24.05.2010 PDF

Das zwanghafte Wollen der Hirnforscher

Thesen zur populÀren Hirnforschung

"Die Menschen sind eben so wie sie sind und daran kann man auch nichts Ă€ndern. Sie folgen nur ihrer Natur.“
Diese ach so tiefen Welteinsichten begegnen einem immer mal wieder in der politischen Arbeit. Sie sind meistens nur dem Unwillen des Redners geschuldet, selber etwas zu verĂ€ndern. So dient diese Einsicht fĂŒr gewöhnlich dem Arrangement mit dem Bestehenden. Da kommt es ganz gelegen, wenn diese Position nun auch aus der Naturwissenschaft den RĂŒcken gestĂ€rkt bekommt. Die Naturwissenschaften sind ja schließlich zustĂ€ndig fĂŒr die harten Fakten, denen sich niemand entgegenstellen kann. Und das stimmt ja auch zum Teil: Ein Naturgesetz kann ich nicht Ă€ndern, sondern nur gezielt nutzen. Die Auswirkungen der ‚Fallgesetze’ gelten immer, lassen sich aber zum Beispiel beim Sport (einige Geschicklichkeit vorausgesetzt) auch wunderbar nutzen, um mit einem Ball zu spielen. Im großen Stil werden Naturgesetze in der Industrie eingesetzt, die aus der Erkenntnis der zugrundeliegenden Gesetze die Technik gewinnt, mit der sie sich vom einfachen Naturzusammenhang befreit (doch dazu spĂ€ter mehr). Auch in der Medizin hat der Mensch z. B. ĂŒber die Chemie und Biologie so einiges ĂŒber seinen eigenen Stoffwechsel gelernt, das er nun einsetzen kann, um z. B. den GrĂŒnen Star zu verhindern oder die schwarze Pest zu heilen.
Warum also nicht auch genaueres ĂŒber das Gehirn erfahren? TatsĂ€chlich gelingt es der Hirnforschung immer besser, z. B. Stoffwechsel und elektrische Impulse der Neuronen des Gehirns zu verstehen. Und daraus konnten und können dann neue Verfahren zur Heilung bisher nicht heilbarer Krankheiten resultieren (z. B. SchlaganfĂ€lle).

Das Gehirn als Naturding soll den Freien Willen zum Unding machen

Neben der eher medizinisch-praktischen Hirnforschung gibt es aber auch einen Zweig der Hirn-Grundlagenforschung, der erkannt haben will, dass alle unsere Entscheidungen in Wirklichkeit gar nicht unsere eigenen seien, sondern nur auf neurophysionale Prozesse zurĂŒckgingen, also anders gesagt: rein chemisch und physikalisch bestimmbare biologische Prozesse in unserem Gehirn sein sollen. Wie bei diesen natĂŒrlichen Prozessen haben diese Forscher im gesamten Hirn keine von den Naturgesetzen abweichende Steuerung durch einen wo immer auch herkommenden freien Willen feststellen können. TatsĂ€chlich gehen die entsprechenden Neurophysiologen davon aus, dass alle physischen Regungen des Menschen, zu denen sie auch ihr Denken rechnen, determiniert, also schon im Vorhinein festgelegt und nicht frei sind. Sie wĂŒrden den Naturgesetzen folgen. Es sei falsch, zu glauben, der Mensch könne die Naturgesetze seinem eigenen Willen entsprechend fĂŒr sich einsetzen. Die Vorstellung einen eigenen Willen zu haben, sei zwar nĂŒtzlich, sie entsprĂ€che aber in keiner Weise den natĂŒrlichen AblĂ€ufen. Das Gehirn folge seiner Natur, wenn es den Menschen quasi vorspiele einen freien Willen zu haben. Damit wĂŒrden diese Hirnforscher aber dennoch nicht sagen wollen, die Gehirne ĂŒbernĂ€hmen nun die ‚Macht’, sondern nur, dass die Naturgesetze in ihnen zu einer besonderen Konstellation gefĂŒhrt hĂ€tten, die nun wiederum zu so etwas wie Denken fĂŒhre. Diese besondere Konstellation werde von der ‚Hardware’-Seite ĂŒber die Gene weitergegeben. Darum brĂ€chten die Menschen die Anlage zum Denken von Natur aus mit. DarĂŒber hinaus wĂŒrden die aktuellen Verschaltungen im Gehirn (‚Software’-Seite) aber durch unsere Umwelt geformt, also auch durch den Prozess der menschlichen kulturellen Entwicklung, der z. B. durch ErzĂ€hlungen, Verhaltensweisen und die technische Bestimmtheit der Welt weitergegeben werde. Die Forscher sprechen dabei von der biologischen und der kulturellen Evolution, die beide rein den Naturgesetzen folgen wĂŒrden.
„Die Forscher haben sich halt gefragt, ob es im Gehirn des Menschen irgendeinen Prozess gibt, der darauf hindeutet, dass etwas nicht nach den Naturgesetzen ablĂ€uft. Und die Antwort lautet Nein. Anders gefragt: LĂ€uft das menschliche Gehirn wie alle anderen Gehirne determiniert ab, also rein nach Naturgesetzen? Die Antwort heißt Ja. Bisher haben wir da nicht die kleinste LĂŒcke, etwa fĂŒr das Wollen, gefunden. Und wenn es eine gĂ€be, wĂŒrde sie den Naturgesetzen fundamental widersprechen.“
Die Kompliziertheit dieser Prozesse im Gehirn und dass man dem eigenen Denken nicht direkt zusehen könne, hĂ€tten die Menschen bisher zu der falschen Vorstellung gebracht, sie besĂ€ĂŸen einen freien Willen. Konsequent verfolgt der Hirnforscher Gerhard Roth den Determinismus des Denkens bis hin zu dem des menschlichen Handelns. Denn das freie menschliche Handeln sollte ja dem freien menschlichen Denken folgen. Wer aber nicht frei ist im Denken, handelt auch nicht frei. Weder im Privaten, noch im gesellschaftlichen Zusammenhang. Dies widersprĂ€che zwar den WĂŒnschen und dem Wollen der Einzelnen, scheineaber die einzig mögliche naturwissenschaftliche ErklĂ€rung des Denkens und Handelns. Es mag sich fĂŒr uns vielleicht so anfĂŒhlen, als hĂ€tten wir einen freien Willen, aber dieses GefĂŒhl sei naturwissenschaftlich als eine TĂ€uschung entlarvt. Denn der Wille sei, wie alles Mentale (Geistige), an das Gehirn gebunden. Ein Indiz fĂŒr diese Behauptung ist, dass der ‚freie’ Wille erlischt, wenn das Gehirn zerstört wird. Oder, weniger drastisch, dass wir uns bei starkem Hunger schlechter konzentrieren können. Der Mensch zerfalle also nicht in freies Denken auf der einen Seite und biologisches Gehirn auf der anderen Seite, sondern eine solche gegensĂ€tzliche Zweiteilung (Dualismus) sei einfach nur eine falsche Vorstellung, die die Hirnforscher genauer untersucht hĂ€tten und als falsch erkannt hĂ€tten.

