kapital existiert. Wenn Kapitalisten Konkurs anmelden m├╝ssen, Arbeiter entlassen werden und "nicht genug Geld da" zu sein scheint, um die ├ťberz├Ąhligen zu versorgen, dann ist das h├Âchstens eine Krise im Kapitalismus (soweit es sich nicht blo├č um das normale Gesch├Ąft handelt) aber keine Krise des Kapitalismus. Wer der Auffassung ist, es zeige sich hier schlagend, da├č der Kapitalismus zu der L├Âsung gro├čer "Menschheitsprobleme" nicht in der Lage ist, tut so, als sei das die Aufgabe des Kapitalismus. Ein Problem aber sind die mit dem Kapitalismus verbundenen ├ťbel nur f├╝r die von ihnen Betroffenen, der Produktionsweise machen sie keinen Schaden. Im Reproduktionsproze├č des Kapitals ist kein Ende des Kapitalismus angelegt, und abgesehen von der stetigen Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit ist aus den Gesetzen der kapitalistischen Produktionsweise -sind sie gesellschaftlich erst einmal entfaltet (21) - keine historische Tendenz des Kapitalismus abzuleiten.
Eine wissenschaftliche Analyse des Kapitalismus hat nicht Vorhersagen ├╝ber sein Ende zu versuchen, sondern seine Prinzipien zu erkl├Ąren. Das ist nicht die Verabschiedung von einer wissenschaftlich begr├╝ndeten Kapitalismuskritik. Vielmehr ist gerade aus den Prinzipien der kapitalistischen Produktionsweise abzuleiten, da├č menschenfreundlichen Reformen im Kapitalismus systematisch enge Grenzen gezogen sind. Wer am Kapitalismus ├Âkonomisch teilnimmt - und sei es als Lohnarbeiter - mu├č sich an die entsprechenden Regeln halten und setzt damit wiederum andere den gleichen "Sachzw├Ąngen" aus. Nur auf Grundlage dieser Notwendigkeit kann das Resultat der Kritik die Forderung nach einer allgemeinen Aufhebung des Kapitalismus sein. Diese erfolgt nicht automatisch, sondern mu├č gewollt werden und planm├Ą├čig ins Werk gesetzt, nicht als individueller Akt, das f├╝hrt in die Verelendung (22), sondern als gesellschaftlicher. Die Kapitalismusanalyse vermag die M├Âglichkeit der Aufhebung zu erweisen, und in diesem konkreten Bezug auf das Bestehende unterscheidet sich die Kritik des Kapitalismus von der Formulierung einer blo├čen Utopie.
Im ununterbrochenen, auf der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse beruhenden und die gesellschaftliche Einheit herstellenden Produktionsproze├č des Kapitals ist Freiheit vergegenst├Ąndlicht; das Kapital ist kein Naturzwang. Im Unterschied zu fr├╝heren Formen menschlichen Zusammenlebens ist ein Spielraum f├╝r gesamtgesellschaftliche Planung gegeben, zur bewu├čten Gestaltung menschlichen Zusammenlebens. Der Kapitalismus konnte historisch nur entstehen, weil die Bedingungen seiner Entstehung innerhalb der vorkapitalistischen Gesellschaften geschaffen worden waren. Die Summe dieser Bedingungen sind zwar als Voraussetzungen des Kapitalismus zu betrachten, aber nicht als sein Grund: Es bedurfte noch der "gesellschaftlichen Tat", des Entschlusses, Land von Bauern frei zu machen und das auf diesem Boden hergestellte Produkt nicht zu verjubeln, sondern zur weiteren Mehrung des Reichtums einzusetzen.(23) Am Beginn des Kapitalismus stand so ein Akt aus Freiheit. Ebenso kann gezeigt werden, da├č der Kapitalismus selbst die Bedingungen seiner Abschaffung produziert hat, da├č es aber des Aktes aus Freiheit bedarf, um eine ├ľkonomie zu verwirklichen, die Vergesellschaftung nicht als Gewaltakt vollzieht, eine Gesellschaft in dem es keine Arbeiter mehr gibt, die blo├čes Mitte der Mehrwertproduktion sind, in der nicht Waren getauscht werden, sondern Einigung stattfindet ├╝ber die Herstellung und Verteilung von Gebrauchswerten. Die Grundform dieses Aktes ist der Moment der Au├čerkraftsetzung der Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise.
