28.03.2010 PDF

Gespensterjagd -- Zur Ideengeschichte des Antikommunismus

„Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus. Alle MĂ€chte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen diese Gespenst verbĂŒndet“, schrieben Marx und Engels im Kommunistischen Manifest — und das ist im Gegensatz zu anderen Behauptungen in dieser Schrift eine ziemlich wahre Aussage. Hass auf und Furcht vor radikaler VerĂ€nderung der bĂŒrgerlichen Gesellschaft sind so alt, wie ihre revolutionĂ€re Durchsetzung selbst.

SpĂ€testens mit der Französischen Revolution, die nicht in religiöser Verkleidung agierte, wie die niederlĂ€ndische und englische Revolution, und die in ihrer theoretischen BegrĂŒndung wesentlich radikaler war, als etwa die amerikanische, entstand die Furcht vor dem „roten Terror“ (ĂŒbrigens bevor „La Grande Terreur“ 1793 wirklich losging). Im Folgenden geht es um eine Rekonstruktion von Bildern und Vorstellungen und um eine Darstellung der VerĂ€nderung des Antikommunismus.

Antikommunismus heißt hier erstmal die Ablehnung und Feindschaft gegenĂŒber der grundlegenden VerĂ€nderung der modernen Welt - sei es durch Aufhebung von Herrschaft oder durch VerĂ€nderung der Herrschaftszwecke.
Dass diese Ablehnung keine wissenschaftliche Kritik ist sondern Ressentiment, das sich permanent WidersprĂŒche und Doppelstandards leistet, wollen wir im Folgenden zeigen.
Dass AntikommunistInnen gegenĂŒber linken Bewegungen oder Theorien feindlich eingestellt waren, heißt aber nicht unbedingt, dass diese Bewegungen tatsĂ€chlich auf Kommunismus abzielten oder hinausgelaufen wĂ€ren. Bewegungen mit solch grundlegenden Forderungen hat es nur wenige gegeben – denn jene Bewegungen, denen eine solche Absicht unterstellt wurde, teilten viele Ressentiments ihrer Gegner: Die Kritik an sagen wir der UdSSR oder der deutschen Sozialdemokratie, sie seien antinational, kosmopolitisch, wollten Familie und Moral zugunsten der freien Liebe zerstören und eine Gesellschaft mit möglichst wenig Arbeit einfĂŒhren, wurden von den Protagonisten der ArbeiterInnenbewegung mit Empörung zurĂŒckgewiesen.
Der Antikommunismus verrĂ€t uns also viel ĂŒber die AntikommunistInnen, aber wenig ĂŒber die wirklichen sozialistischen, sozialdemokratischen, linkssozialistischen, kommunistischen, anarchistischen usw. Bewegungen, Parteien und Organisationen, gegen die er sich richtete. Antikommunismus ist fester Bestandteil des nationalen Bewusstseins und Immunisierungsstrategie gegen die Kritik an der bestehenden Gesellschaft. Er wird hin und wieder zum beherrschenden Thema in der nationalen Öffentlichkeit (1) und ist als Abwehr radikaler Kritik immer unterstellt. „Der Mensch ist nicht so“ mag der immer gleiche Leitsatz sein, mit dem jedwede Kritik zurĂŒckgewiesen wird. Das Folgende soll eine Skizze des geschichtlichen Wandels dieses Gedankens sein.