Das menschliche Denken: mal gemessen und mal vermessen

„Es geht um die Frage: Handelt der Mensch nach freiem Willen, oder wird sein Handeln von naturgesetzlichen AblĂ€ufen in seinem Gehirn bestimmt? [...] Ein solcher Dualismus Mensch-Natur ist völlig inakzeptabel, denn es gibt nicht den geringsten empirischen Beweis fĂŒr einen solchen Dualismus.“
„Denn neuronale Impulse können nur durch andere neuronale Impulse unterdrĂŒckt werden.“
Und nicht durch metaphysische, unkörperliche und den physikalischen und chemischen Gesetzen nicht unterworfenen Geist oder Seele oder so Zeugs.
Dieser Dualismus, also die Zweigeteiltheit der menschlichen Existenz in Körper und Seele ist, so wie Roth ihn betrachtet, ein altes religiöses Dogma. In ihm sollte sich die Trennung der Welt in Geist und Körper frĂŒher einmal auch die Freiheit des Menschen gegenĂŒber der tierisch, körperlichen Welt ausdrĂŒcken. Roth fĂ€llt ganz richtig daran auf, dass sich durch diese Trennung nicht mehr erklĂ€ren lĂ€sst, wie Geist und Körper aufeinander einwirken. Die Trennung wĂŒrde dann eigentlich die Unfreiheit des Menschen beweisen, der sich zwar alles denken kann, aber nichts bewirkt, weil die Natur von ihm völlig unbeeinflussbar ablĂ€uft. Entsprechend wĂ€re seine Freiheit nicht real.
Roth will diese Zweigeteiltheit wegen ihrer WidersprĂŒche ĂŒberwinden. Er wendet sich deshalb gleich der RealitĂ€t der Welt zu und sieht entsprechend nur die Seite des Körpers als real an. Dabei versucht er auch zu verstehen, wie die falsche Vorstellung der Zweigeteiltheit rein naturwissenschaftlich, also rein ‚körperlich’ erklĂ€rt werden kann. Dazu setzt er die Mittel der Naturwissenschaften ein, die ihm fĂ€lschlicherweise als einzige Quelle fĂŒr sichere Erkenntnis gelten. Die GesetzmĂ€ĂŸigkeiten unseres Verstandes sollen sich seiner Ansicht nach durch Versuche bestĂ€tigen lassen und nicht durch ‚bloße Spekulation’.

