14.02.2005 PDF

Eine Kritik von Glauben, Aberglauben, New Age, Esoterik, Okkultismus, Feng Shui

Wenn der Mond im siebten Hause steht...

Seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts boomt die √úbersinnlichkeit. Der Markt ist breit und ausdifferenziert. Versprochen wird vieles: Lebenshilfe, religi√∂se Sinngebung, Gesundheit, Wohlstand, Wissen √ľber die Zukunft. Nie ausgestorben sind die eher traditionellen Formen des Aberglaubens, wie z.B. Astrologie, Sp√∂kenkiekerei, Hexenrituale oder das zwischenzeitlich bei Jugendlichen sehr beliebte Tischer√ľcken und Pendeln. Dazu kommen die eher etablierten Formen der Religion wie evangelikales Christentum, Buddhismus, Anthroposophie. In den 80ern sind daneben viele neue religi√∂se und quasi-religi√∂se Formen der Bewusstseinsverk√ľmmerung auf den Markt gekommen. Zum eine sind dies Hunderte von obskuren Theorien, wie mensch sich richtig zu ern√§hren, tanzen, einzurichten habe (wegen der Lebensenergie), welche Steine oder Pflanzen oder Meditationstechniken einem/r den Weg zu einem/r selbst zeigen. Zum anderen sind dies institutionalisierte Glaubensgemeinschaften wie z.B. Scientology, Pfingstgemeinden. Es gibt Kongresse, Vortragsreisen, Seminare, eine un√ľberschaubare Anzahl von B√ľchern, CDs, Kassetten und esoterischem Schnickschnack (R√§ucherst√§bchen, Pendel, Mandalas, Elfenbilder etc.) von den verschiedenen Heilerinnen und LehrerInnen.


"Magie ist die Kunst, aus Aberglauben Geld zu machen" (Bierce)

Das ist die erste und platteste Kritik, die daran zu haben ist. Selbstverständlich lässt sich mit Leichtigkeit nachweisen, wieviel Geld die verschiedenen Gurus, HeilerInnen, ProphetInnen, WahrsagerInnen mit der ganzen Sache machen.
Das tun sie, und manchmal mag das sogar tats√§chlich der einzige Grund sein, warum sie ihr Gesch√§ft betreiben. Doch diese Theorie des "Priesterbetrugs" ist keine vern√ľnftige Religionskritik. Die Vorstellung, dass Leute mit knallhartem Kalk√ľl andere Leute beschei√üen, um Macht auszu√ľben, Reichtum zu bekommen oder auch nur sich selbst zu best√§tigen, ist eine Verschw√∂rungstheorie. So etwas gibt¬īs schon mal, aber im Regelfall brauchen Menschen f√ľr ihre jeweilige Praxis eine "gute", das hei√üt hier nur: ihnen selbst einleuchtende Erkl√§rung. "Die Welt will betrogen sein" ist zwar auch eine, aber zumeist hat mensch es bei Religionen und Pseudo-Religionen (1) sowohl auf der Guru - als auch der Gl√§ubigen - Ebene mit √úberzeugungst√§terInnen zu tun. So erkl√§rt sich auch mancher fromme Betrug: Um den Glauben, dem mensch anh√§ngt, zu verbreiten, greifen manche auch zu T√§uschung und Suggestion. Und noch der abgekl√§rteste und zynischste Gesch√§ftemacher wird sich im Regelfall damit beruhigen, dass es den Leuten ja irgend etwas bringen muss, sonst w√ľrden ihm seine Anh√§ngerInnen ja nicht folgen.