Endnoten

1 Uns ist klar, da├č eine Gesellschaft mit dieser Bestimmung nicht vollst├Ąndig beschrieben ist. Genausowenig, wie aus der Bestimmung des Begriffes "Mensch" ("vernunftbegabtes Lebewesen") die Besonderheiten von Jana, Andrea und Michael herauszubekommen sind, ist aus dem Begriff Gesellschaft der Unterschied zwischen z.B. Japan und S├╝dafrika abzuleiten. Da├č Gesellschaften neben ihrer Produktionsweise auch noch andere Eigenschaften haben m├Âgen (von der politischen Organisation bis eben zur sogenannten "Kultur") ist also zugestanden. Es gibt in kapitalistischen Gesellschaften dementsprechend auch eine Menge zu kritisieren, was nicht unmittelbar zur Wirtschaftsweise geh├Ârt. Der Vorwurf, die Bestimmung einer Gesellschaft ├╝ber ihre ├ľkonomie sei "├Âkonomistisch verzerrt", weil das Leben doch noch aus mehr besteht als aus der Produktion und Verteilung von G├╝tern, ist allerdings falsch. Er beinhaltet den Anspruch, mit dem Begriff "Gesellschaft" die komplette "Lebenswirklichkeit" von Menschen in einem Ausdruck zusammenfassen zu k├Ânnen. Dazu taugt dieser Begriff aber ebensowenig wie irgendein anderer. Gesellschaft ist nicht nur ├ľkonomie (Geschlechtsverkehr und Kinderkriegen z.B. sind zwar notwendig, damit es Gesellschaften gibt, sind aber selbst kein ├Âkonomischer Proze├č); aber alle wirklich gesellschaftlichen Gesetzm├Ą├čigkeiten sind ├Âkonomisch bestimmt.
2 Dabei werden wir im wesentlichen auf die Argumente im "Kapital" von Karl Marx zur├╝ckgreifen. Beste Ausgabe ist immer noch die aus dem Dietz-Verlag.
3 Wenn es in der Gesellschaft keine angebbaren Prinzipien, Gesetzm├Ą├čigkeiten o.├Ą. g├Ąbe, k├Ânnte man ├╝ber Gesellschaften immer nur r├╝ckblickend etwas sagen - und das auch nur als Statistik. Die ├ľkonomie schafft eine Notwendigkeit, die demgegen├╝ber allgemein, also f├╝r alle g├╝ltig ist: W├Ąhrend die Einzelnen die "Kultur" ihrer Umgebung kritisch ├╝berwinden k├Ânnen, m├╝ssen sie sich der Produktionsweise und den Regeln der sie organisierenden Staatsgewalt unterwerfen - oder die Gesellschaft insgesamt ver├Ąndern.
4 Das hei├čt nichts anderes, als da├č es problematisch ist, in vorb├╝rgerlicher Zeit von Gesellschaften zu sprechen. Einige Organisationsformen des Zusammenlebens entsprachen dem Begriff -der nur von heute aus r├╝ckblickend zu formulieren ist- mehr (etwa die griechische Polis), andere weniger. Da sie mit Gesellschaften im engeren Sinn jedoch immer auch Wichtiges gemeinsam haben (Freiheit in der Gestalt von Unfreiheit, die sich als Zwang den Einzelnen gegen├╝ber geltend macht), kann auch nicht einfach gesagt werden, da├č es sich dabei nicht um Gesellschaften gehandelt habe.
5 Dieses Eigentum wird vom Staat garantiert und seine Verletzung bestraft. Es gibt wenige Ausnahmen vom allgemeinen Privatbesitz an brauchbaren Dingen wie z.B. Luft - dies z.T. wegen ihrer scheinbar unbegrenzten Verf├╝gbarkeit, z.T. auch schlicht aus der technischen Schwierigkeit heraus, in diesen Bereichen Eigentum zu markieren.
6 Dies ist eine Bestimmung, die den Marktumfang schon ber├╝cksichtigt: Werden von einer Warenart so viele Exemplare hergestellt, da├č in ihnen mehr Arbeit vergegenst├Ąndlicht ist als es der zahlungskr├Ąftigen Nachfrage entspricht, dann z├Ąhlt ein Teil dieser Arbeit nicht als gesellschaftlich notwendig. Entweder die ├╝berz├Ąhligen Waren bleiben unverk├Ąuflich und werden als blo├čer Verlust abgeschrieben oder der Preis aller Waren wird gesenkt, bis ihr Gesamtpreis der Nachfrage entspricht. Das ist nicht zu verwechseln mit der Bestimmung des Preises durch "Angebot und Nachfrage"! Der Wert ist auch dann ein Ma├č, wenn diese sich ausgleichen.
7 Historisch hat sich Gold als Geldmaterial etabliert, was durch seine besonderen Eigenschaften beg├╝nstigt wurde (Teilbarkeit, relative Seltenheit, Lagerf├Ąhigkeit). Es h├Ątte aber auch eine andere Ware sein k├Ânnen. Selbst Papierzettel k├Ânnen an die Stelle des Metallgeldes treten. Dabei ergibt sich aber die Schwierigkeit, da├č diese Zettel nicht selbst Wert haben, sondern blo├čes Wertzeichen sind, so da├č das Anrecht auf G├╝terkauf (in Papiergeldgestalt) den tats├Ąchlich produzierten Reichtum ├╝bersteigen kann. Das ist die (abstrakte) Grundlage jeder Geldentwertung.