Zwar ganz falsch gedacht, aber trotzdem richtig gemacht

„Heute weiß man ziemlich genau, wie Handlungen in unserem Gehirn vorbereitet werden. Und wir haben, weil wir das Gehirn jetzt viel besser beim Arbeiten beobachten können, auch genauere Vorstellungen davon, wie es in uns das GefĂŒhl, etwas zu wollen, produziert.
[...]
Das Unbewusste hat das erste und das letzte Wort. Das erste beim Entstehen der WĂŒnsche, das letzte bei der endgĂŒltigen Entscheidung ĂŒber meine Handlung. Dazwischen können wir beliebig lange hin und her ĂŒberlegen und haben die Illusion des freien Willens. Doch was man dann letztlich tut, hĂ€ngt nur sehr bedingt ab von dem, was man lange hin und her ĂŒberlegt hat.
[...]
Wir haben einen Apparat in unserem Gehirn, das Limbische System, das völlig unbewusst arbeitet. Es entscheidet schon im Mutterleib und das ganze Leben hindurch ĂŒber das, was wir tun. Dies tut es auch anhand angeborener PrĂ€ferenzen, aber ĂŒberwiegend auf Grund von Erfahrung.“
Also nochmal: Hirnforscher wie Roth gehen davon aus, dass es keine Trennung zwischen Denken und Natur geben könne, sondern alle menschlichen Äußerungen und Denkprozesse nichts als natĂŒrliche AblĂ€ufe seien, die der Evolution des Menschen entsprĂ€chen.
Richtig daran ist, dass die Erscheinungen der Natur tatsĂ€chlich nur nach Naturgesetzen bestimmt und bestimmbar sind. In sie wirkt erst einmal nichts von außen ein, das gĂ€nzlich anders wĂ€re als sie selbst. Die Frage lautet: Wie soll unkörperliches Denken auf körperliche Prozesse einwirken? Mit den naturwissenschaftlichen Messverfahren ist es völlig unmöglich, etwas zu messen, das den erwarteten Ausgang der laufenden Naturprozesse von außen stört oder verĂ€ndert und somit z. B. als freier Wille in sie eingreift. Abweichungen von den in der Forschung erwarteten Resultaten des natĂŒrlichen Ablaufs fĂŒhren deswegen auch nicht zur Annahme, dass es doch so etwas wie einen Willen gĂ€be, der sich hierin ausdrĂŒcke, sondern die Abweichungen fĂŒhren entsprechend zu Korrekturen der sich als falsch erwiesenen bisherigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen. Und darĂŒber hinaus fĂŒhren sie zu neuen Erkenntnissen ĂŒber die bisher einfach nicht genau genug bekannten NaturzusammenhĂ€nge. Dass noch nicht alle Naturprozesse vorhergesagt werden können, liegt dann unter anderem an unserem noch mangelnden Wissen.
Andererseits arbeiten diese Hirnforscher aber auch an dem Problem, dass Denken und neurophysiologische Prozesse nicht direkt identisch sind, sondern nur in ein relationales System gebracht werden können.
Die Denkprozesse können trotz z.B. bildgebender Verfahren bei den Hirnuntersuchungen nicht direkt erkannt werden. Die Vorstellung eines Dreiecks lĂ€sst sich nicht direkt in den Formen oder Spannungsleitungen der Hirnzellen ablesen. Darum mĂŒssen Hirnforscher zuerst einmal fragen, was ein untersuchtes Menschen-Gehirn denn so denkt. DafĂŒr wiederum können sie nicht das Gehirn direkt befragen, sondern nur das Bewusstsein des Menschen, der sich zu diesen Experimenten zur VerfĂŒgung stellt. Wenn dieser sagt, dass er sich ein Dreieck vorstellt, ist es möglich die Beobachtungen, die die Hirnforscher zeitgleich in seinem Gehirn machen, dazu in Bezug zu setzen: die Vorstellung des Dreiecks und die Hirnströme werden in ein korrelatives System gebracht. Sie werden aufeinander bezogen, weil sie zwei verschiedene Dinge sind: Vorstellung eines Dreiecks und Hirnstrommessungen beim Vorstellen eines Dreiecks. Das macht man so hĂ€ufig und bei so vielen Leuten, bis man sich relativ sicher ist, das diese Prozesse zueinander gehören. Also bei jedem, der den Gedanken an ein Dreieck hat, eine bestimmte, wiederholbare Beobachtung im Gehirn zu machen ist.
Manche Hirnforscher schießen dabei schon einmal ĂŒbers Ziel hinaus und sagen diese Prozesse seien ein und derselbe. Doch auch wenn die so genannte Kritische Neurophysiologie diese ‚vorschnelle’ Gleichsetzung der verschiedenen Prozesse fĂŒr falsch hĂ€lt, ist sie im nĂ€chsten Moment dabei, aus diesen RegelmĂ€ĂŸigkeiten GesetzmĂ€ĂŸigkeiten zu machen und die Korrelation von Verschiedenem (Inhalt des Denkens und neuronale Signalleitungen) in dieser Hinsicht aufzulösen. Zwar lassen sich Korrelationen erfahrungsgemĂ€ĂŸ feststellen, ob und wie die zwei Sachen tatsĂ€chlich zusammenhĂ€ngen, muss aber darĂŒber erschlossen werden, wie die beiden Sachen unabhĂ€ngig voneinander bestimmt sind. Daraus kann ich erschließen, wie das eine ggf. auf das andere wirkt. Diese tatsĂ€chlichen ZusammenhĂ€nge kennen die Hirnforscher aber gar nicht, sondern sie behaupten nur, dass sie sicher wĂŒssten, dass diese Prozesse in letzter Konsequenz identisch seien. Nun hat ja niemand, der ernst zu nehmende BeitrĂ€ge zu dem Problem des Dualismus Welt ? Denken gebracht hat, behauptet, das Denken wĂ€re unabhĂ€ngig von der physischen Existenz des Menschen. Aber aus einer Korrelation resultiert ĂŒberhaupt nicht die IdentitĂ€t dessen, was aufeinander bezogen wird. Ganz im Gegenteil: In einer Korrelation braucht es zwei unterschiedene Prozesse, die aufeinander bezogen werden. Damit ist Roth also noch keinen Schritt weiter als die von ihm zu recht kritisierten dualistischen Denker. Der Prozess eines Gedankens (und mag er noch so richtig oder falsch sein) und der neuronale Prozess sind zwei verschiedene Prozesse, die hier rein statistisch aufeinander bezogen werden.
Dies ist von Roth ja gerade als Argument gegen den freien Willen gemeint, wenn er sagt, inzwischen seien sich „alle neurobiologischen und psychologischen Fachleute darin einig, dass es zwischen dem GefĂŒhl, etwas zu wollen, und dem eigentlichen Auslösen der Tat keine kausale Beziehung gibt.“ Nur dass dies bedeute, es gĂ€be keinen freien Willen, denn dieser sei den neurologischen Prozessen auch zeitlich nachgeordnet.
„Nur, dass im Gehirn so viele Faktoren miteinander verrechnet werden, dass wir das nicht mehr nachvollziehen können. Was wiederum die Illusion erzeugt, als ginge das nicht kausal zu. Wenn man so ein Netzwerk physikalisch nachbaut, wie wir Forscher es getan haben, verhĂ€lt es sich schon bei nur fĂŒnf oder sechs Faktoren so unberechenbar, dass man ihm fast einen freien Willen zuschreiben wĂŒrde.“
Da Roth diesen Gedanken durchaus ernst nimmt, kommt er zu dem (allerdings falschen) Schluss, dass die Menschen nicht nur nichts Genaues ĂŒber den tatsĂ€chlichen Bezug vom biologischen Gehirn auf dessen Gedanken herausfinden können, sondern gleich gar nichts Genaues ĂŒber die Welt erfahren können, da sie immer nur eine vage Vorstellung von dieser hĂ€tten. Die Trennung von Naturprozessen und Denken trifft selbstverstĂ€ndlich auch die Naturforscher, deren Verdienst nur darin bestehe, die Trennung aufzuzeigen. Das Gehirn denke sich die Wirklichkeit aber falsch und darum werde es zum falschen Denken aus richtigen Antrieben, denn es wolle sich die Wirklichkeit ja erklĂ€ren. Nur sei es sich seiner eigenen notwendig falschen Gedanken nicht bewusst, bevor die kulturelle Evolution nicht bei der Bewusstwerdung dieses Problems der ‚bewussten unbewussten Wirklichkeit‘ ganz natĂŒrlich angekommen sei. Dieser Widerspruch, den Roth sich selbst eingehandelt hat, interessiert ihn bei der weiteren Erforschung aber nur am Rande. Im Ganzen bleibt seine Untersuchung an die naturwissenschaftliche Vorgehensweise „Theorie ? Experiment ? Schlussfolgerung“ gebunden. Und diese geht eben nicht davon aus, dass die Welt prinzipiell unzugĂ€nglich ist, sondern erforscht sie mit ganz handfesten Experimenten. Erst einmal findet Roth dabei weitere Korrelationen heraus und diese deutet er dann einfach zu ‚Gesetzen’ um.