"Religion ist Opium f√ľr das Volk" (Marxismus-Leninismus)

Eine besonders unter Linken verbreitete Kritik zielt auf die angebliche gesellschaftliche Funktion von Esoterik etc. ab. Viele (2) werden nicht m√ľde, den reaktion√§ren Gehalt vieler esoterischer Theorien blo√üzustellen. Dar√ľber l√§sst sich in der Tat auch viel sagen, auch warum es eine linke Esoterik nicht geben kann, und warum esoterische Gesellschaftskritik per se anti-aufkl√§rerisch und anti-emanzipatorisch ist. Dennoch macht es sich diese Sichtweise unglaublich einfach: Denn damit soll alles klar sein. Esoterik und vieles andere sind kein kritisches Denken, st√ľtzen die Gesellschaft, wie sie ist, also ist klar, wer nur ein Interesse daran haben kann: Das Kapital, oder ein bisschen schwammiger: die Herrschenden.
Das ist zum einen verkehrt, weil der alte linke Glaubenssatz "Wem¬īs n√ľtzt, der war¬īs" nichts taugt. Mensch muss schon mal beweisen, dass jemand "hinter" einer Sache steckt. (Wobei der Glaube, die Welt von Freiheit und Privateigentum sei am besten dadurch zu erkl√§ren, dass man lauter versteckte Sachen und bislang nicht-ver√∂ffentlichte Quellen entlarvt und ver√∂ffentlicht, sowieso von der √úberzeugung lebt, die Schweinereien und ihre Begr√ľndungen w√ľrden den Leute vorenthalten werden. Dem ist nicht so). Wer glaubt, dass die Kapitalisten sich jeden Donnerstag treffen, um sich b√∂se Ablenkungstheorien auszudenken, betreibt schon wieder Verschw√∂rungstheorie und fragt sich nicht, wer was warum glaubt. Das aber w√§re gerade mal eine interessante Frage: Warum glauben Leute? Die Interessen von Priestern und Herrschenden sind daf√ľr √ľberhaupt keine Erkl√§rung. Darauf geben die √ľblichen Formen linker Esoterik-Kritik keine Antwort. Sie beschr√§nken sich darauf, zu erkl√§ren, wer sich wann mit wem getroffen hat, welche Mondknotentheorie von welchem Theoretiker √ľbernommen wurde, dessen Nachfolger in der NSDAP war, weswegen ja nun alles klar ist. Zum anderen ist die Funktionalit√§t von Esoterik, Okkultismus etc. f√ľr das kapitalistische System eine ziemlich mittelbare. An Ideologien herrscht ja nun, wie Gott und Marx wissen, kein Mangel und das √ľbersinnliche Abdrehen der Arbeitskr√§fte ist auch nur solange ungef√§hrlich, wie es auf den Privatbereich beschr√§nkt bleibt. Der Vertreter, der auspendelt, wem er einen Staubsauger aufschwatzt, der Mechaniker, der die Sterne befragt, wohin die Schraube kommt, die Programmiererin, die sich auf ihre Tr√§ume verl√§sst beim Programmieren - sie alle sind eher dysfunktionale Figuren. Also: Ganz so platt ist der Zusammenhang zwischen Spinnerei und Herrschaft nicht.


"Religion ist das Opium des Volkes" (Marx)

Damit meinte Marx, Religion sei eine Methode, sich mit den unerfreulichen Zust√§nden abzufinden. Und zwar in dem Sinne, dass sie einem Trost und Sinn spendet, den die b√ľrgerliche Gesellschaft nicht parat hat. Dass sie also die interessierte Selbstt√§uschung der Menschen √ľber die von ihnen selbst geschaffenen gesellschaftlichen Verh√§ltnisse ist. Das war zu Marxens Zeiten auch ein bisschen richtig, und stimmt zum Teil auch immer noch. Religi√∂se Theorien geben eine ruhige Gewissheit, dass m√§chtige Wesenheiten unterwegs sind und nichts ohne Sinn geschieht. Das mag manch eine/r tr√∂stlich finden. Dazu sp√§ter mehr. Dennoch trifft insbesondere die Droge, die Marx gew√§hlt hat, die Sache nicht ganz. Opium stumpft ab und l√§sst eine/n lethargisch und gel√∂st werden. Eher lie√üe sich sagen, dass Esoterik das Kokain des b√ľrgerlichen Subjekts ist. Nicht mehr blo√ües Abfinden, sondern aktives, bewusstes Bew√§ltigen aller Zw√§nge der b√ľrgerlichen Gesellschaft erm√∂glichen die verschiedenen Formen. Schon Adorno hat auf die Verwandtschaft astrologischer Ratschl√§ge mit popul√§r-psychologischen Erfolgstechniken hingewiesen. Und das ist, neben einer Kritik des Alltagsdenkens, auch der Schl√ľssel zur Erkl√§rung dieser Sorte Denken.