8 Am Ausgang des Mittelalters lassen sich in Europa vielf├Ąltige Formen des Besitzes an Boden, des damals wichtigsten Produktionsmittels, nachweisen: Sie reichen vom d├Ârflichen Gemeinschaftsbesitz ├╝ber nominellen Lehnsbesitz bei faktisch selbst├Ąndig wirtschaftenden Bauern bis hin zu den verschiedenen Formen von Leibeigenschaft. Die Umwandlung dieser Formen in Privatbesitz (das hie├č in der Regel Vertreibung von Bauern) fand als gewaltsamer Proze├č zwischen dem sp├Ąten 16. und fr├╝hen 19. Jahrhundert statt und schaffte eine hohe Reichtumskonzentration auf der einen Seite und Besitzlose auf der anderen. Dadurch wurden unter nichtkapitalistischen Bedingungen die wichtigsten Voraussetzungen der kapitalistischen Produktionsweise hergestellt: verf├╝gbares (und investierbares) Mehrprodukt und eine Arbeiterklasse.
9 Was dabei normal hei├čt, ver├Ąndert sich dabei in der Geschichte. Darauf haben sowohl K├Ąmpfe der Arbeiterklasse als auch Bed├╝rfnisse des Kapitals selbst (z.B. nach sozialem Frieden) Einflu├č.
10 Marx, Das Kapital Bd.1, Dietz Berlin, S.249.
11 Dem Mehrwert entspricht eine Menge von Waren, die weder in den Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel eingeht noch in den individuellen Konsum der Arbeiter (die Lohng├╝ter) f├Ąllt. Beim Mehrwert handelt es sich nicht um einen Preisaufschlag, sondern um eine besondere Form eines Mehrprodukts.
12 Die Arbeiterklasse sorgt mit ihrer Reproduktion (├╝ber Lohnarbeit) automatisch daf├╝r, da├č sich auch das Kapital reproduziert und so die Bedingungen erhalten bleiben, die immer wieder eine ArbeiterInnenklasse schaffen. Deshalb ist der Begriff "Klasse" auch Bestandteil einer Erkl├Ąrung und nicht (wie z.B. "Schicht") einer blo├čen Beschreibung.
13 Dies nur zur Abwehr der Vorstellung, ein Arbeiter, der sich zur Wohnzimmerdekoration eine Aktie kauft, sei deshalb schon Kapitalist. Im folgenden wird der Einfachheit wegen davon ausgegangen, da├č Kapitalisten selbst ihre Gesch├Ąfte f├╝hren. Durch die Einstellung von Managern usw. ├Ąndert sich an den Bestimmungen nichts.
14 Das mu├č nicht so erscheinen. Ver├Ąnderungen im Geldwert (Inflation z.B.) k├Ânnen diese Entwicklungen ├╝berdecken.
15 Die Einf├╝hrung der Maschinerie lohnt sich f├╝r das Einzelkapital dann, wenn ihr Preis geringer ist als der Lohn der Arbeitskraft, die durch die Maschinerie ersetzt wird.
16 Diese Bestimmungen werden durch den b├╝rgerlichen Staat modifiziert. Selbstverst├Ąndlich ist auch das Kapital darauf angewiesen, da├č das Nutzwasser nur m├Ą├čig vergiftet ist und die Arbeiter nur m├Ą├čig vergiftete Luft atmen. Hier tritt im Zweifelsfall der Staat ein, der die Erfordernisse der Produktionsweise gegen die Interessen der Einzelkapitalisten durchsetzt (etwa durch Umwelt- und Gesundheitsgesetzgebung). Diese Regelungen werden von den Einzelkapitalisten zugleich gew├╝nscht (denn sie erhalten die allen gemeinsame Gesch├Ąftsgrundlage) als auch nach M├Âglichkeit umgangen (denn sie begrenzen die M├Âglichkeiten des Einzelnen in der Konkurrenz um Profit). Da das politische Personal gegen├╝ber dem ├Âkonomischen Proze├č eine gewissen Selbst├Ąndigkeit hat, mag der Schein entstehen, es handele sich teilweise um eine pers├Ânliche Herrschaft der Regierenden. Der Selbst├Ąndigkeit sind aber an den innergesellschaftlichen Interessen und der internationalen Konkurrenz recht enge Grenzen gesetzt.