Naturgesetze als Beleg fĂŒr Willensfreiheit

Die Experimente, die Roth als Beleg fĂŒr die Naturgesetzlichkeit des Denkens ansieht, setzen aber ganz im Gegenteil den freien Willen immer schon voraus. Sie können ihn gar nicht widerlegen, wenn sie ihre eigene Aussagekraft nicht ebenfalls verlieren wollen.
Die Aussagekraft besteht selbstverstĂ€ndlich nicht darin, Naturgesetze beweisen oder widerlegen zu können, wie es sich manche Empiriker vorstellen, sondern die Experimente zeigen (wie auch der Arbeitsprozess) die tĂ€tige Vermittlung von Denken und Welt. Die Gesetze und die GrĂŒnde die Naturgesetze zu beweisen oder zu widerlegen sind rein gedacht. Dennoch sind sie, wie die technische Anwendbarkeit zeigt, auch in der Welt real.
Naturgesetze lassen sich nicht prĂ€parieren. Einzelne Naturprozesse zu identifizieren und das Experiment als Beleg fĂŒr das vorweg angenommene Naturgesetz anzusehen, widerspricht sogar der Vorstellung der Hirnforscher, weil sie so den Zweck verfolgen, die Naturgesetze zu beweisen. Zwecke zu verfolgen sollte aber nicht mehr möglich sein, wenn es keinen freien Willen gibt, der das Handeln der Forscher vorweg plant und dann entsprechend umsetzt.
Es hilft den Hirnforschern auch nichts, wenn sie einwenden, der Wille des Forschers sei gar nicht frei, sondern ebenfalls determiniert, denn dann wĂŒrde sich die Natur (vermittelt durch die menschlichen Gehirne) in unserem Denken nur selbst erkennen. So wird den Menschen abgesprochen ein Subjekt ihrer Taten zu sein und andererseits dieses Subjekt in die Natur verlegt. Doch gerade die Natur sollte ja nur nach Naturgesetzen ablaufen und somit eben nicht selber (frei und bewusst) Handeln.
Entsprechend können die Hirnforscher nun entgegnen,dass die Natur dies auch nicht tue, sondern die Naturprozesse eben einfach gegeben seien und so abliefen, wie sie abliefen. Damit bliebe aber nur 1. die Behauptung, Naturprozesse und ihre ErklÀrung wÀren ein und dasselbe, oder aber 2. die Feststellung, das sich das forschende Subjekt nicht wegdenken kann, ohne das Subjekt auf die Natur oder sonstwohin (z.B. Gott) zu verschieben. Dann hÀtte die Natur den freien Willen, der den Menschen abgesprochen wurde, weil er doch grundsÀtzlich unmöglich sein sollte. Es ist aber gerade das freie Denken, das die Naturprozesse vorfindet und sich zu erklÀren versucht.
Dass die Naturprozesse gegeben sind, soll andererseits selbstverstĂ€ndlich nicht heißen, dassdie Natur einem bewussten Schöpfungsakt folgt, der sie in dieser Weise ‚gegeben’ hĂ€tte. Die Naturgesetze erkennt das Denken, das sich die Natur (als etwas dem Denken Entgegengesetztes) zu erklĂ€ren versucht. Und dieses Denken, da haben wiederum die Hirnforscher ganz recht, ist nicht einfach unabhĂ€ngig von der Physis der Menschen. Die menschliche Freiheit ist nicht absolute Freiheit oder unbegrenzte Macht des Menschen der Natur gegenĂŒber. Diese eigentlich ja magisch zu nennende Vorstellung eines freien Willens ist falsch. Dann wĂ€re es nicht nur möglich GegenstĂ€nde gegen die ihnen eigenen Naturgesetze zu bewegen, also z.B. HĂ€user nur qua Willen fliegen zu lassen, sondern auch gar nicht so schlimm, Hunger zu haben, weil ich mir die gewĂŒnschte Mahlzeit nur herbeidenken mĂŒsste.