R√ľckfall ins Mittelalter?

"Nicht nur in den Bauernh√§usern, sondern auch in den Wolkenkratzern der St√§dte lebt neben dem zwanzigsten Jahrhundert heute noch das zehnte oder dreizehnte. Hunderte Millionen Menschen benutzen den elektrischen Strom, ohne aufzuh√∂ren, an die magische Kraft von Gesten und Beschw√∂rungen zu glauben. Der r√∂mische Papst predigt durchs Radio vom Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein. Kinostars laufen zur Wahrsagerin. Flugzeugf√ľhrer, die wunderbare vom Genie des Menschen erschaffene Mechanismen lenken, tragen unter dem Sweater Amulette. Was f√ľr unersch√∂pfliche Vorr√§te an Finsternis, Unwissenheit, Wildheit!" (3) schrieb Leo Trotzki im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Und auch wenn dies f√ľr seine Zeit ein relativ hellsichtiges Statement war - immerhin kommt hier das Bewusstsein von Menschen vor und nicht nur das Sein, dessen Widerspiegelung das Bewusstsein angeblich nur ist - so verkehrt ist die Theorie, die Trotzki damit nebenbei √ľber Aberglauben macht. Er betrachtet magische Vorstellungen als ein √úberbleibsel voraufkl√§rerischer, also vorb√ľrgerlicher Zeit. Eben als ein √úberbleibsel aus der Zeit, als Menschen Naturzusammenh√§nge noch nicht verstanden. Doch genauso wenig wie der moderne Antisemitismus einfach das Fortschreiben und Fortwirken des mittelalterlichen Judenhasses ist, genauso wenig ist der moderne Aberglaube dass gleiche, wie der Aberglaube fr√ľherer Epochen. Es ist ein Unterschied, wenn ein Bauer seine K√ľhe "enthexen" l√§sst, weil er in seiner Unwissenheit √ľber die Naturzusammenh√§nge bef√ľrchtet, durch schwarze Magie dem sicheren Hungertod entgegen zu sehen. Oder ob sein moderner Nachfahre die gleiche Technik anwendet, weil die ganz moderne Tiermedizin nichts genutzt hat und er Angst hat, die Vertr√§ge mit der Molkerei nicht einhalten zu k√∂nnen und darum auch noch zum letzten Strohhalm greift. Die Zauberspr√ľche m√∂gen die gleichen sein, aber was sie f√ľr die Beteiligten bedeuten, welchen Stellenwert sie haben, das ist unterschiedlich. "Auf fr√ľheren Stufen war der Aberglaube der wie immer unbeholfene Versuch mit Fragen fertig zu werden, die damals anders und vern√ľnftiger sich nicht h√§tten l√∂sen lassen", schreibt Adorno (4) und meint damit, dass heute EsoterikerInnen, OkkultistInnen, New-Age-Anh√§ngerInnen etc. hinter den bereits erreichten Stand des Wissens √ľber Natur und Gesellschaft zur√ľckfallen.