17 Bei Waren die mit einer Zusammensetzung gleich der gesellschaftlichen Durchschnittszusammensetzung hergestellt wurden, ist der Mehrwert gleich dem Durchschnittsprofit, der Wert also gleich dem Produktionspreis. Der Produktionspreis von Waren, die mit hoher Kapitalszusammensetzung hergestellt wurden, liegt ├╝ber ihrem Wert, der Produktionspreis der Waren, die mit niedriger Zusammnesetzung produziert wurden, liegt unter ihrem Wert. Beide Abweichungen gleichen sich gesamtgesellschaftlich aus.
18 Die Details des Geld- Kreditwesens darzustellen, ist hier nicht beabsichtigt. Deshalb hier nur ein Beispiel: A gibt B f├╝r eine am 1.6. erhaltene Ware einen Wechsel (Zahlungsversprechen). Zahlungstermin ist der 1.12.. B zahlt mit diesem Wechsel am 1.9. eine von ihm zu bezahlende Forderung von C. Der "Wert" des Wechsels wird danach beurteilt, wie lange es bis zu seiner Einl├Âsung noch dauert - je l├Ąnger, desto geringer wird sein aktueller Wert eingesch├Ątzt. Spekuliert wird auf die Reichtumsproduktion des A - und zwar bevor dieser Reichtum produziert worden ist. Kann A nicht zahlen, so ist nicht nur sein Gesch├Ąft geplatzt, sondern alle Gesch├Ąfte, in denen sein Wechsel als Repr├Ąsentant von Zahlungskraft diente.
19 Wenn dies nicht der Fall ist, dann mu├č das Kapital im gleichen Umfang Arbeiter einstellen, in dem es w├Ąchst. Auf diesem Weg droht es an die oben dargestellte Grenze der Gesamtarbeiterbev├Âlkerung zu sto├čen, also die gesamte Reservearbeiterschaft aufzubrauchen. Das erh├Âht tendenziell die L├Âhne, hemmt so die Akkumulation und macht arbeitssparenden Maschineneinsatz besonders lohnend .
20 Der Fall der Profitrate mu├č nicht eintreten, wenn sich gleichzeitig die Ausbeutungsrate in ausreichendem Umfang erh├Âht, also der Anteil der Mehrarbeit am durchschnittlichen Arbeitstag. Wird aber der Anteil lebendiger Arbeit am Kapitaleinsatz immer geringer, dann wird es immer schwieriger, den Fall der Profitrate durch eine verst├Ąrkte Ausbeutung dieser lebendigen Arbeit umzukehren.
21 Diese Entfaltung ist selbst ein Proze├č, w├Ąhrend dessen das Kapital die alten Produktionmethoden nach und nach verdr├Ąngt und die Gesellschaft von Grund auf umw├Ąlzt. Herstellung einer Lohnarbeiterschaft bedeutet auch Landflucht, die Zerst├Ârung b├Ąuerlicher Gro├čfamilien usw. Dieser Proze├č ist insbesondere in L├Ąndern au├čerhalb der kapitalistischen Zentren nach wie vor zu beobachten und l├Ąuft unter dem Kapital in den Grundz├╝gen notwendig ab. Diese Tendenz ist aber nicht zu verwechseln mit der h├Ąufig behaupteten, der Kapitalismus schaffe aus sich heraus eine ganz andere Gesellschaftsordnung.
22 Das gilt auch f├╝r Alternativprojekte, die im Bestehenden alles anders machen wollen. Abgesehen davon, da├č f├╝r den von der Au├čenwelt unabh├Ąngigen Biobauernhof eine Menge Landbesitz erforderlich w├Ąre (kein guter Ausweg f├╝r die Arbeiterklasse), bedeutete es einen gro├čen R├╝ckschritt in der Produktivkraft der Arbeit, dort alles selbst herstellen zu wollen. Eine solche Kommunenproduktion als gesellschaftliches Prinzip etabliert versetzte dem Staatsapparat allerdings einen vernichtenden Sto├č, denn wo kein Mehrprodukt hergestellt wird, kann auch keines f├╝r Beamtenschaft und Kriegsmaschinerie verwendet werden. Entsprechende Konzepte bringen deshalb die Herzen anarchistisch bewegter B├╝rgerkinder zum Jubeln, schlie├čen aber h├Âhere Kulturleistungen, Wissenschaft usw. weitgehend aus und haben mit Freiheit nicht viel mehr zu tun als das Leben eines Lurchs.
23 Dieser Entschlu├č kann nicht aus den noch gar nicht entfalteten Zw├Ąngen des Kapitalismus erkl├Ąrt werden. Das soll nicht hei├čen, da├č die betreffenden Fr├╝hkapitalisten sich nicht subjektiv unter Zwang gesehen haben m├Âgen. Sie hatten nach dem angeeigneten Mehrprodukt sicher einen dringenden Bedarf.