Wandel der Kommunismus-Bilder
Die qualitativen SprĂŒnge dieses Bildes ergeben sich zumeist aus VerĂ€nderungen der politischen Situation. Dennoch sind diese SprĂŒnge Teil einer Entwicklung, und die verschiedenen, hier beschriebenen Etappen bauen aufeinander auf und ĂŒberlagern einander. Dem Antikommunismus kommt es nicht auf KohĂ€renz an; ein Denken, dass sich auf die Verteidigung des Bestehenden versteift hat, ist wahllos bei den Argumenten, weil es sich durch die Existenz der Gesellschaft, die es verteidigt, auf jeden Fall ins Recht gesetzt sieht. Die Antikommunismen frĂŒherer Etappen existieren munter neben den neueren her, Argumentationsweisen werden ĂŒbernommen und neu eingepasst fĂŒr die nunmehr geltenden Verteidigungsformen des Bestehenden.
In der ersten Phase des Antikommunismus wird im Zuge der bĂŒrgerlichen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 „Communismus“ zu einem relativ unbestimmten Synonym fĂŒr Umsturz, Rebellion, Zerstörung der gottgewollten Ordnung. Die JakobinermĂŒtze und die brennende Kirche werden zu Symbolen fĂŒr die Umwertung aller Werte, die Zerstörung jener Tradition, die allein dem Menschen den Halt gĂ€be. "Communismus", soweit das Wort schon im Gebrauch ist, wird als verrĂŒckte Wahnidee des Verteilens aller GĂŒter und der Ermordung der Reichen gehandelt; im Kommunismus ist der Mensch, der sich gegen Gott erhebt, am Werk. Zugleich wird ĂŒber ‘Socialismus’ als Heilmittel gegen die sozialen Übel jenes Gemischs aus kapitalistischer Entwicklung und vorbĂŒrgerlicher Herrschaft, das damals in Europa vorherrschte, in bĂŒrgerlichen und anderen Kreisen diskutiert. Antikommunismus ist in dieser Epoche eine Denunziation demokratischer Bewegungen, hier tritt er also in Erscheinung als Verteidigungsideologie des Adels.
Mit der Pariser Commune und dem Erstarken der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung wird der Kommunismus als Bewegung der primitiven, unaufgeklĂ€rten Massen, die von böswilligen Agitatoren aufgehetzt sind (s. erster Punkt), dargestellt. Da Kultur und Zivilisation auf Privateigentum beruhen wĂŒrden, wĂŒrden die „gefĂ€hrlichen Klassen“ diese zerstören, wenn sie mit ihren verrĂŒckten Vorstellungen sich durchsetzen wĂŒrden. Die unteren Klassen seien die Verlierer jenes ‘Lebenskampfes’, der allein jene Anstrengungen erzwingen wĂŒrde, auf denen alle großen Kulturleistungen und alle Zivilisation beruhen wĂŒrde. Die ‘gesichtslose Masse’ sei niemals in der Lage, die Gesellschaft zu fĂŒhren, sie mĂŒsse notfalls mit Gewalt niedergehalten werden; ihre Minderwertigkeit zeige sich an ihrer gesellschaftlichen Stellung. Dabei verfuhren die Ideologen tautologisch: Die Leute seien „minderwertig“, weil sie „unten“ seien – und „unten“ seien sie, weil sie „minderwertig“ seien. Diese rassistische Herleitung des Wesens eines Menschen oder einer Menschengruppe fungiert als Verteidigungsideologie des BĂŒrgertums.