Mythos, Aufklärung, instrumentelle Vernunft

Tats√§chlich sind religi√∂se Mythologie und magische Vorstellungen Versuche, die Welt zu erkl√§ren. Als die Menschen anfingen, Blitze oder Regen nicht mehr mit unbegriffenem Schrecken zu erleben, sondern zu Lebewesen, sp√§ter zu Handlungen von G√∂ttern machten, die mit Opfern zu bes√§nftigen w√§ren, da versuchten sie - auf verkehrte Weise - ihre Lebensumst√§nde zu beherrschen. Doch in einer Welt von Blitzableitern und Bew√§sserungspumpen kann das nicht mehr sein. Wenn Menschen tausendfach wissen wollen, wie ihr zuk√ľnftiges Leben aussieht, sie sich gegen Erdstrahlen und negative Energie wehren wollen, Krankheit als Weg entdecken, und nach der richtigen Therapie fragen, um ein erfolgreicher, gl√ľcklicher, gesunder Mensch zu werden, dann ignorieren lauter Menschen, die sich doch ansonsten darauf verlassen, dass die ihnen bekannten Ursache-Wirkung-Prinzipien gelten. Sie nehmen lauter andere Ursachen an f√ľr Wirkungen, die sie gerne h√§tten. Aber ist das magische Denken tats√§chlich so entfernt vom Alltagsdenken? "Immer wenn ich¬īs eilig hab, stehen alle Ampeln auf rot"- Wer hat diesen oder einen √§hnlichen Satz nicht schon mal gedacht? Theoretische Voraussetzung dieser und √§hnlicher Weisheiten ist die Vorstellung, dass mensch selbst Mittelpunkt der Welt ist und das eigene Handeln und Denken daf√ľr sorgt, wie die Welt auf einen reagiert - das hei√üt, mensch macht sich zum Meister der Welt. √úbrigens auch dann, wenn mensch sich zum Opfer der ganzen b√∂sen Verh√§ltnisse macht, weil ja auch das b√∂swillige Reagieren von Ampeln etc. nur Reaktion auf eine/n ist. Nat√ľrlich wei√ü jeder eigentlich, dass das nicht so ist. Und doch lebt die Angst, es k√∂nnte so sein (5): Und das ist eine √úbersetzung gesellschaftlicher Verh√§ltnisse. In denen spielt der Gro√üteil der Menschen die sch√§bige Rolle eines Mittels f√ľr Zwecke, die ihnen schaden. Aber all die Zw√§nge, denen sie sich unterwerfen, √ľbersetzen sie sich als Gelegenheit, die sich ihnen bietet. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt als M√∂glichkeit auf einen guten Job, die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt als Chance auf eine sch√∂ne Wohnung usw. "Jeder ist seines Gl√ľckes Schmied" hei√üt das b√∂swillige Kompliment. Das stimmt nat√ľrlich gar nicht: Ohne Bet√§tigung des eigenen Willens, ohne Unterwerfung unter all das, was in der b√ľrgerlichen Welt so an Vorschriften und Regeln gilt, kommt mensch zwar in der Tat nicht mal auf einen gr√ľnen Zweig - nur hei√üt das keineswegs, dass Leistungsbereitschaft und Anpassungsf√§higkeit einem/r auch nur garantieren w√ľrden, einen Job zu bekommen. Solche Weisheiten, wie z.B. "wer Arbeit will, kriegt auch eine", sind der Sache nach magisches Denken, weil sie den Unterschied zwischen wirklicher Welt und Kopfinhalt durchstreichen. Doch handelt es sich dabei nicht um eine infantile Phase, wie mensch vielleicht in Anlehnung an Freud glauben w√ľrde, sondern um ein ganz aktives Zurechtlegen von gesellschaftlichen Verh√§ltnissen. "Es liegt an mir, was aus mir wird", ist eine machtvolle Botschaft f√ľr lauter Leute, die in Wirklichkeit gar nicht die Macht √ľber ihr Leben haben - weil es an ihnen ja gar nicht liegt, ob die Wirtschaft genug Arbeitspl√§tze hat, ihr Staat einen Krieg anf√§ngt, in dem sie ihr Leben riskieren m√ľssen usw. Egal, ob sie in der Weisheit "Ich bin ein Verlierer" oder "Ich bin Gewinnertyp" m√ľndet - sie vers√∂hnt einen mit Verh√§ltnissen, in denen mensch sich zu bew√§hren hat, um einigerma√üen leben zu k√∂nnen. Damit ist mensch schon mal bei den √ľbersinnlichen, psychologischen oder sonstigen Lebenshilfe-Angeboten. Sie versprechen, einem/r behilflich zu sein, sich selbst zu einem erfolgreichen Menschen zuzurichten - egal ob durch spirituelle Ausgewogenheit, durch Ausnutzung des Wissens √ľber die Zukunft, durch die Kraft, die positive Selbsteinsch√§tzung gibt, oder auch nur Wohlbefinden durch Trennkost. Eine Zuspitzung dieser Gedanken ist dann die Hoffnung, durch bestimmte magische Praktiken, Meditationstechniken oder Talismane die Welt selbst zu zwingen, eine/n erfolgreich sein zu lassen. Nicht nur f√ľr die Macumba-Kulte in Brasilien, sondern auch f√ľr den ganz modernen Schwachsinn in Industriel√§ndern gilt: "Wenn Massen von brasilianischen Slumbewohnern magische Rituale betreiben, dann ist das nicht das kindisch-abstrakte Verfahren eines aus dem Naturzusammenhang noch gar nicht herausgetretenen Geistes, sich dennoch als Meister des Naturzusammenhanges zu behaupten Sie praktizieren die Illusion freier Verf√ľgung √ľber die Bedingungen und Mittel ihrer Existenz, indem sie ihre Lebensumst√§nde als eine selbst√§ndige fremde Macht, ihre Verf√ľgung dar√ľber als ein irrationales Setzen auf Verst√§ndigung mit dieser Macht vorstellen; und sie praktizieren das als besondere Sph√§re neben und abgetrennt von ihrem normalen Alltag und dessen verzweifelten K√ľnsten des √úberlebens". (6) Damit erweisen sich alle moderne Religionen als Produkt eben jener Gesellschaft, an deren Krippe die Reformation stand. Die war mit der Entdeckung des gewissensgeplagten Individuums, das auf sich wegen Erbs√ľnde und weltlichem Erfolg aufpassen sollte, die passende Religion des Kapitalismus.