Die Überwindung des einfachen Naturzusammenhangs

Der tĂ€tige Mensch unterscheidet sich vom einfachen Naturzusammenhang durch seinen Zwecke setzenden und umsetzenden Willen. Das der Mensch z.B. KĂ€lte durch ein Feuer ertrĂ€glich machen kann, stellt den Menschen nicht außerhalb dieses Naturzusammenhangs. Aber er kann ihn bewusst nutzen. Durch Einsatz der eigenen Natur auf die Natur zu wirken und diese gezielt einzurichten, ist eine Voraussetzung der menschlichen Kultur. DarĂŒber hinaus lĂ€sst die arbeitsteilige Erweiterung der Möglichkeiten des Einzelnen den einfachen Naturzusammenhang fĂŒr den in der Gesellschaft lebenden Menschen weit hinter sich. Die zunehmende Loslösung vom einfachen Naturzusammenhang könnte dem Menschen zugute kommen. Aber in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft wird daraus die Einordnung und Unterordnung unter Staat und Kapital. Wobei nicht die Arbeitsteilung oder die Naturbeherrschung das Problem sind, sondern der Zweck, unter den diese gesellschaftliche Arbeitsteilung und Naturbeherrschung gestellt ist.
In der kapitalistischen Produktionsweise ist nicht das Wohl der Menschen der Zweck, sondern die Produktion von Mehrwert um des Mehrwerts Willen. Den Mehrwert wiederum mĂŒssen die LohnabhĂ€ngigen fĂŒr das Kapital erarbeiten, weil sie sich nur auf diese Weise auch selbst erhalten können. Die daraus resultierenden ZwĂ€nge scheinen den Einzelnen dann wieder genauso unabĂ€nderlich wie die Naturgesetze. Die Arbeiter produzieren und reproduzieren aber eigentlich ihre eigene AbhĂ€ngigkeit vom kapitalistischen Produktionsprozess. Der ist zwar naturwissenschaftlich, technisch vernĂŒnftig bestimmt, aber sein Zweck ist nicht vernĂŒnftig. Außerdem trennt diese unvernĂŒnftige Produktionsweise die Menschen von ihren Reproduktionsmitteln und sorgt fĂŒr die AbhĂ€ngigkeit der Menschen vom kapitalistischen Reproduktionsprozess. Obwohl die Produktivkraft der Arbeit und die Einsichten in die GesetzmĂ€ĂŸigkeiten der Natur als Teil der kapitalistischen Produktionsweise permanent fortschreiten (mĂŒssen), scheint der Produktionsprozess mit seinen HĂ€rten und AbhĂ€ngigkeiten vom Kapital ganz und gar Sachzwang zu sein, also wiederum einfacher Naturzusammenhang zu sein.
Auch der Wissenschaftsbetrieb ist dem Kapital und seinen Interessen untergeordnet und trĂ€gt die falschen Vorstellungen von dessen ‚NaturwĂŒchsigkeit‘ in sich. Damit sind aber nicht alle Erkenntnisse desselben falsch. Sich z.B. mit Hirnforschung zu beschĂ€ftigen ist sinnvoll, aber auch unsinnig, wenn sie als Teil der Ideologieproduktion in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft betrieben wird.
Ein Teil der Hirnforscher beteiligt sich dennoch an der Ideologieproduktion und meint dabei (besonders innovativ) interdisziplinĂ€r zu arbeiten, denn ihm erscheinen die anderen Disziplinen bĂŒrgerlichen Denkens und Miteinanders nun in einem neuen Licht (z.B. Soziologie, Psychologie, etc.). Damit sind diese Hirnforscher endgĂŒltig auch bei den aktuellen gesellschaftlichen Fragen angekommen. Forschungsgelder fließen nicht nur, weil sie gute Grundlagenforschung betreiben, sondern auch, weil die Ergebnisse dem Herrschaftspersonal sinnvoll erscheinen. Deren Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen von Subjekten beim kapitalistischen Wirtschaften und im bĂŒrgerlichen Staat mit seinem Gewaltmonopol.

Inwieweit sind die ‚Erkenntnisse’ der Hirnforschung ideologisch?

  • Gesellschaftliche Sachverhalte werden fĂ€lschlicherweise als biologische bzw. sozio-biologische GegenstĂ€nde gefasst und scheinen so naturgegeben und nicht kritisierbar oder willentlich verĂ€nderbar. - Hierbei gelten die Naturwissenschaften fĂ€lschlicherweise als weniger anfĂ€llig fĂŒr ideologische Interpretationen.
  • Die ErklĂ€rung von gesellschaftlichen Sachverhalten als naturgegeben verschleiert das KapitalverhĂ€ltnis, welches aber auf Gesetzen beruht, die teilweise als Naturgesetze erscheinen. So werden die jetzigen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse zur ‚zweiten Natur’, die sich fĂŒr den Einzelnen genauso wie die einfachen Naturprozesse darstellt [Flut?FlĂŒchtlingsflut; Erdbeben? Beben der FinanzmĂ€rkte, etc.].Doch geht das noch weiter: Über den Einzelnen hinaus bestimmen sogenannte SachzwĂ€nge nicht nur als rhetorischer Politikertrick die Gesellschaft.
  • Angesichts ökonomischer und gesellschaftlicher (Sach-) ZwĂ€nge, denen die Menschen ausgesetzt sind, wird manchen ihre Willensfreiheit zum bloßen Schein. ‚Wir‘ mĂŒssen uns stĂ€ndig anpassen, damit es ‚der Wirtschaft’ gut geht und nicht umgekehrt. Dieser Zwang wird zum eigenen Anliegen, weil das eigene Überleben (Lohn, Rente, etc.) von der kapitalistischen Produktion abhĂ€ngt.Darum ist fĂŒr viele Menschen der naturgesetzliche Determinismus plausibel. Diese Vorstellung liefert ein vermeintliches Erkennen sowohl der ZwĂ€nge, als auch die ErklĂ€rung der persönlichen Erfahrung und befreit darĂŒber hinaus vom (freien) Willen, die Prozesse oder VerhĂ€ltnisse zu Ă€ndern. Ein solcher Versuch wird hingegen als veraltet und dumm angesehen. So wird die Ohnmacht des Einzelnen im gesellschaftlichen GefĂŒge zum Argument gegen deren Überwindung verdreht.
  • Weil alles natĂŒrlich determiniert sei, könne es keine Revolution geben. Umgekehrt aber werden den populĂ€ren Hirnforschern und ihren AnhĂ€ngern politische Positionen und Handlungen zu Teilen der Evolution, die allein das Handeln der Menschen bestimme und damit auch rechtfertigt.
  • WĂ€hrend so die bewusste und politische Befreiung der Menschen fĂŒr unmöglich erklĂ€rt wird, dient die populĂ€re Hirnforschung im politischen AlltagsgeschĂ€ft der bĂŒrgerlichen Gesellschaft dann dazu, die Positionen und Interessen von Politikern und Wirtschaftsvertretern (gerne auch konservative bis reaktionĂ€re) als natĂŒrlich legitimiert darzustellen. Dass aber auch jede Abweichung vom herrschenden Denken als natĂŒrlicher Prozess gesehen werden kann, ist eine weitere Frage, die die Hirnforscher bewegt.