Mit dem Übergang in die kolonial-imperialistische Ära wird die Idee vom Kommunismus als internationale Bewegung, die die eigene Nation schwĂ€che und zerstöre betont. Zugleich wird der Sozialismus als Teil der Degenerationserscheinungen der westlichen Welt, als krankhaftes Symptom der modernen stĂ€dtischen Entwicklung verstanden. Zum Einen der Sozialismus als pazifistische Bewegung, der dem eigenen Volk die Waffe aus der Hand schlage, in einer Welt von Feinden, eben weil er die Wahrheit des ewigen Kampfes um Lebensraum und Macht nicht anerkenne. Zum Anderen die BefĂŒrchtung, Sozialismus als Aufhebung der Konkurrenz bewirke den Zerfall der Zivilisation, die Förderung der ‘Minderwertigen’ gegenĂŒber den ‘Gesunden’. Zum Dritten, die Vorstellung, die sozialistische ArbeiterInnenbewegung predige den Klassenhass und entzweie damit das Volk und mache es handlungsunfĂ€hig. Nicht nur in Deutschland verbindet sich dieser Antikommunismus mit dem Antisemitismus: Feindliche MĂ€chte, die im Geheimen wirken, wollen dem Vaterland ans Leder, hier wirkt der Antikommunismus als nationale Integrationsideologie.
Mit der Oktoberrevolution und der Errichtung der UdSSR wird Kommunismus zum Bild fĂŒr brutalen Terror, der asiatischen Bedrohung (ob es nun die Hunnen, Mongolen oder die gelbe Gefahr ist) Europas durch BestialitĂ€t, Umwertung aller Werte. Der Kommunismus wird zu einer mörderischen bedrohlichen Macht, die im Dienste des Bösen, des Weltjudentums steht oder schlicht selbst das Böseste ist. Von Moskau gelenkt, grabe und wĂŒhle der Weltkommunismus ĂŒberall und versuche durch die Weltrevolution eine Welt des Terrors herbeizufĂŒhren. Der faschistische Antikommunismus ist nicht bloß ein Instrument „der Herrschenden“ um eine sozialistische Revolution zu verhindern, wiewohl das fĂŒr manchen Kapitalisten oder Großgrundbesitzer Grund fĂŒr die finanzielle UnterstĂŒtzung gewesen sein mag, er ist Teil einer Ideologie eines Weltkreuzzugs, die einen Weltkrieg fĂŒr die eigene Macht legitimiert, d.h. hier funktioniert er als Rechtfertigung des Imperialismus. (FĂŒr die deutschen Nazis hingegen war der Kampf gegen den ‘Bolschewismus’ nur ein Teil ihres Kampfes gegen das ‘Weltjudentum’.)
Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Kommunismus zum Synonym fĂŒr sowjetisches Weltmachtstreben — im Regelfall ohne jĂŒdische Weltverschwörung. Als Teil der „totalitĂ€ren Bedrohung“ der westlichen Demokratie wird der Kommunismus dem Faschismus gleichgesetzt, wobei er natĂŒrlich zugleich der gefĂ€hrlichere, weil noch existierende und weltweit agierende sei. Ehemalige Faschisten und die C-Parteien haben dabei noch in 50er Jahren durchaus die Betonung auf die Bedrohung des Abendlandes gelegt. Hier fungiert Antikommunismus als Integrationsideologie fĂŒr Faschisten und als Rechtfertigung des Kalten Kriegs.