"Erfolg kann man kaufen" (FAZ-Werbung)

"Bl√∂d kommt sich dabei deswegen keiner vor, weil letztlich auch der Glaube ein privates Ervolksbegehren ist und die Religion eine gro√üe B√ľrgerinitiative von lauter amerikanischen Gotteskindern" (7) Auch wenn sonst nirgendwo die Konsequenz des Protestantismus so radikal gezogen worden ist, wie im calvinistischen Nordamerika, so gilt der Satz f√ľr die meisten Religionen heute: Sie sind nicht mehr Vers√∂hnung mit dem √úbersinnlichen, sondern √ľbersinnliche Erfolgsstrategie der Individuen. Das hei√üt sie haben einen ganz weltlichen Zweck, so autoritativ und traditionell sie sich geben. Die alten M√§nner, egal ob¬īs der Bischof von Rom oder der Dalai Lama ist, arbeiten weniger mit der Furcht vor der H√∂lle oder der schlechten Wiedergeburt - auch wenn diese Sorge durchaus pr√§sent ist. Nur weil fast alle b√ľrgerlichen Subjekte von ihrer eigenen Unsterblichkeit √ľberzeugt sind, weil sie sie sich nicht vorstellen k√∂nne, einfach nicht mehr da zu sein - eben weil es zur b√ľrgerlichen Subjektivit√§t geh√∂rt, sich selbst als Zweck und Mittelpunkt der Welt zu behaupten - bewegt die Menschen die Furcht vor dem Jenseits auch heute noch. Aber wichtiger ist, ob die Religion ein attraktives Angebot zur Deutung der Welt und des eigenen Bem√ľhens, ums √úberleben ist. Weniger unhinterfragte Tradition, noch mit sozialer Macht ausgestattete Konvention sind heute der Grund, religi√∂s zu sein - auch wenn diese Gr√ľnde immer noch nicht ausgestorben sind - sondern das Streben nach individueller Weltbew√§ltigung.