Vom ‚naturgegebenen’ und darum fĂŒr Hirnforscher einzig richtigen Gewaltapparat

Bei der Betrachtung von Recht und Ordnung kommen Hirnforscher deshalb schon einmal zu nicht ganz so neuen Vorstellungen betreffs der Rechtsordnung:
„Ich behaupte: StraftĂ€ter können im moralischen Sinne nichts fĂŒr das, was sie tun, sondern sie tun das, was das Resultat des komplizierten und höchst individuell verlaufenden AbwĂ€gungsprozesses in ihrem Gehirn ist - so abartig dieser Prozess auch ablaufen mag! Das heißt aber nicht, dass sie nicht bestraft werden dĂŒrfen. Sie dĂŒrfen nur nicht bestraft werden auf Grund der Annahme, dass sie auch anders hĂ€tten handeln können, sondern weil die Gesellschaft ihr Verhalten nicht duldet - und damit sie sich eventuell bessern.“
„TatsĂ€chlich hat man bei Soziopathen oder ImpulsgewalttĂ€tern hirnorganische Faktoren feststellen können, die ihr abweichendes Verhalten bedingen. Das heißt: Die mit am hĂ€rtesten bestraft werden, können wohl am wenigsten dafĂŒr.
Sie sind unschuldig im moralischen Sinne, nicht im Sinne der Normabweichung und sozialen SchĂ€dlichkeit. Und da kommen wir zum Kern der ganzen aktuellen Diskussion: Strafen mĂŒssen einen anderen Sinn bekommen. Im angelsĂ€chsischen Recht zum Beispiel wird der Sinn des Strafrechts mehr in der Besserung oder der PrĂ€vention gesehen als in der moralischen Abstrafung. Die Angelsachsen sind Erziehungsoptimisten.“
Das lĂ€uft auf folgendes heraus: Wenn das Strafen und die Drohung mit Strafe Besserung oder PrĂ€vention bedeutet, dann nur, weil die jeweiligen Straftaten biologisch begrĂŒndet sein sollen und entsprechend geduldet bzw. behandelt werden sollen. Und das geht noch weiter, denn dann ist nicht an den Willen des TĂ€ters zu appellieren, sondern nur das natĂŒrliche Strafmaß zu ermitteln, vermittels dessen sich die Gesellschaft selbst erhĂ€lt. Strafe und Strafmaß sind fĂŒr Roth also natĂŒrliche Maßnahmen und so ebenfalls nicht mehr kritisierbar. Dabei wird die bĂŒrgerliche Gesellschaft als natĂŒrlicher Zusammenhang angenommen. Die ZwĂ€nge in ihr werden nicht analysiert, sondern biologisiert. Der Kriminelle ist biologisch ein Krimineller geworden, und nicht etwa, weil er seinen Mangel an Geld als BankrĂ€uber beheben will. Aber hier kommt Roth dann doch ins Straucheln, ganz so ernst will er dass beim StraftĂ€ter mit dem Determinismus als wissenschaftlich aufschlĂŒsselbaren nĂ€mlich nicht nehmen:
„Es gibt einen genetischen Sockel bei StraftĂ€tern, der liegt bei rund 20 Prozent. Aber der grĂ¶ĂŸte Teil liegt wohl in frĂŒhkindlichen Erfahrungen. Und hier wird es kompliziert. Wenn man bei schweren Straftaten in die Vergangenheit des Angeklagten guckt, findet man immer etwas. Aber man kann nicht umgekehrt von einem auffĂ€lligen Verhalten auf einen spĂ€teren Mord schließen. Ob jemand Mörder wird, hĂ€ngt ja auch vom weiteren Lebensverlauf und auch von der Situation ab. Also kann man ihn nicht prĂ€ventiv einsperren. Nur rĂŒckwirkend ist ein Determinismus erkennbar, aber nicht vorab.“
Damit wird aus dem sogenannten wissenschaftlich bewiesenen Determinismus die einfache Aussage, dass es so gekommen ist, wie es kommen musste. Von wissenschaftlicher Erkenntnis bleibt hier nur die richtige Feststellung, dass Handlungen GrĂŒnde haben. Von den tatsĂ€chlichen GrĂŒnden wird aber abstrahiert. TatsĂ€chliche gesellschaftliche wie persönliche GrĂŒnde bleiben außen vor. Gleichzeitig wird Roth die pĂ€dagogische und andere staatliche Gewalt zur Notwendigkeit, da sich mit ihr die Gesellschaft erhĂ€lt. Die Gesellschaft selbst aber bleibt unbegriffen. Sie ist fĂŒr Roth allemal richtig wie sie ist, denn sonst wĂ€re sie anders, wofĂŒr der natĂŒrliche Prozess der kulturellen Evolution sorgen soll. In dieser Evolution stelle sich immer das ‚Beste’ her, also eigentlich das ‚natĂŒrlich Notwendige.’
Am Rande sei hier noch bemerkt, dass dieser 20%-ige „genetische Sockel“ „wohl“ der „frĂŒhkindlichen Erfahrungen“ völlig haltlose Behauptungen Roths sind, die den Menschen aber wiederum rein naturwissenschaftlich statistisch erfassen wollen, indem sie seine Handlungen oder Grunddispositionen in genetische und erfahrungsbezogene Teile zerlegen.
„SelbstverstĂ€ndlich braucht man nicht an einen freien Willen zu glauben, um von der Erziehbarkeit des Menschen auszugehen. (...) Bisher haben wir es uns bequem gemacht und uns mit dieser Frage nicht wirklich beschĂ€ftigt, weil es ja um moralische Schuld und nicht um Besserung ging. Der bisherige Strafvollzug hat die Frage einer wirksamen Therapie nicht ernst genommen, wie auch Experten sagen.“
Die Therapie setzt fĂŒr diese Hirnforscher aber nicht erst im Nachhinein ein, sondern die Menschen können und mĂŒssen auch im Vorhinein gesellschaftskonform gemacht werden. Eben ĂŒber PĂ€dagogik, Psychologie und den ganzen herkömmlichen Gewaltapparat, der die ‚Einsicht’ des Einzelnen in die natĂŒrliche Notwendigkeit eines konformen Verhaltens zu bestĂ€rken hilft.
„Man muss tatsĂ€chlich tolerant sein in dem Sinne, dass jeder StraftĂ€ter die Chance der Umerziehung erhĂ€lt. Der einzelne Mensch ist nicht im moralischen Sinne verantwortlich fĂŒr sein Tun, aber die Gesellschaft ist sozial verantwortlich fĂŒr das, was ihre Mitglieder tun.“
Hier trifft Roth wieder durchaus Richtiges: TatsĂ€chlich ist die moralische Schuld, die den TĂ€tern in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft zumindest in der Öffentlichkeit noch immer angelastet wird, ziemlicher Mumpitz. Nur ist das mit der bĂŒrgerlichen Moral ja eh die falsche ErklĂ€rung. Die dient nicht dazu, die tatsĂ€chlichen VerhĂ€ltnisse zu erklĂ€ren, sondern sie verklĂ€rt den ganzen bĂŒrgerlichen Gewaltapparat, indem sie von Gerechtigkeit redet, wo der Staat bedingungslose Akzeptanz gegenĂŒber seinen GrundsĂ€tzen meint.