Mit der Entspannungspolitik und der 68er-Bewegung wird der Kommunismus zu einem „gescheiterten Projekt“, in das sich nur „totalitĂ€re TrĂ€umer“ verlieben können. Die Renaissance des Marxismus(-Leninismus) wird als Ausdruck des jugendlichen Idealismus zugelassen, zugleich aber als irrationale Protesthaltung den Jugendsekten und Drogen gleichgesetzt, wo auch wohlmeinende Naivlinge fĂŒr finstere Zwecke eingespannt werden. Gleichzeitig werden aber die Sozialliberalen, die diesen neuen, etwas gelasseneren Antikommunismus predigen, des schleichenden Übergangs zum Sozialismus bezichtigt; Demokratisierung, Emanzipation und sexuelle Revolution werden als Taktik der KommunistInnen bei der Zerstörung der westlichen Welt denunziert. Anfang der 70er Jahre fuhr der bĂŒrgerliche Staat einen ambivalenten Kurs: Einerseits wurden Projekte, die durchaus ein gesellschaftskritisches SelbstverstĂ€ndnis aufwiesen, gefördert – andererseits hagelte es Berufsverbote fĂŒr linksradikale StaatsdienerInnen, und das nicht nur fĂŒr LehrerInnen. Schluss mit der Toleranz ist spĂ€testens seit Mitte der 70er Jahre, als der angelinkste Reformidealismus nicht mehr gefragt war, und als 1977 die letzte „Offensive“ (2) der RAF scheitert.
1986-89 verkleidete sich der Antikommunismus in die besorgte Betrachtung, ob die Reformen Gorbatschows gelingen, greifen etc. Das Echo auf die Selbstkritik (Perestroika) des FĂŒhrers des Warschauer Pakts war durchweg positiv, und nicht zu verwechseln mit dem blöden Reformidealismus von Linken, die hofften, mit einer verwandelten Sowjetunion nunmehr auch im Westen voran zum Sozialismus schreiten zu können.
Nach 1989 gibt es kaum mehr KommunistInnen, denn viele von denen, die sich zuvor noch so nannten, nahmen die praktische Selbstaufgabe des Realsozialismus sowjetischer PrĂ€gung zum Anlass, ihre theoretische Kritik am Kapitalismus gleich mit zu beerdigen. Dass Antikommunismus trotz dieses Siegeszugs der Marktwirtschaft auch heute noch Konjunktur hat, Ă€ußert sich einerseits in den politischen Kampagnen der Rechten und der politischen Selbsthygiene der Linken, welche stets darum bemĂŒht sind, etwaige kommunistische Töne in den eigenen Reihen möglichst schon im Keim zu ersticken. Andererseits zeigt sich die AktualitĂ€t des Antikommunismus in dem Engagement der FederfĂŒhrenden der politischen Medienöffentlichkeit, welche sich in aller RegelmĂ€ĂŸigkeit aufs Neue gefordert sehen, den ideologischen Kampf gegen Kommunismus zu fĂŒhren – gegen einen Kommunismus, der ihnen wohl niemals tot genug sein wird.