"Gut, dass wir verglichen haben"

Das macht auch den recht beliebigen Charakter der modernen religi√∂sen Entscheidungen und die Gleichzeitigkeit von eigentlich sich ausschlie√üenden √úberzeugungen aus: Der Supermarkt der G√∂tter, Kr√§fte und Techniken bietet f√ľr jeden ein Angebot - im Zweifelsfall baut mensch sich eben die Religion selbst zusammen: KatholikInnen benutzen Verh√ľtungsmittel, ProtestantInnen schicken ihre Kinder auf die "Waldorf-Schulen", Moslems machen Trennkost und trinken Alkohol. Je weniger gefestigt die Religionsgemeinschaft samt des dazu immer geh√∂rigen Katalogs bl√∂dsinniger Vorschriften ist, um so wirrer, bunter und widerspr√ľchlicher kann der Einkaufszettel religi√∂ser Spinnereien, die sich ein Individuum so zusammenstellt, sein. Fanatismus ist darum auch Ausnahme in der esoterischen Szene. Alles ist ein Ansatz und ein Angebot, und gen√ľgend KonsumentInnen verteilen sich nacheinander auf die verschiedenen Sorten, die da geboten werden.


Die Adelung des Seins mit Sinn

Und manchem/r geht¬īs damit tats√§chlich besser. Weil es das beruhigende Gef√ľhl gibt, nicht einfach abh√§ngige Variable unvern√ľnftiger Verh√§ltnisse zu sein, sondern Meister des eigenen Schicksals, und sei es auch nur, indem mensch sich mit h√∂heren M√§chten vers√∂hnt. Aber auch wenn Erfolg und Gesundheit ausbleiben, kann die √úberzeugung, ein geheimer Plan laufe ab, die ruhige Gewissheit spenden, dass nichts ohne Sinn geschieht, also auf h√∂herer Ebene sich irgendwie eine Erkl√§rung f√ľr all die Grausamkeiten und Gemeinheiten der modernen Welt finden l√§sst. "Krankheit als Weg" - ist es nicht ein sch√∂neres Gef√ľhl, dass einem die eigene Krebserkrankung so dieses oder jenes gezeigt hat, als die Vorstellung, dass es sich um eine b√∂sartige, doofe Zellver√§nderung handelt, die eine/n qu√§lt, in keinster Weise irgend etwas gutes mit sich bringt und die eine/n au√üerdem noch umbringen wird? Es gibt soviel Schlechtes, das nichts Gutes hat, und auch in einer vern√ľnftigen Gesellschaft werden Menschen in der Badewanne ausrutschen und sich das Genick brechen. Die Verkl√§rung noch der miesesten Gemeinheiten zu einem in letzter Instanz schwer sinnvollen Geschehen, zeitigt ekelhafte Fr√ľchte.(8) EsoterikerInnen lauschen noch den Vernichtungslagern der Nazis einen weltgeschichtlichen Sinn ab: Wenn das vorherige Leben immer entscheidet, als was mensch wiedergeboren wird, dann war es wohl Karma f√ľr die Menschen, die vergast wurden, das sie dem rassistischen Programm der Nazis zum Opfer fielen. Nach dieser brutalen Logik liegt es eben an jedem/r selbst, was ihm/ihr passiert. Und auch die T√§ter sind dann nur Ausf√ľhrer des m√§chtig-waltenden Schicksals und nicht fanatische Anh√§nger eines Staatsprogramms.