Revolution oder Evolution

Die eigene Unfreiheit nicht nur zu spĂŒren, sondern an sie zu glauben als etwas, das naturgegeben ist, bedeutet, jeden gesellschaftlichen Zustand der Unfreiheit zu akzeptieren. Wenn es keinen freien Willen gĂ€be, wĂ€ren gesellschaftliche VerĂ€nderungen blindes Resultat der Evolution. Eine revolutionĂ€re VerĂ€nderung gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse als Resultat einer Kritik der herrschenden ZustĂ€nde wĂ€re undenkbar. Die These vom unfreien Willen setzt den Einzelnen gegenĂŒber der gesellschaftlichen Entwicklung in die PassivitĂ€t und enthebt ihn so nicht nur der Verantwortung fĂŒr sein Handeln, sondern auch der Möglichkeit, sich fĂŒr bessere Lebensbedingungen aller Menschen einzusetzen. Die Annahme, der Mensch sei unfrei, ist reaktionĂ€r indem sie die herrschenden Bedingungen als die natĂŒrlichen, einzig möglichen und zudem richtigen verfestigt. Diese Vorstellungen sehen die gesellschaftliche RealitĂ€t des Kapitalismus als natĂŒrlich an. Die Durchschlagskraft solcher Vorstellungen liegt auch in ihrer scheinbaren BestĂ€tigung durch die realen Erfahrungen der lohnabhĂ€ngigen StaatsbĂŒrger. Darum sind populĂ€re Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer, die die Feuilletons von FAZ und ZEIT fĂŒllen, kein bloßes Kuriosum, sondern politische Gegner, die man ernst nehmen sollte.
Ein Papier der Assoziation gegen Kapital und Nation Hannover.
Zur vertiefenden LektĂŒre empfehlen wir das Buch
NatĂŒrlich mĂŒssen die Spieler die Naturgesetze nicht kennen.
Hier und im Folgenden aus: „Sagen Sie mal: Sind wir wirklich Sklaven unseres Gehirns?“ Ein GesprĂ€ch zwischen Gerhard Roth (Hirnforscher aus Bremen) und Andreas Seche (Reporter). In: P.M. 4/2004, S. 92ff.
Roth zitieren wir nicht deshalb, weil er besonders dumm ist und sich so leicht widerlegen lÀsst, sondern weil er besonders konsequent ist in seinem Denken und seinen Darstellungen. P.M. zitieren wir nicht deshalb, weil das der einzige Text wÀre, der allgemein verstÀndlich ist, sondern weil er besonders knapp ist und dem Inhalt der entsprechenden wissenschaftlichen Texte entspricht.
Mit dem Dualismus von Leib und Seele wurde aber zugleich der Wille der Untertanen in die Pflicht genommen. Die Menschen sollten sich einem rein geistigen, höheren Wesen unterordnen, dessen Wollen auf wunderbare Weise mit dem seiner jeweiligen Vertreter auf Erden ĂŒbereinstimmte. Hinzukommt die herrschaftliche UnterdrĂŒckung aller Sinnesfreuden zumindest der untergeordneten AnhĂ€nger.
Roth will den freien Willen wie folgt bestimmt sehen:
„Freier Wille ist das GefĂŒhl oder die Einbildung: Autor meiner Handlungen, Gedanken und WĂŒnsche ist mein bewusstes Ich - und nicht das Unbewusste. Freier Wille bedeutet also, dass wir bei unseren Handlungen nicht vollstĂ€ndig determiniert, also festgelegt, sind. Dass wir, was die Zukunft angeht, einen Handlungsspielraum haben und dass wir in der Vergangenheit auch anders hĂ€tten handeln können, wenn wir gewollt hĂ€tten“
Die geforderte Erweiterung dieses Wissens durch die Hirnforscher korreliert mit dem Wunsch der Hirnforscher nach mehr Forschungsgeldern fĂŒr ihre Einrichtungen.
Das ist eine normale Vorgehensweise der Menschen, bei ihren Versuchen sich die ZusammenhĂ€nge der Welt zu erklĂ€ren. So kann ich auch im Alltag feststellen, immer wenn es regnet ist die Straße nass. Dieser Zusammenhang von Regen und nasser Straße ist eine Korrelation, die wir schon als Kinder feststellen. Das heißt jedoch nicht im Umkehrschluss, dass es immer regnet, wenn die Straße nass ist. Und daraus folgt noch lange kein Gesetz oder die Erkenntnis des eigentlichen Zusammenhangs, auch wenn es sich immer wieder beobachten lĂ€sst. Dieser statistische Zusammenhang ist eben niemals mehr als eine Korrelation.
Auch wenn dieses Denken und die Prozesse im Hirn zusammenhÀngen, ja zusammengehören, so sind sie doch nie inhaltlich identisch.
Dann brĂ€uchte es keine Forschung oder sie wĂ€re nur eine falsche Vorstellung der eigentlichen Evolution. Wobei dann ja auch alle falschen Vorstellungen immer richtig wĂ€ren, da sie natĂŒrlich sind und nicht anders seien können. Somit ginge die Möglichkeit der Unterscheidung zwischen falscher und richtiger Erkenntnis verloren.