Ambivalenz des Arbeiters
Aus heutiger Sicht mag die LektĂŒre frĂŒherer antikommunistischer Werke erstaunlich sein: Die Gleichsetzung von ArbeiterInnen und Kommunismus war in frĂŒherer Zeit keineswegs bloß eine versponnene Theorie von Linken, die sich ĂŒber die Wirklichkeit hinwegtĂ€uschen wollten, sondern auch von den Gegnern akzeptierte Wirklichkeit. Auch wenn sie so absolut nie hingehauen hat — aus einer Lage erwĂ€chst nun mal kein Bewusstsein, sondern immer nur aus der Interpretation einer Lage — ist doch zu beobachten, dass die Verteidiger der bĂŒrgerlichen Gesellschaft in den unteren Klassen Feinde erblickten. Geschult an dieser Erfahrung, schien KommunistInnen und SozialistInnen das Lob des deutschen Arbeiters durch die Nazis nur als ein Fall sozialer Demagogie, das heißt, als einer neuen, besonders hinterlistige Taktik ihres alten Gegners, des Kapitals.
Die Linke legte sich die Gleichsetzung von „Volk“ und „Links“ schon deswegen zurecht, weil sie sich fĂŒr die Rechte des Volkes stark machte. Ihre Idee war: Wir sind fĂŒr das Volk, also muss das Volk fĂŒr die Linke sein. Diese Gleichsetzung wurde mit dem aufkommen konterrevolutionĂ€rer Massenbewegungen brĂŒchig, in der Menschen gegen die eigene Emanzipation auf die Straße gingen. Ohne einen Geschichtsoptimismus ĂĄ la „Der Sozialismus wird siegen“ ist die eigenartige Blindheit der Linken, die NationalistInnen, RassistInnen und AntisemitInnen nicht als solche erkennen, nicht zu verstehen. Wer, wie viele Leute in den 20ern und 30ern, den Faschismus nur als einen temporĂ€ren Aufstand der ZurĂŒckgebliebenen gegen die Zukunft begreift, nimmt den Faschismus nicht erst und kann ihn daher auch nicht richtig bekĂ€mpfen.
Die Neubewertung des Volkes durch die politische Rechte hĂ€tte bei den Linken alle Alarmglocken schrillen lassen mĂŒssen. Mit dem Bild des sozialistischen Agitators und noch mehr des jĂŒdischen Hintermannes, der die eigentlich guten ArbeiterInnen aufhetzt, beginnt die Aufspaltung des Bildes des Arbeiters in das des guten produktiven Arbeiters und das des bösen streikenden Proleten.
Diese ambivalente Sicht auf die Arbeiterklasse hat durchaus ihren tieferen Sinn: ArbeiterInnen sind im Produktionsprozess Notwendigkeit und Problem zugleich. Sie sind jene Klasse, die den Reichtum schafft, der auch ihre Armut produziert, und das lieben die Faschisten an ihnen: Das selbstlose Opfer, den Dienst am Volke in der Produktionsschlacht, der genĂŒgsame Stolz auf die Produkte der eigenen Anstrengungen, ohne dass mensch selbst etwas von ihnen hĂ€tte. Eben jene „geheime“ QualitĂ€t der Ware Arbeitskraft, mehr Wert zu schaffen; die notwendige Bereitschaft der Arbeitskraftbesitzer sich zum Mittel zu machen, ohne allzu viel davon zu haben; und schließlich jene psychischen Leistungen, die dem eigenen unerfreulichen Leben seinen höheren Sinn geben: Der Stolz, arm, aber ehrlich zu sein, der Hass auf den Luxus, die quasi-militĂ€rische Disziplin der damaligen Fabrikarbeit. Die andere Seite des Arbeiters aber ist die aus seiner Rolle erwachsende Macht — „Mann der Arbeit aufgewacht, und erkenne Deine Macht. Alle RĂ€der stehen still, wenn dein starker Arm es will“, dichtete damals die ArbeiterInnenbewegung. Dazu kam die damals durchaus verbreitete Verachtung fĂŒr die feindliche bĂŒrgerliche Welt, ihre Moral und ihre Kultur; der Hass auf jene VerhĂ€ltnisse, die alles wirklich Interessante einem/r vorenthalten. Die ArbeiterInnen sind im Kapitalismus an ein entgegengesetztes Interesse gefesselt, und die Aufspaltung des ArbeiterInnenbildes reflektiert genau dies: Die Angewiesenheit auf die VerhĂ€ltnisse als das affirmative Bild des blonden, muskelstrotzenden Arbeiters der Faust, den Gegensatz zum kapitalistischen Interesse als die hassverzerrte Karikatur des verkommenen, roten Proleten.
Der Antikommunismus ist die Ehrenrettung der deutschen ArbeiterInnen, der es erlaubt, dieser Klasse ihre sozialistische Bewegungsform zu verzeihen. Fast genauso formuliert es Hitler auch, wenn er den Grund fĂŒr den Erfolg der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung in der Ausnutzung des Elends der ArbeiterInnen durch jĂŒdische AgitatorInnen sieht. Dies macht die Schlagkraft des Nationalsozialismus und Faschismus im Gegensatz zu den damaligen Konservativen, Jungkonservativen und Volkskonservativen aus: Die FaschistInnen halten das Volk nicht per se fĂŒr minderwertig, ihrem Konzept eines Herrenvolks von UntertĂ€nigen liegt ein ganz ernst gemeintes Lob des Volkes zugrunde. Die Feindschaft gegenĂŒber dem Volk ist dem Misstrauen in seine FĂ€higkeit, die roten VerfĂŒhrerInnen zu durchschauen, gewichen. Die bĂŒrgerliche Gesellschaft kann auf Dauer nicht darauf beruhen, dass die eine Klasse die andere unterdrĂŒckt. Sie braucht die nationale Integration aller, weil bĂŒrgerliche VerhĂ€ltnisse auf der Herrschaft des Volkes ĂŒber das Volk beruhen, auf der Unterwerfung der Menschen unter die von ihnen selbst geschaffenen VerhĂ€ltnisse. Eine demokratische Gesellschaft und ihre erfolgreiche VerknĂŒpfung von Kapital und Arbeit ist politisch stabiler und ökonomisch effektiver als die offene Klassenherrschaft des 19. Jahrhunderts. Sie erteilt allen gleichermaßen die Freiheit zur die Teilnahme an der Konkurrenz und unterwirft sie so deren Ergebnissen.
Dieser historische Schritt, die Modernisierung der Antikommunismus, ist der eigentlich qualitative Sprung: Die Entdeckung des Volks durch die politische Rechte und seine Einbindung in das nationale Projekt.