"Ommmm" - meditative Ruhe und die Umschlagszeit des Humankapitals

Was viele Menschen an Esoterik, den verschiedenen Vulg√§r-Philosophien und fern√∂stlichen Religionen anspricht, ist das Versprechen von Gl√ľckseligkeit und dem Zur-Ruhe-Kommen. Denn all die stressgeplagten Menschen, die immer wieder von dem Gef√ľhl gepackt werden, ihnen laufe die Zeit davon und das ganze Leben sei eine dauernde √úberbeanspruchung, haben oftmals das Ideal "einer totalen Saturiertheit des Menschen; eines Zustandes, in dem keine bestimmten Zwecke mehr realisiert werden m√ľssen, weil die Individualit√§t eben als ganze affimiert ist und zur Ruhe kommt ... eine in der Privatsph√§re beheimatete Philosophie f√ľr jedermann, vor der sehr folgerichtig jede einzelne Tat und jeder vollzogene Genuss als "blo√ü" sehr teilweise und fl√ľchtige Pseudo-Befriedigung zuschanden wird" (9). Und dieses Ideal von tiefer Zufriedenheit durch vollst√§ndige Bed√ľrfnislosigkeit, wie es z.B. der Buddhismus vertritt - sehr passend zu einer Gesellschaft, in der es wenig gibt - ist ziemlich attraktiv auch in einer Gesellschaft wie der hiesigen, in der sich viele abm√ľhen mit den ihnen aufgemachten Zw√§ngen und trotzdem mehr schlecht als recht damit zu Rande kommen. Die Beschr√§nkung der eigenen Bed√ľrfnisse und W√ľnsche mit einem h√∂heren Sinn zu versehen, kann ganz attraktiv sein. Und zwar ist diese Aufforderung zur v√∂lligen Gleichg√ľltigkeit gegen√ľber dem eigenen Abschneiden in der Konkurrenz umso entspannender und tr√∂stlicher, je h√∂her die Anforderungen sind. In den letzten zwanzig Jahren hat sich das Bewusstsein herausgebildet, dass jede/r sich als "Humankapital" zu betrachten hat und den optimalen Einsatz der eigenen Zeit und Energie planen muss. Alles steht unter dem Diktat, Zeit sei Geld, und lebenslanges Lernen und die Bereitschaft, sich auf immer neue Anforderungen einzustellen, sei gefragt. Erfolgreich wird den Menschen suggeriert, ihr Erfolg hinge von ihrer Leistungsbereitschaft ab, von ihrem Einsatz f√ľr ihre eigene Verwertung als n√ľtzliche Arbeitskr√§fte. Und das dehnt sich immer mehr auch in den Freizeitbereich aus, der vom Arbeitsprozess manchmal gar nicht mehr zu unterscheiden ist. Das Gef√ľhl, nicht mehr zur Ruhe kommen zu k√∂nnen, etwas zu verpassen, die verschiedenen Notwendigkeiten nicht mehr bew√§ltigen zu k√∂nnen - all das mag es attraktiv erscheinen lassen, ganz tief in sich zu versinken.


√úbersinnlichkeit als Kritikersatz

Eine ganze Reihe von Linken und Ex-Linken hat das angeblich gesellschaftskritische Potential von Esoterik entdeckt. Die "m√§nnliche" Rationalit√§t sei zerst√∂rerisch, ist der Befund; sie versuche Natur und Mensch zu beherrschen, und indem sie nur dem Verstand und die Vernunft zulasse, lasse sie den Menschen verk√ľmmern. Die Auswirkungen dieses herrschaftlich-objektivierenden Vorgehens k√∂nne mensch an der Naturzerst√∂rung, an der Zerst√∂rung der Sinnlichkeit, an den krankmachenden Verh√§ltnissen erkennen. Dieses Pl√§doyer f√ľr Esoterik ist unfreiwillig komisch. Denn auf ihre Kritik, auf ihre Gr√ľnde f√ľr ihr Eintreten f√ľr Spiritualit√§t sind die entsprechenden Leute gar nicht durch Visionen oder √ľbersinnliche Botschaften gekommen, sondern die Anstrengung ihres vielgeschm√§hten Verstandes bringt sie auf die verr√ľckte Idee, f√ľhlen sei besser als denken. Das ist ein Ergebnis von Denken, aber verkehrtem Denken. Denn nicht die Vernunft sorgt f√ľr die allt√§gliche Vernichtung der nat√ľrlichen Lebensgrundlagen, sondern eine unvern√ľnftige Gesellschaftsordnung, in der die Bed√ľrfnisbefriedigung der Menschen nur Mittel, nicht aber Zweck ist.