Es gibt aber keinen empirischen Beweis der Freiheit und es kann ihn auch nicht geben, denn Freiheit ist ein Reflexionsbegriff. Freiheit ist ein ideeller Begriff und nicht eine materielle Bestimmung des Menschen. Freiheit ist darum ein Gegenstand, der der Naturwissenschaft prinzipiell unzugÀnglich ist und doch ist sie ihr notwendig vorausgesetzt.
Herrschaft setzt Freiheit immer schon voraus. Der Wille des Beherrschten soll sich dem des Herrschenden unterordnen. Das deterministische Denken kennt aber entsprechend keine Herrschaftskritik mehr an, weil es keinen Unterschied im Willen gelten lĂ€sst. Herrscher wie Beherrschter sind nur Teil eines einzigen gleichgĂŒltigen Naturprozesses. So wird noch die ĂŒbelste Unterwerfung von Menschen als natĂŒrlich notwendig und somit unkritisierbar verklĂ€rt. Sich bewusst gegen Herrschaft zu stellen, verkommt fĂŒr den Deterministen zur bloßen Illusion naiver politischer Auseinandersetzungen.
Die Menschheit hat sich soweit vorgearbeitet, dass vieles was frĂŒher als natĂŒrliche Gegebenheit galt, heute als gestaltbar erkannt ist. Das Wissen ĂŒber die Natur und die technische Anwendung dieses Wissens ist ungeheuer. Dadurch kann mensch mehr Zwecke realisieren und sich ggf. Arbeit sparen. Im Kapitalismus dagegen gelten plötzlich wiederum viele Sachen als „natĂŒrlich", in dem Sinne, dass sie unhintergehbar sind, wie etwa Armut, Konkurrenz, Konjunktur Mehrarbeit und der Mensch als prinzipiell faules Schwein, dass man immer hintenrum anpeitschen mĂŒsse. Dies aber ist ein Resultat einer Gesellschaft, in der erstmal jeder durch die staatliche Eigentumsgarantie und die Garantie der Freiheitsrechte auf sich gestellt wird und von der Entscheidung ĂŒber den ökonomischen Zusammenhang getrennt wird, von dem er abhĂ€ngt. Dann fragt sich jeder, was kann ich fĂŒr mich dabei herausholen und in diesem selbstbewussten und selbstbestimmten Akt begegnen dann tatsĂ€chlich jedem Notwendigkeiten, denen er genĂŒgen muss, auf die er aber gar keinen Einfluss hat. Relativ dazu scheint die „NaturwĂŒchsigkeit" einiger PhĂ€nomene plausibel. FĂŒr die LohnabhĂ€ngigen fĂŒhrt das kapitalistische Prinzip dazu, dass sie von der Gestaltbarkeit von Zwecken relativ wenig sehen und die fĂŒr ihren Lebensunterhalt notwendige Arbeit gar nicht deutlich weniger wird, weil diese nur dann stattfindet, wenn sie Profit abwirft. Dabei bleibt man immer vom Erfolg des Unternehmens abhĂ€ngig. Nur partiell ist man als LohnabhĂ€ngiger Nutznießer dieses Prozesses, indem man Waren nutzen kann, die zum gesellschaftlich durchschnittlichen Warenkorb gehören. Auch der Kapitalist hĂ€ngt von bestimmten gesellschaftlichen Prozessen ab, die auch er nicht bewusst mitbestimmen kann (z. B. Krise) , die er in seinem Tun aber mitbewirkt.
Der Zwang zur Mehrwertproduktion trifft dann noch die scheinbar ganz freien Kapitaleigner.
‚NaturwĂŒchsig’ heißt ein gesellschaftlich bestimmter Zusammenhang, der wie ein Naturzusammenhang wirkt. So als ob er Naturgesetzen folge und nicht von Menschen gemacht wĂ€re. Er scheint von ihren Handlungen unabhĂ€ngig zu sein. Die Gesetze der gesellschaftlichen Reproduktion werden zur ‚zweiten Natur’, wenn sie wie im KapitalverhĂ€ltnis den Menschen zum bloßen Mittel machen. Das KapitalverhĂ€ltnis selbst verschleiert sich als ewigen Naturgesetzen entsprechend, es ist ‚naturwĂŒchsig’.
„Es kann nicht anders sein in einer Produktionsweise, worin der Arbeiter fĂŒr die VerwertungsbedĂŒrfnisse vorhandener Werte, statt umgekehrt der gegenstĂ€ndliche Reichtum fĂŒr die EntwicklungsbedĂŒrfnisse des Arbeiters da ist. Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eigenen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktionsweise vom Machwerk seiner eigenen Hand beherrscht.“
Marx: Das Kapital, 1. Band, MEW 23, S. 649.
Zur ‚NaturwĂŒchsigkeit’ der kapitalistischen Produktionsweise vgl. auch
Marx: Das Kapital, 3.Band, 48. Kapitel.
Was wir nicht so verstanden wissen wollen, dass alle eigentlich erkannt haben, dass die Produktionsweise verĂ€ndert werden mĂŒsste und nur gerade mal keine Lust dazu haben. Aber sie wissen schon, dass VerĂ€nderungen auch eigenen Einsatz nötig machen wĂŒrden.
Es geht Roth um die Einhaltung der Regeln der bĂŒrgerlichen Gesellschaft, damit sich diese wie andere ‚Wesen’ im biologischen Überlebenskampf erhalten kann.
Eigentlich ist seine Kritik gar keine an der Moral und seine Kritik „das wirkt doch gar nicht“ ist falsch, weil es beim Strafen gar nicht um Besserung oder so Zeug geht.