Zerstörung der Welt
Die sozialdarwinistische Vorstellung des Konkurrenzkampfes von Individuen, Völkern, Rassen als naturnotwendige Selektion, als Voraussetzung fĂŒr Entwicklung wichtiger Tugenden, als Verhinderung von Entartung und Degeneration, war eine pseudowissenschaftliche Gegenhaltung zum evolutionĂ€ren Sozialismusbegriff der ArbeiterInnenbewegung. PopulĂ€r sind solche Vorstellungen z.B. durch Ideen wie „Dann arbeitet doch keiner mehr, wenn allen alles gehört“, „dann strengt sich doch keiner mehr an“, „wenn alle nur nach Genuss streben, wird doch alles verjuxt“. Diese Vorstellungen projizieren die gesellschaftliche RealitĂ€t des Kapitalismus in das „Wesen des Menschen“. Die Durchschlagskraft solcher Vorstellungen sollte mensch nicht unterschĂ€tzen, schon weil sie auf reale Erfahrungen zurĂŒckgreift, die sie zu bestĂ€tigen scheinen. TatsĂ€chlich bemĂŒhen sich SchĂŒlerInnen möglichst wenig zu arbeiten, mit öffentlichem Eigentum wird rabiat umgegangen, Menschen verhalten sich unvernĂŒnftig. Oft mag es sogar so erscheinen, als ob allein die RationalitĂ€t des Marktes und die harte Drohung von Armut und Untergang allein den eigentlich ziemlich unvernĂŒnftigen Menschen zur Vernunft zwingt. Freilich ist es eine eigentĂŒmliche Verarbeitung gesellschaftlicher RealitĂ€t die da geschieht, weil weder der demolierten Telefonzelle, dem Krankmachen auf der Arbeit oder dem durchgeknallten Liebhaber das Wesen des Menschen anzusehen ist, sondern nur der Umgang bĂŒrgerlicher Konkurrenzsubjekte mit eben jener Welt, in der sie leben. Gegen die schlichte Frage, warum Menschen nicht in der Lage sein sollten, ihre Gesellschaft vernĂŒnftig einzurichten, ihre BedĂŒrfnisse nach einem gemeinsamen Plan zu befriedigen, und mit den unterschiedlichen, vielleicht hin und wieder sogar tatsĂ€chlich entgegengesetzten Interessen umzugehen, wird eben nur der bĂŒrgerliche Blödsinn von der Natur des Menschen prĂ€sentiert (siehe Zitate weiter unten).
ZusĂ€tzlich kommt noch das Argument, dass es die ewige Knappheit an GĂŒtern sei, die das Gegeneinander der Menschen erzwingt - bzw. avancierter: weil der endlichen Menge an GĂŒtern die angeblich unendlichen BedĂŒrfnisse des Menschen gegenĂŒber stĂŒnden. Außerdem folgt noch die Warnung, dass im Überfluss alles versinkt. Über diesen Glaubenssatz darf mensch nicht lange nachdenken, um ihn zu glauben. Also: Der Mensch ist nicht so, die Welt sowieso nicht, und das ist auch ganz gut so, weil sonst die Welt unterginge. Auch wenn die folgende kleine Zitatenauswahl etwas altbacken wirkt - sie ist es nicht :