Auch das Hakenkreuz war nur ein Mandala

Ins Blickfeld ist mittlerweile der Zusammenhang von Esoterik und Faschismus ger√ľckt. Es ist kein Zufall, dass die Nazis f√ľr Okkultismus und nicht-christliche Religionspraktiken ein gro√ües Herz hatten. Das ist zum einen insofern nicht verwunderlich, als dass die Sehnsucht nach der vor-christlichen Barbarei im Kelten- und Germanenkult beiden gemeinsam ist. Die Absage an die westliche Zivilisation als angeblicher Verk√∂rperung der Aufkl√§rung - was die westliche Gesellschaft wirklich nicht ist. Gemeinsam ist beiden darum auch die Absage an die Vorstellung, dass Menschen gemeinsam ihr Leben vern√ľnftig organisieren k√∂nnten und nicht abh√§ngige Variablen √§u√üerer Umst√§nde sein m√ľssen. Gemeinsam ist zum zweiten die Bereitschaft, an das geheime Wirken h√∂herer M√§chte (guter und b√∂ser) zu glauben und die Welt durch geheimes Wissen erkl√§ren zu wollen. Der dritte Ber√ľhrungspunkt sind die absolut affirmativen, d.h. die bestehende Gesellschaft best√§tigenden Vorstellungen √ľber Gott und die Welt. Dennoch ist es zu einfach, Esoterik einfach umstandslos mit Faschismus oder Rechtsextremismus gleichzusetzen. Das ist aber f√ľr eine ordentliche Kritik dieses h√∂heren Bl√∂dsinns auch gar nicht n√∂tig.


Fußnoten


1 Darunter fasse ich √úberzeugungen, die ihrem Gehalt nach religi√∂s sind, aber es nicht zu einem ausgebauten religi√∂sen System bringen bzw. deren Anh√§ngerinnen sich keiner Religion oder `Philosophie¬ī verschreiben, sondern ganz synkretistisch sowohl an Elfen, Wasseradern und die Lebensenergie Chui glauben, ohne sich um die Vereinbarkeit ihrer Glaubenss√§tze zu k√ľmmern.

2 Jutta Ditfurth und Peter Kratz seien hierbei exemplarisch genannt.

3 Trotzki, Leo: Porträt des Nationalsozialismus. In: Trotzki, Leo: Wie wird der NS geschlagen?, S.297.

4 Adorno, Theodor W.: Aberglauben aus zweiter Hand. In: Gesammelte Schriften Bd. 8. FfM: Suhrkamp 1997, 157.

5 Die modernste Form dieser Angst findet Ausdruck in Filmen wie "Matrix" oder "Die Truman-Show".

6 Imperialismus III. M√ľnchen: Resultate 1981, Nr.6, S.255.

7 Imperialismus II: Die USA - Weltmacht Nr.1. M√ľnchen: 1981, S.105.

8 Das Verhältnis von verblasenen esoterischen Weltbilder und Antisemitismus soll hier nicht untersucht werden. In Deutschland kommt dergleichen aber auf jeden Fall auch dem beleidigten Nationalismus und der Sehnsucht nach Versöhnung mit der 'eigenen' Geschichte entgegen.

9 Psychologie des b√ľrgerlichen Individuums. M√ľnchen: 1981, S.79.