monarchistisch-konservativ
„der ewige Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner, und der Krieg ist ein Glied in Gottes Weltordnung. In ihm entfalten sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut und Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit mit Einsetzung des Lebens. Ohne Krieg wĂŒrde die Welt in Materialismus versumpfen“
(Helmuth Graf von Moltke: Brief an Bluntschli. In: Pross, Harry (Hrsg): Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871-1933. FaM: Fischer 1959, S.29)

liberal
„Es gibt keinen Frieden auch im wirtschaftlichen Kampf um das Dasein: Nur wer jenen Schein des Friedens fĂŒr die Wahrheit nimmt, kann glauben, daß aus dem Schoße der Zukunft fĂŒr unsere Nachfahren Frieden und Lebensgenuß erstehen werde. Wir wissen es ja: die Volkswirtschaftspolitik ist der vulgĂ€ren Auffassung ein Sinnen ĂŒber Rezepte fĂŒr die BeglĂŒckung der Welt — die Besserung der ‘Lustbilanz’ des Menschendaseins ist fĂŒr sie das einzig verstĂ€ndliche Ziel unserer Arbeit. Allein: Schon der dunkle Ernst des Bevölkerungsproblems hindert uns, EudĂ€monisten zu sein, Frieden und MenschenglĂŒck im Schoße der Zukunft verborgen zu wĂ€hnen , und zu glauben, daß anders als im harten Kampf des Menschen mit dem Menschen der Ellenbogenraum im irdischen Dasein werde gewonnen werden. ... fĂŒr den Traum von Frieden und MenschenglĂŒck steht ĂŒber der Pforte der unbekannten Zukunft der Menschengeschichte: Lasciate ogni speranza . ... Nicht das Wohlbefinden der Menschen, sondern diejenigen Eigenschaften möchten wir in ihnen [den Nachfahren] emporzĂŒchten, mit welchen wir die Empfindung verbinden, daß sie menschliche GrĂ¶ĂŸe und den Adel unserer Natur ausmachen.... Nicht Frieden und MenschenglĂŒck haben wir unseren Nachfahren mit auf den Weg zu geben, sondern den ewigen Kampf um die Erhaltung und EmporzĂŒchtung unserer nationalen Art“
(Weber, Max: Nationalstaat und Volkswirtschaftspolitik. Akademische Antrittsrede (1895.) In: Gesammelte politische Schriften. TĂŒbingen: J.C.B. Mohr 1958)

faschistisch
„Daß aber diese Welt dereinst noch den schwersten KĂ€mpfen um das Dasein der Menschheit ausgesetzt sein wird, kann niemand bezweifeln. Am Ende siegt ewig nur die Sucht der Selbsterhaltung. Unter ihr schmilzt die sogenannte HumanitĂ€t als Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und eingebildetem Besserwissen, wie Schnee in der MĂ€rzensonne. Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groß geworden — im ewigen Frieden geht sie zugrunde.“
(Adolf Hitler: Mein Kampf. Bd. I. MĂŒnchen: Franz Eher Nachf. 1933, S.148/149)

sozialistisch
„... Eigenschaften wie LoyalitĂ€t, Großmut etc., wĂ€ren in einer Welt, in der nichts schief ginge, nicht nur bedeutungslos, sondern wahrscheinlich unvorstellbar. In Wahrheit können viele Eigenschaften, die wir an Menschen bewundern, nur im Widerstreit mir irgendeiner Art von UnglĂŒck, Schmerz oder Schwierigkeiten ĂŒberhaupt wirklich sein; die Tendenz technischen Fortschritts besteht darin, UnglĂŒck, Schmerz und Schwierigkeiten auszuschalten. ... Indem man sich an das Ideal der technischen Effizienz bindet, bindet man sich an das Ideal der Weichlichkeit. Aber Weichlichkeit ist abstoßend, und so wird der ganze Fortschritt als ein wahnsinniger Kampf auf ein Ziel hin gesehen, das, wie man hofft und betet, nie erreicht werden wird.“
(George Orwell: Der Weg nach Wigan Pier. ZĂŒrich: Diogenes 1982, S.188-190)

Was die hier angefĂŒhrten Standpunkte unterstellen ist die biologistische Ideologie einer „wölfischen“ Menschennatur und damit der Schluss auf kooperative Gesellschaftsformen als gemeingefĂ€hrliche VorschlĂ€ge zu einer Degenerierung der Menschenwelt. Durch die Aufhebung der Konkurrenz und des Kampfes werde die Welt unnatĂŒrlich, schwĂ€chlich und degeneriert. Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner hĂ€tten sich Moltke, Weber, Hitler und Orwell wohl einigen können. Dies ist der sachliche Zusammenhang zwischen Biologismus auf der einen, und dem Antikommunismus auf der anderen Seite. Des Weiteren ist diese damals von vielen ZeitgenossInnen geteilte BefĂŒrchtung der erste Schritt zu der antisemitisch-paranoiden VerlĂ€ngerung, BemĂŒhungen hin zu einer kommunistischen Gesellschaft als eine besonders Strategie zur Weltmachtergreifung des Judentums zu sehen. Die staatliche Propaganda vom "jĂŒdischen VerfĂŒhrers", der aus untertĂ€nigen, arbeitenden Massen revoltierende Massen mache, war eine besondere Erfindung des Faschismus.

Wer sich nun zurĂŒck lehnt und diese verstaubt wirkende Ideologie mĂŒde belĂ€chelt, mag sich an Folgendes erinnern: Die „Kritik“, in einer „Konsum-“, „Wohlstands-“ oder „Raffgesellschaft“ zu leben, dass 'wir' alle Opfer zu bringen haben und „die fetten Jahre vorbei sind“, hat nicht erst Helmut Kohl in die nationale Politik eingebracht. Jene Vorstellung, im Kommunismus verfrĂ€ĂŸe der natĂŒrlich kurzsichtige, egoistische Mensch schnell den Reichtum ist als angstvolle Warnung im Kapitalismus dauernd prĂ€sent. Es ginge ‘uns’ zu gut, ‘wir’ hĂ€tten ĂŒber ‘unsere’ VerhĂ€ltnisse gelebt, könnten ‘uns’ dies oder jenes nicht mehr ‘leisten’ — die Welt sei nun mal kein Ponyhof. Mangel und Entbehrung seien gut fĂŒr den Menschen. Das nicht nur weil der Mensch nun mal dem Menschen ein Wolf sei — und darum etwa Futterneid der Natur des Menschen entsprĂ€che — von allzu praktischen Konsequenzen hielte ihn allein derjenige Wolf im lustigerweise dann doch irgendwie wirksamen, demokratisch-parlamentarischen Schafspelz ab. Oder: „Wenn’s dem Esel zu gut geht, dann wagt er sich aufs Eis.“ „Überfluss erzeugt Maßlosigkeit, TrĂ€gheit, Verfall, und alle großen Genies hatten Hunger.“

In all diesen Vorstellungen lĂŒgen sich die Menschen das erfahrene Leid als unverĂ€nderlich zurecht. Sie verklĂ€ren es, indem sie es auf eine Natur des Menschen ĂŒberhaupt zurĂŒckfĂŒhren – statt es durch die kapitalistische Einteilung der Welt zu erklĂ€ren. Wird das Leid als "natĂŒrlich" verstanden, hat mensch nebenbei auch prima vor sich gerechtfertigt, warum es ja doch nichts bringt, fĂŒr eine grundlegende gesellschaftliche VerĂ€nderung einzutreten. Antikommunismus erweist sich so als nĂŒtzlicher Bestandteil des bĂŒrgerlichen Alltagsbewusstseins.

Gruppe „Kritik im Handgemenge“ Bremen


Fußnoten
1 In Deutschland: etwa die "Hottentottenwahl" 1907, die Niederschlagung des Januaraufstandes 1917, der Machteintritt der NSDAP 1933 - in den USA: bspw. „Red Scare“ 1917, McCarthy -Ära 1947.

2 Das recht defensive Ziel war das Freipressen der Gefangenen.